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Porträt von Arthur Schopenhauer

Schopenhauer: "Philosoph des Katzenjammers"

Der Philosoph Arthur Schopenhauer ortete überall Leid, Angst und Grausamkeit. Die Weltgeschichte enthielt für ihn keine Tendenz zu Fortschritt oder Humanität, sondern ist Schauplatz eines erbarmungslosen Gemetzels. Als "Philosoph des Katzenjammers" passt er damit gut in die heutige Zeit der Krisen.

150. Todestag 21.09.2010

Das zumindest meint Rüdiger Safranski, Autor der Biografie "Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie". Anlässlich des 150. Todestages von Schopenhauer am 21. September hat science.ORF.at mit ihm gesprochen.

science.ORF.at: Schopenhauer war ein "unzeitgemäßer Philosoph", dessen Grundthese, dass das Leben Leiden sei, von der zeitgenössischen universitären Philosophie nicht zur Kenntnis genommen wurde. Was macht sein Denken für unsere Gegenwart aktuell?

Rüdiger Safranski

Porträtfoto von Rüdiger Safranski

epa

Rüdiger Safranski wurde 1945 in Rottweil/Württemberg geboren, studierte in Frankfurt am Main und in Berlin Philosophie, Germanistik und Geschichte. Bekannt wurde er durch seine Biografien über Arthur Schopenhauer und Martin Heidegger. Im Januar 2002 übernahm Safranski zusammen mit Peter Sloterdijk die Moderation des "Philosophischen Quartetts" im ZDF. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) und des Pen-Club Deutschland.

Rüdiger Safranski: Schopenhauer sticht aus seinem ganzen Umfeld seiner Zeit schon dadurch hervor, dass er große Zweifel daran hegt, ob das Ideal der Selbstverwirklichung wirklich dasjenige ist, was das menschliche Zusammenleben ermöglicht. Man muss sich klar machen, dass die Philosophen der Zeit, in der Schopenhauer lebt, sein Werk vorerst völlig ignorierten: Es ist die Zeit, die später als "Deutscher Idealismus" benannt wurde. In dieser Zeit feierten Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte die Geburt des Individuums; Schopenhauer stellte sich da quer.

Er hatte großen Zweifel, ob das Selbst, das hier hymnisch verklärt wird, tatsächlich die Lichtgestalt ist, als die sie die deutschen Idealisten ausgaben. Schopenhauer verwies vielmehr auf das Triebpotenzial als Antriebsmotor der menschlichen Handlungen. Er setzte die Höllenfahrt der Triebe gegen die Himmelfahrt des Subjekts. Schopenhauer ist der Philosoph, der ständig daran zweifelte, dass alles richtig läuft. Er ist ein Philosoph für eine Periode des Katzenjammers und der Krisen; da hatte er seinen großen Auftritt.

Schopenhauer begleitet die euphorischen Phasen wie ein Schatten. Ich, der Schopenhauer sehr liebt, kann mir gut vorstellen, dass die Finanzkrise eine Renaissance von Schopenhauer mit sich bringen wird.

Schopenhauer hatte zum menschlichen Leib eine ambivalente Haltung: Er wird zwar als unumgängliche Voraussetzung des menschlichen Lebens akzeptiert, ist aber gleichzeitig stets von Krankheiten, Schmerzen und schließlich vom Tod bedroht. Wie kommt Schopenhauer zu dieser Betrachtungsweise?

Ö1 Sendungshinweis

"Verletze niemanden, sondern hilf allen, soweit du kannst". Die Mitleidsethik von Arthur Schopenhauer.
Ö1 Dimensionen, 21. September, 19.06 Uhr.
Mehr dazu in oe1.ORF.at

Nach der Phase des deutschen Idealismus, die so auf den Geist gesetzt hatte, gab es in der Philosophie eine große Entdeckerfreude an der Sinnlichkeit und am menschlichen Leib. Das war wie ein inneres Afrika, da hatte man einen eigenen Kontinent entdeckt, das, was einem am Nächsten war, und das musste man doch einmal thematisieren. Da spürt man noch heute die Entdeckerfreude, dass nach all den sublimen Aufschwüngen des Geistes im Idealismus nun endlich der Körper im Mittelpunkt steht.

