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Mikroskopische Aufnahme einer menschlichen Eizelle, die zu Demonstrationszwecken injiziert wird

Für Pionier der künstlichen Befruchtung

Der Medizinnobelpreis 2010 geht an den britischen Forscher Robert Edwards. Er erhält die Auszeichnung für die Entwicklung der künstlichen Befruchtung. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit.

Medizin-Nobelpreis 04.10.2010

Der 85-jährige Physiologe Robert Edwards hatte gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen britischen Gynäkologen Patrick Steptoe die In-vitro-Fertilisation (IVF) entwickelt. Ihnen gelang die erste künstliche Befruchtung einer Frau: 1978 wurde das erste "Retortenbaby" Louise Joy Brown geboren.

"Seither wurden dank IVF rund vier Millionen Menschen geboren", heißt es in der Begründung. Viele seien inzwischen erwachsen und hätten selbst Kinder. "Heute ist die Vision von Robert Edwards Wirklichkeit geworden und sorgt bei unfruchtbaren Menschen weltweit für Freude."

Robert Edwards

Porträtfoto des Medizinnobelpreisträgers 2010 Robert Edwards

AP

Robert Edwards lebt heute in einem Seniorenheim in Großbritannien. Es sei fraglich, ob er den Preis im Dezember persönlich entgegennehmen könne, sagte ein Nobelkomiteesprecher. Edwards Frau habe aber mitgeteilt, er sei sehr erfreut über die Auszeichnung.

Ein neues Gebiet der Medizin

Dank der grundlegenden Forschungen des britischen Wissenschaftlers - von der ersten Idee zur Zeugung eines Embryos im Reagenzglas in den 1950er Jahren bis zur Therapie - sei ein ganz neues Gebiet der Medizin entstanden.

"Er arbeitete systematisch, um sein Ziel zu erreichen, entdeckte wichtige Prinzipien der menschlichen Befruchtung und brachte es schließlich fertig, eine menschliche Eizelle im Reagenzglas zu befruchten", erklärte die Nobelpreisakademie.

Sie verwies auch darauf, dass mehr als zehn Prozent aller Paare weltweit von Unfruchtbarkeit betroffen sind.

Erste Befruchtung im Labor 1969

Die Akademie weiters in ihrer Begründung: "Edwards erkannte, dass eine Befruchtung außerhalb des Körpers eine mögliche Behandlungsform für Infertilität darstellen könnte. Er machte eine Reihe von fundamentalen Entdeckungen. Er klärte auf, wie das menschliche Ei heranreift, wie verschiedene Hormone diesen Prozess regulieren und zu welchem Zeitpunkt die Eizelle empfänglich für die Befruchtung durch ein Spermium wird. 1969 wurden seine Bemühungen mit dem Erfolg belohnt, dass er erstmals eine menschliche Eizelle im Labor befruchten konnte."

Ein Problem aber blieb: Die befruchteten Eizellen kamen nicht über eine einzige Zellteilung hinaus. Dabei sollten sie ja ständig teilen, um in die Entwicklung zu einem Organismus einzutreten. Edwards vermutete daher, dass menschliche Eizellen, die bereits in den Eierstöcken herangereift waren, bevor sie für die IVF gewonnen wurden, dafür besser geeignet wären und sah sich nach Möglichkeiten um, die Eizellen sicher zu gewinnen.

Zusammenarbeit mit Schlüsselloch-Chirurgie

Ö1 Sendungshinweise:

Die Ö1 Journale und Ö1 Wissen aktuell berichten in der "Nobelpreiswoche" vom 4. bis 8.10. über alle Auszeichnungen.

Dabei wandte er sich an den Gynäkologen Patrick Steptoe. Mit ihm entwickelte er dann die IVF so, dass sie in der klinischen Praxis angewendet werden konnte. "Steptoe war einer der Pioniere der Laparoskopie ("Schlüsselloch-Chirurgie"), eine Technik, die damals noch neu und kontroversiell diskutiert wurde. Sie erlaubt aber die Inspektion der Eierstöcke mit einem optischen Instrument. Steptoe benutzte es, um Eizellen zu gewinnen, Edwards brachte sie in Zellkulturen ein und gab Spermien hinzu", schrieb das Karolinska-Institut.

Weil staatliche Stellen in Großbritannien die Finanzierung der weiteren Arbeiten verweigerte, finanzierten die Wissenschaftler ihr Projekt schließlich privat.

Der Höhepunkt: Im Jahr 1977 kamen Lesley und John Brown in die Klinik, nachdem sie neun Jahre lang kein Kind bekommen konnten. Eine IVF-Behandlung wurde durchgeführt. Die befruchtete Eizelle wurde im Acht-Zell-Stadium Lesley Brown implantiert. Am 25. Juli 1978 wurde ein gesundes Baby, Louise Brown, per Kaiserschnitt nach einer Schwangerschaft in normaler Länge entbunden.

Fonds übernimmt Kosten

Seit dem Jahr 2000 übernimmt in Österreich ein öffentlicher Fonds einen Teil der Kosten für bis zu vier IVF-Behandlungen. Das Alterslimit beträgt für Frauen 40, für Männer 50 Jahre. Mittlerweile dürften allein auf der Basis der Fonds-Unterstützung rund 20.000 Babys auf die Welt gekommen sein. Die Erfolgsrate mit festgestellter Schwangerschaft beträgt pro Versuch an die 30 Prozent.

Erstes IVF-Baby in Österreich 1982

Mittlerweile wurde die Methode weiter verfeinert. Hinzu kam zum Beispiel die artifizielle Spermien-Injektion (ICSI), welche eine Schwäche der Spermien des Mannes ausgleichen kann. In zahlreichen Staaten wird die IVF auch bereits vom Staat bzw. der Krankenversicherung ganz oder teilweise bezahlt.

Eine solche Regelung gibt es auch in Österreich. Am 5. August 1982 kam das erste IVF-Baby Österreichs - Zlatan Jovanovic - auf die Welt.

Der Wiener Gynäkologe und medizinische Co-Vater des ersten österreichischen Retortenbabys, Wilfried Feichtinger, wies am Montag auf eine andere Dimensionen der IVF hin: "Edwards hat sofort das Thema der embryonalen Stammzell-Forschung vorhergesehen. Er hat auch auf die Notwendigkeit ethischer Regelungen hingewiesen. Er war ein Visionär."

Weitere Preise in dieser Woche

Der Medizinnobelpreis am Montag hat den Reigen der heurigen Auszeichnungen eröffnet. Am Dienstag folgt die Bekanntgabe des oder der Preisträger für Physik, am Mittwoch für Chemie. Die Auszeichnungen sind mit je zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 1,058 Millionen Euro) dotiert. Am Freitag (8. Oktober) gibt das norwegische Nobelkomitee in Oslo seine Entscheidung über den diesjährigen Friedensnobelpreis bekannt, am 11. Oktober folgt dann die Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaften.

Im vergangenen Jahr ging der Medizin-Nobelpreis an die drei in den USA tätigen Wissenschaft.er Elizabeth H. Blackburn, Caro W. Greider und Jack W. Szostak für Erkenntnisse, "wie Chromosomen durch Telomere (Endkappen der Chromosomen) und das Enzym Telomerase (baut Telomere auf.) geschützt werden. Diese Mechanismen sind für die Zellalterung und die Krebsentstehung wichtig.

science.ORF.at/APA/dpa

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