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Schülerin macht eine Aufgabe

Besser Lernen durch Hintergrundrauschen

Eigentlich - meint man - braucht man zum Lernen oder bei geistiger Arbeit möglichst viel Ruhe. Eine Studie hat allerdings ergeben, dass ein gewisses Maß an Umgebungslärm auch hilfreich sein kann. Demnach haben sich Leistungen von Schulkindern mit Aufmerksamkeitsschwächen durch Hintergrundrauschen sogar verbessert.

Kognitionsforschung 29.09.2010

Bei Schülern ohne derartige Defizite hatte der Lärm den Forschern zufolge jedoch die gegenteilige Wirkung.

Vermeintliche Störungen

Unsere Konzentrationsfähigkeit ist mitunter sehr anfällig: Der Rasenmäher, schrille Stimmen, Verkehrslärm oder das Klingeln eines Telefons - alles Dinge, die uns beim Arbeiten oder Lernen, kurz gesagt beim Denken, stören. Man geht davon aus, dass die Sinnesreize in solchen Situationen in Konkurrenz um unsere knappe Aufmerksamkeit treten. Folglich können wir uns nicht mehr so gut konzentrieren. Manche Personen leiden besonders unter derartigen Ablenkungen, wie etwa Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS).

Die Studie in "Behavioral and Brain Functions":
"The effect of background white noise on memory performance in inattentive school children" von Göran B.W. Söderlund et al.

Laut den Forschern rund um Göran B.W. Söderlund von der Stockholm University gibt es aber auch einige Studienergebnisse, die diesen allgemeinen Erfahrungen widersprechen. Sie zeigen, dass Menschen von bedeutungslosen Umgebungsgeräuschen manchmal sogar profitieren können. So hätte etwa eine Untersuchung ergeben, dass sich die Leistungen von schwachen Schülern mit Aufmerksamkeitsproblemen durch Verkehrslärm im Hintergrund verbessert haben.

Individuelle Wirkung

Es ist den Forschern zufolge nicht ganz einfach, diesen paradoxen Effekt zu erklären. Eine mögliche Erklärung ist psychologischer Natur: Das Hintergrundrauschen würde ganz allgemein die Aufmerksamkeit wecken, die Schüler also gleichsam wachrütteln und so der Langeweile entgegen wirken. Für Söderlund und seine Kollegen erfasst diese Theorie aber nicht alle Aspekte des Phänomens, in diesem Fall müssten nämlich alle von den Geräuschen profitieren. Wie es aussieht, wirkt die akustische "Störung" aber nur bei manchen Individuen.

Das Modell, das das Team um den schwedischen Forscher vorschlägt, kombiniert zwei Faktoren: Es versucht zu erklären, wie Lärm einerseits die Aufmerksamkeit erhöht bzw. Leistungen verbessert und warum es dabei individuelle Unterschiede gibt.

Verstärkung durch Rauschen

Dass Hintergrundlärm Signale hörbarer machen kann, ist ein bekanntes physikalisches Phänomen, so die Wissenschaftler, man spricht dabei von stochastischer Resonanz. Durch diese können Signale, die im Vergleich zum Systemrauschen recht schwach sind, verstärkt werden. Durch eine bestimmte Intensität des Umgebungslärms wird nämlich das Signal deutlicher - in technischen sowie in natürlichen Systemen, wie etwa in Nervenzellen. Das Hintergrundrauschen fügt also dem Signal das fehlende Etwas hinzu - es wird sicht-, hör- oder fühlbar.

Man konnte diesen Effekt den Forschern zufolge bereits in einigen Sinnesmodalitäten nachweisen: beim Hören, beim Sehen und bei der Berührung. Die Beziehung zwischen Reiz und Rauschen beschreibt dabei eine umgekehrte U-Kurve, die ihr Maximum, d.h. die beste Verstärkung, bei gemäßigtem bzw. optimalem Rauschen erreicht.

Dopamin und Aufmerksamkeit

Laut den Wissenschaftlern gibt es aber große interindividuelle Unterschiede bei diesem Verstärkungsphänomen, die vermutlich mit der Aufmerksamkeit sowie der Kommunikation von Nervenzellen zu tun hat. Manche bräuchten einfach mehr Hintergrundrauschen, andere weniger. Der entscheidende Neurotransmitter dabei ist demnach Dopamin, welcher die Reaktion der Nervenzellen sowie die Weiterleitung von Reizen moduliert.

So sei etwa eine Ursache für ADHS ein geringer Dopaminspiegel, was unter anderem dazu führt, dass Betroffene besonders leicht abgelenkt werden können. Wie Untersuchungen gezeigt haben, gebe es aber auch bei Gesunden unterschiedliche Konzentrationen des Botenstoffs - vermutlich mit ein Grund dafür, dass nicht alle Menschen über die gleiche Konzentrationsfähigkeit verfügen.

Das neue Modell der Forscher legt nun nahe, dass ein Gehirn mit niedrigem Dopaminspiegel mehr Umgebungslärm zur Verstärkung braucht, um seine volle Leistungsfähigkeit zu entfalten. Für andere hingegen müsste sich derselbe Pegel eher nachteilig auswirken.

Besser bei Lärm

Um diese Ansatz zu überprüfen, wurden Tests mit 51 elf- bis zwölfjährigen Schulkindern durchgeführt. Im Vorfeld wurden ihre Aufmerksamkeit sowie andere kognitive Grundfertigkeiten mit Hilfe von Standardtests erhoben.

Das Experiment selbst bestand aus einem Erinnerungstest. 96 Sätze, bestehend aus Subjekt und Prädikat, wurden den Kindern, in acht Listen unterteilt, vorgelesen - in zufälliger Reihenfolge und mit bedeutungslosem Hintergrundrauschen bei jeder zweiten Liste. Die Sätze wurden dabei in einer Lautstärke von 86 Dezibel gesprochen, der Umgebungslärm war um nur acht Dezibel leiser, das Gesagte war aber gut verständlich. Zum Schluss mussten sich die jungen Probanden an möglichst viele Sätze erinnern.

Die Auswertung ergab, dass sich die Leistungen der Kinder mit Aufmerksamkeitsschwächen mit Hintergrundgeräuschen tatsächlich deutlich verbessert hatten, bei den anderen hingegen zeigte sich eine eher nachteilige Wirkung.

Geräuschtherapie

Natürlich müssten die Ergebnisse noch auf breiterer Basis und mit anderen kognitiven Aufgaben reproduziert werden, so die Forscher. Außerdem müssten die Versuche mit einem größerem Spektrum an Lärmpegeln durchgeführt werden. Denn die vielen widersprüchlichen Ergebnisse bisheriger Studien zum Thema Lärm, deuten auf große individuelle Unterschiede. Vermutlich gebe es genaugenommen für jeden die "optimalen Störgeräusche".

Für Kinder mit Konzentrationsschwäche oder ADHS wäre der Hintergrundlärm als Lernhilfe aber in jedem Fall ein harmloses Mittel im Vergleich zu gängigen medikamentösen Therapien.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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