Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wege aus der akademischen Geschlechterfalle"

Eine Mathematikerin löst eine Rechenaufgabe auf einer Tafel

Wege aus der akademischen Geschlechterfalle

Frauen haben in den westlichen Industriestaaten bildungsmäßig stark aufgeholt. Ihr Anteil ist aber in manchen gesellschaftlichen Bereichen noch immer sehr gering, etwa in den oberen Etagen der Wirtschaft, genauso wie in der Wissenschaft. Eine US-Studie beleuchtet die Hürden weiblicher Akademiker und sucht nach Wegen aus der Geschlechterfalle.

Gesellschaft 28.09.2010

Frauen haben aufgeholt

Die Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit zeigen nach einigen Jahrzehnten ihre Wirkung: Die Frauen haben, was ihre Ausbildung betrifft, mittlerweile aufgeholt und zum Teil die Männer sogar überholt. So schließen etwa in den Vereinigten Staaten heute mehr Frauen ihr Studium mit einem Doktorat ab als Männer, und zwar sowohl in den Geistes- und Sozialwissenschaften als auch in den Naturwissenschaften und der Medizin.

In Österreich sind wir noch nicht ganz so weit, aber auch hier lässt sich ein ähnlicher Trend beobachten: Laut Statistik Austria haben die Frauen ihre männlichen Schulkollegen bereits Mitte der 1980er Jahre bei den Maturaabschlüssen überholt, 2007/2008 waren es schon 57 Prozent. Auch bei den Studienabschlüssen sind die Frauen mit 56 Prozent in der Überzahl, nur bei den Doktoraten gibt es noch mehr Männer, nämlich 58 Prozent der Abschlüsse.

Forschung bleibt männlich

Nach dem Doktorat allerdings verschwinden - wie es aussieht - die Frauen da wie dort mehrheitlich von der Universität; die wissenschaftlichen Eliten sind hierzulande genauso wie in den USA oder den meisten anderen westlichen Industriestaaten vorwiegend männlich.

Zwar gibt es auch hier einen Aufholprozess, aber bei einem insgesamt weitaus geringeren Anteil. So sind im EU-Schnitt nur etwa 30 Prozent aller Forscher weiblich, in Österreich gar nur 25, wie ein Bericht der Kommission vom letzten Jahr ("She Figures 2009") besagt. Der Anteil weiblicher Führungskräfte in Forschungseinrichtungen und Hochschulen liegt noch deutlich darunter.

Spagat zwischen Leben und Karriere

Warum sich so viele gut ausgebildete Frauen gegen eine akademische Karriere entscheiden, hat die American Association for the Advancement of Science (AAAS) nun gemeinsam mit dem Kosmetikkonzern L'Oréal versucht herauszufinden. Die Grundaussage einer Online-Befragung von 1301 Forschern (57 Prozent davon weiblich) ist wenig überraschend: Auch wenn beide Geschlechter über Schwierigkeiten klagen, geeignete und ausreichend bezahlte Anstellungen zu finden, berichten Frauen deutlich häufiger über abstrakte Karrierehürden.

An erster Stelle dabei steht die sogenannte Work-Life-Balance - Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen, ist offensichtlich in der Wissenschaft nach wie vor vor allem ein weibliches Problem. 61 Prozent der befragten Forscherinnen haben diese Schwierigkeiten bereits persönlich erlebt. Für 50 Prozent der Frauen ist die Kinderbetreuung ein wesentliches Argument gegen eine wissenschaftliche Laufbahn.

Selbstverständliche persönliche Opfer

Aufgrund solcher Unvereinbarkeiten sind persönliche Opfer im Dienst der Karriere für angehende Wissenschaftler beiderlei Geschlechts in gewissem Maß selbstverständlich, 74 Prozent aller Befragten berichten davon. Aber Frauen haben deutlich häufiger an den Folgen zu leiden. So leben nur 78 Prozent der weiblichen Studienteilnehmerinnen in einer Langzeitbeziehung bzw. einer Ehe, bei den Männern sind es immerhin 91 Prozent. Frauen haben auch viel seltener Kinder als ihre männlichen Kollegen, nämlich nur 53 Prozent im Vergleich zu 77 Prozent.

