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Eine Spritze mit Grippe-Impfstoff wird hochgehalten.

H1N1-Virus zirkuliert noch immer

Im August 2010 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die H1N1-Pandemie für beendet. Das Schweinegrippe-Virus zirkuliert aber noch immer, die Immunisierung gegen H1N1 ist deshalb auch Teil der heurigen Impfung gegen die saisonale Grippe, berichten Forscher in einer Analyse.

Schweinegrippe 06.10.2010

Die vielfach geäußerte Kritik, dass die Entscheidungen der WHO in Zusammenhang mit H1N1 massiv von den Interessen der Pharmaindustrie beeinflusst worden wären, relativieren Gabriel Leung vom Gesundheitsamt Hong Kong und Angus Nicoll vom European Center for Disease Prevention and Control in Stockholm:

Zum einen sei klar, dass die kompetentesten Berater jene sind, die - großteils in Kooperation mit der Pharmaindustrie - Impfstoffe entwickeln. Andererseits sei aber die WHO gefordert, von Anfang an die Interessen ihrer Berater offen zu legen.

Die Analyse:

"Reflections on Pandemic H1N1 2009 and the International Response" ist am 5. Oktober im Open-Access-Magazin "PLOS Medicine" erschienen.

Berechtigte Aufregung oder "Hype"?

Man erinnert sich noch: Im Sommer 2009 begann die oft als "Hype" bezeichnete Aufregung um das H1N1-Virus. Von einer epidemischen Ausbreitung in Nord- und Mittelamerika war die Rede, von schweren Lungenkomplikationen, die besonders unter jungen Menschen und Kindern zahlreiche Tote gefordert haben, wurde berichtet. Es dauerte nicht lange, bis das Virus in Europa landete und auch hierzulande erste Krankheitsfälle publik wurden.

In Abstimmung mit der WHO, die schon seit Juni 2009 von einer globalen Pandemie sprach, setzten die Länder verschiedene Maßnahmen, um der Ausbreitung Herr zu werden: Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, in Großbritannien bekam man als Kranker gar "Hausarrest", sogar die Medikamente wurden bis zur Haustür zugestellt. Auf Flughäfen wurde plötzlich flächendeckend Fieber gemessen - schon bei Symptomen wie erhöhter Temperatur oder leichtem Husten wurden Passagiere sofort in Isolierstationen von Krankenhäusern eingeliefert.

Geschlossene Schulen

Die Erleichterung war groß, als endlich ein Impfstoff gefunden war, und die Warteschlangen vor den Impfstellen lange. Aber waren all diese Maßnahmen inklusive der "Aufregung" nötig, um der Pandemie Herr zu werden?

Genau diese Frage haben Gabriel M. Leung und Angus Nicoll versucht, in ihrer Analyse zu beantworten. Und sie kommen zu durchaus differenzierten Antworten: Ja, die erste Reaktion auf das grassierende Virus sei durchaus angebracht und effizient gewesen, so die Forscher. In Hong Kong etwa fiel die Infektionsrate durch die Schließung von Schulen um 25 Prozent. Ähnliche Effekte konnten in Japan und Teilen Asiens beobachtet werden.

Überzogen hingegen waren die Maßnahmen in Großbritannien: Sie führten nur zu einer Verzögerung der Ausbreitung, nicht aber zu weniger Infektionen, heißt es in der Untersuchung von Leung und Nicoll.

Viel gepriesene Impfung

Dem breiten Einsatz von anti-viralen Medikamenten stellen die Wissenschaftler ein positives Zeugnis aus: Die unkomplizierte Abgabe von Neuraminidase-Hemmern (z.B. "Tamiflu"), die die Ausbreitung der Viren im Körper verhindern, habe die Schwere der Erkrankungen reduziert.

Und auch die schnelle Entwicklung einer Impfung sehen die Wissenschaftler als Erfolg, im weiteren Verlauf räumen sie aber Probleme ein: Teilweise sei - besonders in ärmeren Ländern - nicht genug Impfstoff vorrätig gewesen bzw. sei er zu spät gekommen. Während schon geimpft wurde, wurde publik, dass weniger Dosen ausreichen als ursprünglich geplant - ein Umstand, der Gerüchte über die "Impfstoffindustrie" blühen ließ.

Umstrittene Berater

Hier positionieren sich die Autoren eindeutig: "Besser als alle Experten, die mit der Pharmaindustrie gearbeitet haben, aus Beratungspositionen zu verbannen - schließlich sind jene, die an Impfstoffen gearbeitet haben, auch jene, mit dem detailliertesten Wissen -, sollte die WHO alle Interessen ihrer Berater veröffentlichen", schreiben Leung und Nicoll in "PLOS Medicine".

Bisher wurden die Namen der Berater nicht veröffentlicht, um sie keiner Beeinflussung etwa durch Kooperationspartner aus der Industrie auszusetzen ("Nature" veröffentlichte im August 2010 einen Kommentar mit der gleichen Stoßrichtung, DOI:10.1038/466903b).

Blogs und Social Networks

Auch wenn die WHO die H1N1-Pandemie mit August 2010 für beendet erklärte, wird die Diskussion über "Super-Viren" weitergehen: Zum einen bleibt das Schweinegrippe-Virus erhalten, weshalb ein Gegenmittel heuer auch Teil der regulären Grippeimpfung ist. Darüber hinaus wurde im Juli 2010 von einer Mutation berichtet, die auch die Gefährlichkeit verändern könnte.

An der Kommunikation über Risiken durch Viren müsse aber gearbeitet werden, meinen Gabriel M. Leung und Angus Nicoll, und auch hier würde eine genauere Analyse der Schweinegrippe helfen: Denn sie war die erste Pandemie, bei der Gesundheitsbehörden und -politik durch die Schnelligkeit von Blogs und sozialen Netzen herausgefordert waren.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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