Schopenhauer ging noch eine Stufe weiter. Er sagte: Betrachten wir doch den Leib, jenseits aller Idealisierungen. Da zeigt sich: Der Körper ist ein Attentäter, der dich am Ende umbringen wird; man muss sicherlich mit seinem Körper befreundet bleiben, damit man bei Gesundheit bleibt, aber diese Art, mit dem Körper eine Himmelfahrt zu inszenieren, das ist abwegig.

Wie kaum ein anderer Philosoph rückte Arthur Schopenhauer das Mitleid in den Mittelpunkt seiner Ethik. Das Mitleid war für Schopenhauer die Basis aller echten Menschenliebe. Warum hat das Mitleid einen so großen Stellenwert in seinem Werk?

Arthur Schopenhauer

Porträt von Arthur Schopenhauer

Public Domain

Geboren wurde Arthur Schopenhauer am 22. Februar 1788 als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die ihn verpflichten wollte, in diesem Beruf tätig zu sein. Der frühe Tod des Vaters ermöglichte es Schopenhauer, sich der für ihn bestimmten Karriere zu entziehen
und sich dem Studium der Philosophie zuzuwenden, wobei ihm das väterliche Erbe ein gesichertes Auskommen ermöglichte. Nach philosophischen Studien in Göttingen und Berlin, die er mit der Dissertation "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom Grund" abschloss, erhielt er eine Dozentur an der Universität Berlin. Da er seine Vorlesungen demonstrativ zu den Stunden ansetzte, da auch Hegel seine Vorlesungen hielt, blieben die Hörer aus. Vom akademischen Betrieb enttäuscht, zog er sich von der Universität zurück und lebte als Privatgelehrter bis zu seinem Tod am 21. September 1860 in Frankfurt am Main.

In seiner Mitleidsethik versucht Schopenhauer, die Moral nicht an eine Norm zu knüpfen, sondern an eine Erfahrung zu binden, Er sagt, seien wir ehrlich, hören wir in uns hinein, das fremde Leid, das wir erleben, können wir, wenn wir uns nicht verhärten, spüren. Wir können daran Teil haben. Das ergibt eine gefühlte Solidarität mit dem Elend des Anderen, nicht eine eingeforderte Solidarität, sondern eine unmittelbar erfahrene Solidarität. Das ist das einzige Fundament der Moral.

Wenn man diese Quellen des Mitleiden-Könnens abschneidet, dann hängt die Moral in der Luft und wird rein normativ. Für Schopenhauer war klar, dass präskriptive Normen nie so stark sein können, um das Verhalten der Menschen tatsächlich zu regeln. Er weist darauf hin, dass, diese normativen Orientierungen kraftlos sind, wenn sie nicht mit den Erfahrungselementen, die aus dem Mitleid und der Empathie kommen, verbunden werden. Diese gelebte Empathie muss immer neu belebt werden.

In seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung", hat Schopenhauer dargelegt, dass der "Wille zum Egoismus" als zentrale Antriebskraft des menschlichen Handelns fungiert. Dieser Wille geht rücksichtslos vor und produziert viel Leid. Er spricht auch von der Verneinung des Willens, die ein "besseres Bewusstsein" hervorbringt. Was ist darunter vorzustellen?

Im Werk Schopenhauers taucht eine Ebene mystischer Erfahrung auf, die er auch selbst erlebt hat und die das "bessere Bewusstsein" nennt. In seinen Tagebüchern finden sich zahlreiche Beschreibungen dieser existenziellen Erfahrungen, die nicht auf Lektüren von Meister Eckhart oder buddhistischen Schriften basieren; das hat er erst später entdeckt, dass es da Ähnlichkeiten gibt.

