Standort: science.ORF.at / Meldung: "Berührungen lindern den Schmerz"

Eine ausgestreckte Hand vom Handrücken aus betrachtet

Berührungen lindern den Schmerz

Dass sich Menschen instinktiv auf schmerzende Körperstellen greifen, könnte durchaus sinnvoll sein. Denn derlei Berührungen wirken offenbar schmerzlindernd, wie Neurobiologen herausgefunden haben.

Neurobiologie 23.09.2010

Illusion im Laborversuch

Die Studie

"Cooling the Thermal Grill Illusion through Self-Touch" ist im Fachblatt "Current Biology" (Bd. 20, S. 1; doi: 10.1016/j.cub.2010.08.038) erschienen.

Autsch! Der Hammer trifft den Nagel nicht - und landet mit voller Wucht auf dem Finger. Heimwerker/innen wissen von der nun folgenden Sequenz ein Lied zu singen: Zunächst schickt man dem aufwallenden Schmerz das eine oder andere unschöne Wort entgegen und betastet dann die be- bzw. getroffene Stelle, bis er sich wieder verflüchtigt. Patrick Haggard vom University College London hat mit zwei Kollegen nun eine (fluchfreie) Variante dieser Situation ins Labor verlegt.

Der Versuch heißt "thermal grill illusion" und funktioniert folgendermaßen: Man verbinde dem Probanden die Augen und lege drei Finger seiner Hand in ein Wasserbad - den Zeige- und Ringfinger jeweils in warmes Wasser, den Mittelfinger in kaltes. Paradoxerweise erzeugt der Temperaturunterschied nun das Gefühl, der Mittelfinger würde schmerzhaft erhitzt. Für wissenschaftliche Experimente ein durchaus erwünschter Effekt, denn somit lässt sich das Schmerzempfinden untersuchen, ohne dass Verletzungsgefahr bestünde.

Körperbild wirkt regulierend

Haggard und seine Mitarbeiter wiesen die Probanden nach dem Versuch an, die drei Finger mit den entsprechenden der anderen Hand zu berühren, was laut Studie das Schmerzempfinden im Mittelfinger um 64 Prozent reduzierte. "Wir haben gezeigt, dass die Stärke des Schmerzes nicht nur von den Signalen abhängt, die zum Gehirn geschickt werden", sagt Haggard. "Sie sind auch davon abhängig, wie sie das Gehirn in die Repräsentation des Körpers integriert."

Dass der Effekt mit dem inneren Körperbild zu tun hat, schließen die Forscher unter anderem aus der Tatsache, dass der Versuch nur unter ganz bestimmten Bedingungen erfolgreich war. Berührungen mit nur einem oder zwei Fingern zeigten ebenso keine Wirkung wie jene durch eine fremde Person. "Der Schmerz wurde nur dann gelindert, sofern die Wärme- und Tastinformation aller drei Finger integriert waren", schreiben die Forscher in ihrer Studie.

Ähnliche Hinweise haben auch schon Untersuchungen zum sogenannten Phantomschmerz ergeben. Dieser lässt offenbar im Lauf der Zeit deswegen nach, weil die Körperrepräsentation ein "Update" erfuhr und das Bild des nunmehr fehlenden Körperglieds schrittweise gelöscht wurde.

Robert Czepel, science.ORF.at

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