Aber auch von anderen Karriereproblemen berichten Frauen häufiger als Männer. Sie leiden öfter unter Ungleichbehandlung und haben das Gefühl, dass weniger Mentoren für sie greifbar sind. Auch fehlende Rollenmodelle bzw. weibliche Identifikationsfiguren werden beklagt.

Im Zweifelsfall Karriere beenden

Jungforscher, die nicht bereit sind, persönliche Opfer zu erbringen oder scheinbar unüberwindliche Hürden zu bezwingen, verlassen im Zweifelsfall lieber die Universität. Bei Männern sind die häufigsten genannten Gründe dafür schlechte Bezahlung oder ein Mangel an geeigneten Arbeitsplätzen. Bei Frauen hingegen die schon erwähnte Work-Life-Balance.

98 Prozent der befragten Frauen haben demnach schon erlebt, dass eine Kollegin wegen der Unvereinbarkeit von Job und Familie ihre Laufbahn beendet hat. Aber auch wegen Ungerechtigkeiten verlassen weibliche Forscher doppelt so häufig die Universität wie ihre männlichen Pendants.

Die Teilnehmer der Befragung, die alle selbst in der Forschung arbeiten, glauben allerdings mehrheitlich, dass die Schwierigkeiten überwunden werden können. Als besonders hilfreich empfinden die meisten menschliche Unterstützung von Seiten der Kollegen, der Familie oder von Mentoren, wobei Frauen dieser sozialen Komponente eine deutliche größere Rolle zuschreiben. Weibliche Forscher vertreten jedoch auch häufiger die Meinung, dass der Staat Maßnahmen ergreifen sollte, welche die Hürden einer wissenschaftlichen Karriere verringern.

Wie den Abgang der Frauen verhindern?

Im Rahmen einer Expertendiskussion zur Umfrage haben nun auch renommierte Wissenschaftlerinnen Ratschläge erteilt, wie man Frauen in der Wissenschaft halten könnte, wie der Onlinedienst von "Science" berichtete.

So hält die Molekularbiologin Joan Steitz von der Yale University das Finden eines geeigneten Mentors für einen wesentlichen Knackpunkt. Denn die ausreichende Unterstützung spiele in weiblichen Karrieren offensichtlich eine wichtigere Rolle als bei Männern. Sara Seager vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) rät, über mehr Gehalt zu verhandeln, zur familiären Absicherung - ein Vorschlag, der sich wohl nicht automatisch auf die öffentliche Forschung Österreichs mit ihrem Gehaltsschema übertragen lässt. Ein weiterer Tipp der Forscherinnen ist es, im Bedarfsfall die Gleichbehandlungsbeauftragten, die in den U.S.A. wie hierzulande mittlerweile an öffentlichen Einrichtungen etabliert sind, um Unterstützung zu bitten.

Generell gebe es laut Shirley Malcolm von der AAAS zwar heute viele Mittel gegen Ungleichbehandlung, aber die meisten Frauen sind eher zögerlich, wenn es darum geht, formale Beschwerden einzubringen. Daher wäre ein regelmäßiger und automatischer Monitoringprozess wünschenswert. Laut Steitz sollten auch Tests entwickelt werden, die unbewusste Vorurteile erheben, denn Studien hätten gezeigt, dass sich viele - etwa bei der Vergabe von Fördermittel - gar nicht dessen bewusst sind, dass sie gegenüber Frauen voreingenommen sind und deswegen mehr von diesen erwarten als von ihren männlichen Konkurrenten.

Aber auch kleine Maßnahmen könnten Seager zufolge sehr wirksam sein: Zum Beispiel könnte man Arbeitstreffen auf Zeiten legen, in denen Kinder in der Schule sind und nicht - wie oft üblich - auf den späten Nachmittag oder Abend. Denn in Gegensatz zu den männlichen Forschern hätten die meisten Wissenschaftlerinnen keinen Hausmann zuhause, der die Kinderbetreuung zu diesen Zeiten übernimmt. Das verweist wiederum auf das Haupthindernis weiblicher Karrieren, für das die Expertinnen offenbar ebenfalls keine Lösung haben: Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist und bleibt auch heute in vielen Fällen das Problem der Frauen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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