In der mystischen Erfahrung erlebt er eine Art Entrücktheit von dem ganzen Weltgetriebe, in dem wir drinnen stecken und das vom egoistischen Weltwillen gesteuert wird. Es ist dies ein inneres Distanznehmen, das zu einem großen Gefühl der Befreiung geführt hat. Das wird auch in seinem Werk beschrieben; das sind Augenblicke der Kontemplation, des Innehaltens, der Entschleunigung, der Versenkung, in der sich eine eigenartige Seelenruhe ausbreitet.

Schopenhauer galt immer als "Künstlerphilosoph". Wie war seine Beziehung zur Kunst?

Schopenhauer war, was die Kunst betrifft, ein begnadeter Rezipient, er hat die Kunsterfahrung intensiv erlebt und auch schöne Worte dafür gefunden. Das wurde ja von zahlreichen Künstlern verschiedener Generationen geschätzt. Schopenhauer war immer der Philosoph der Künstler, von Thomas Mann bis Marcel Proust und Samuel Beckett. Er hatte die sanfte Grandiosität der Kunst ins Philosophische gehoben.

Man muss betonen, dass er seine gesamte Ästhetik von der Rezipientenseite aus betrachtete. Die Seite des Kunstproduzenten, das Quälende, Ringende, Verkrampfte des künstlerischen Schaffungsprozesses spiegelt sich darin nicht wider, sondern vielmehr das überströmende Gefühl, das den Kunstbetrachter bei der Rezeption von Kunstwerken überströmt.

Es gibt eine schöne Beobachtung, wenn man die größten Sprachkünstler der Philosophie wie Schopenhauer und Nietzsche miteinander vergleicht. Bei Nietzsche wird die Sprache zur Musik; er singt, wenn er denkt. Nietzsches Stil ist ein dionysischer Rausch, ein Fluss, ein Strom. Hingegen ist Schopenhauer ein Architekt, was die Sprache betrifft. Er baut seine Satzperioden, der am lateinischen Periodenbau der Sprache geschult ist. So finden sich bei beiden Denkern Archetypen der Umsetzung von Kunst im sprachlichen Stil.

Buch-Hinweise:

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, Hanser Verlag

Arthur Schopenhauer: Gesammelte Werke in zehn Bänden in Kassette, detebe 23600
Arthur Schopenhauer: Senilia. Gedanken im Alter, C.H.Beck Verlag

Alfred Schmidt: Idee und Weltwille. Schopenhauer als Kritiker Hegels, Hanser Verlag
Alfred Schmidt: Tugend und Weltlauf. Vorträge und Aufsätze über die Philosophie
Schopenhauers (1960-2003), Peter Lang Verlag
Volker Spierling: Arthur Schopenhauer zur Einführung, Junius Verlag

Schopenhauer wurde häufig als Witzfigur angesehen, der nach seinem täglichen ausgiebigen Mittagsmahl in einem gutbürgerlichen Restaurant in Frankfurt am Main mit seinem Pudel über die schlechteste aller Welten schwadronierte. Wie sah sich Schopenhauer selbst, als er im Alter über sich selbst nachdachte?

Schopenhauer wusste schon, dass das Alter eine Meeresstille bedeutet, dass, wenn im Alter alle möglichen Triebe schwächer werden, dann bei vielen Menschen das Problem entsteht, dass sie sich langweilen. Schopenhauer hingegen war glücklich, er hatte sich mittels seiner Philosophie einen inneren Reichtum geschaffen hatte, der ihm ermöglichte, auch im Alter mit sich selbst befreundet zu bleiben.

Schopenhauer hat die Kunst, nicht in ein schwarzes Loch der Depression zu fallen, kultiviert und er war stolz darauf, dass er sich nicht langweilte. Er sprach von einem doppelten Elend: vom Elend, dass man nichts hat und von Armut und Mangel betroffen ist, oder dass man sonst alles hat und sich langweilt.

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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