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Krähe stochert mit Zweig in Baumlöchern, um Käferlarven rauszuholen

Krähen stochern nach Kalorienbomben

Krähen zählen zu den wenigen Tieren, die gezielt Werkzeuge verwenden. Forschern zufolge macht die mit Hilfsmittel ergatterte Nahrung bei der neukaledonischen Geradschnabelkrähe den Großteil der Energie aus, die sie täglich zu sich nimmt. Das könnte erklären, warum sich das rare Verhalten überhaupt entwickelt und durchgesetzt hat.

Werkzeuggebrauch 16.09.2010

Nutzen des Werkzeuggebrauchs?

Der gezielte Gebrauch von Werkzeugen ist ein wichtiger Meilenstein in der Evolution des Menschen. Lang galt er als ausschließlich menschliche Domäne. Erst im letzten Jahrhundert häuften sich Belege, dass einige Tiere ebenfalls Werkzeuge verwenden. Es ist allerdings eine recht kleine Gruppe, dazu zählen etwa Menschenaffen wie Schimpansen oder Orang-Utans, außerdem manche Nagetiere, Insekten und Vögel; ein besonders beliebtes Forschungsobjekt ist die geschickte Krähe.

Die intelligenten Tiere sind bei der Verwendung von Hilfsmittel extrem kreativ. Wenn nötig benutzen sie zwei Werkzeuge hintereinander bzw. stellen es im Bedarfsfall sogar selbst her.

Ein Großteil dieser Krähenstudien sind allerdings Laborexperimente, die zwar beeindruckend demonstrieren, wie lösungskompetent die Tiere sind, der konkrete Nutzen des Verhaltens liegt aber weitgehend im Dunkel, so die Forscher rund um Christian Rutz von der University of Oxford. Sie wollten nun herausfinden, ob die Tiere auch im "echten Leben" etwas vom Werkzeuggebrauch haben und dieser nicht bloß eine Laune der Natur ist.

"Der ökologische Kontext könnte ein Licht drauf werfen, unter welchen Bedingungen und welchem Selektionsdruck sich das Verhalten entwickelt und durchgesetzt hat", so Rutz.

Nährender Baum

eine Geradschnabelkrähe mit einer Käferlarve im Schnabel

Simon Walker, AAAS

Die Krähe mit ihrer fetten Beute.

Zur Studie in "Science": "The Ecological Significance of Tool Use in New Caledonian Crows" von Christian Rutz et al.

Im Zentrum der Untersuchung standen die in Neukaledonien ansässigen Geradschnabelkrähen. Bis jetzt weiß man den Forschern zufolge recht wenig über deren Werkzeugverwendung in natürlichen Lebensräumen. Denn eine Beobachtung in freier Wildbahn gestaltet sich schwierig, die Gegend ist stark bewaldet und hügelig, zudem sind die Vögel scheu.

Aus Feldstudien kennt man allerdings zwei sehr beliebte gehaltvolle Nahrungsmittel der Tiere, beide liefert der Lichtnussbaum bzw. Kukui-Nussbaum. Zum einen sind das dessen Nüsse, die die Krähen knacken, indem sie sie auf harten Grund fallen lassen. Zum anderen die Larven eines Käfers, die im Holz des Baumes leben, welche die Vögel mit Hilfsmitteln aus ihren Löchern befördern.

Krähe stochert mit Zweig nach einer Käferlarve im Baum

Simon Walker, AAAS

Krähe stochert nach der Larve.

Die Technik erinnert laut den Forschern an das "Termitenfischen" von Schimpansen. Mit einem Zweig oder einem Blattstängel stochern die Vögel im Loch herum. Sie sekkieren die Larven damit solange, bis diese zur Verteidigung ihr kräftiges Kiefer aufreißen und zubeißen. Dann lässt sich die Beute einfach herausziehen.

Für das Aufstöbern der Larven bedarf es einiges an Übung: Junge Tiere brauchen dafür deutlich länger und sind auch seltener erfolgreich. Der Zeitaufwand ist selbst für erwachsene Krähen erheblich.

Krähe beim "Angeln" der Käferlarve:

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"Fingerabdruck" der Nahrung

Um quantitative Daten zur Futtersuche sowie zur Zusammensetzung der Nahrung zu erhalten, verwendeten die Forscher eine an Forensik erinnernde Technik. Die Käferlarven besitzen einen individuellen und unterscheidbaren chemischen "Fingerabdruck": Ihr Isotopenprofil, welches man ohne große Beeinträchtigung der Vögel in Federn und Blut nachweisen kann.

Federn sind relativ stoffwechselträge und haben daher die Nahrungszusammensetzung eines längeren Zeitraums chemisch gespeichert. Zudem wählten sie Federn, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Mauser gewachsen waren. Die Blutproben gaben Aufschluss über die kurzfristige Nahrungsaufnahme.

Die Isotopenanalyse von Blut und Federn ergab, dass die Käferlarven tatsächlich einen essenziellen Ernährungsanteil darstellen. Vor allem sind sie mit Abstand die wichtigste Fettquelle, an zweiter Stelle kommen erst die Nüsse. Immerhin enthält eine Larve zwischen 100 und 300 Kilojoule pro Gramm. Nur zwei bis drei durchschnittlich große Exemplare können den gesamten Tagesbedarf einer Krähe abdecken, wie die Wissenschaftler berechnet haben.

Selektiver Vorteil?

"Die Ergebnisse zeigen, dass der Werkzeuggebrauch den Geradschnabelkrähen Zugang zu einer extrem ergiebigen Nahrungsquelle verschafft hat, die gemessen an Fett und Proteinen überproportional zur Versorgung beiträgt", so Rutz. "Dies legt nahe, dass sich diese ungewöhnliche Nahrungsbeschaffung auch deswegen entwickelt und durchgesetzt hat", ergänzt Koautor Stuart Bearshop.

Dafür spreche auch, dass die Jungtiere eine ganze Weile brauchen, bis sie die Technik erlernt haben. In den ersten Jahren stochern sie meist ohne großen Erfolg - also auch ohne Belohnung - in den Baumlöchern herum. Langfristig lohnt sich der Aufwand jedoch offensichtlich. In weiteren Studien wollen die Forscher feststellen, ob sich ein versierter Umgang mit Werkzeugen und die damit verbundene bessere Versorgung auch auf den Nachwuchs bzw. den Reproduktionserfolg auswirkt.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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