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Varianten des Bakterienstamms Pseudomonas fluorescens

Die langsamste Zellteilung der Welt

Bakterien, die soeben im Meeresboden des Nordpolarmeers entdeckt wurden, könnten den längsten bislang bekannten Lebenszyklus besitzen: Forschern zufolge dauert er bis zu 100 Millionen Jahre.

Mikrobiologie 21.09.2010

Hitzeliebhaber in der Arktis

Casey Hubert von der Newcastle University stieß auf die Bakterien in einer Sedimentprobe, die er in der Nähe der Norwegischen Insel Svalbard genommen hatte. Er und seine Mitarbeiter erwarteten, dass die Mikroben an die extrem kalten Bedingungen im Meeresboden angepasst seien und dementsprechend bei hohen Temperaturen sterben würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Wie Versuche zeigten, begannen sich die Bakterien bei 20 Grad Celsius munter zu teilen.

Als Hubert und Co die Temperatur weiter steigerten, reagierten die Zellen bei 40 und 55 Grad mit weiteren Aktivitätsschüben. Offenbar handelt es sich bei den nun entdeckten Mikroben um hitzeliebende Zellen, sogenannte Thermophile, die erst ab 50 Grad ihre volle Vitalität entfalten. Ein Blick auf genetische Sequenzen offenbarte eine nahe Verwandtschaft zu Bakterien, die unter warmen Bedingungen sauerstoffarme Bereiche der Ozeankruste sowie unterirdische Ölreservoirs besiedeln.

Durch Meeresströmungen verfrachtet

Was veranlasst solche Mikroben, sich in den kalten Sedimenten der Arktis anzusiedeln? Wie Hubert nun bei einem Treffen der Society for General Microbiology in Nottingham berichtet, könnten vertikale Meeresströmungen aus tieferen Sedimentschichten dafür verantwortlich sein. Sie spülen möglicherweise die Zellen aus ihren warmen Nischen in das kalte Seewasser der Arktis, wo sie Sporen ausbilden und auf bessere, sprich: wärmere Bedingungen warten.

Und diese Wartezeit könne lange dauern, sagt Hubert gegenüber der Zeitschrift "New Scientist" - sie betrage bis zu 100 Millionen Jahre. Der Geomikrobiologe John Parkes von der Cardiff University bietet eine alternative Erklärung an: Er weist darauf hin, dass der gesamte Ozean innerhalb einer Million Jahre umgewälzt wird. Das Meerwasser ströme nämlich langsam aber stetig durch Höhlensysteme in der Erdkruste, mitgeführte Sedimente könnten auf diese Weise mit neuen Bakterien beimpft werden.

science.ORF.at

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