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Alfred Nobel vor Kursverlauf einer Börse

Wirtschaftsnobelpreis für Marktanalysen

Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an die beiden US-Amerikaner Peter A. Diamond und Dale T. Mortensen sowie an den in Zypern geborenen Briten Christopher A. Pissarides. Die drei Forscher werden für ihre mathematischen Analysen von Marktdynamiken ausgezeichnet.

Auszeichnung 11.10.2010

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Die Laureaten

Der US-Bürger Peter A. Diamond, geboren 1940 in New York City, ist als Ökonomieprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) tätig. Dale T. Mortensen, ebenfalls US-Bürger und geboren 1939 in Enterprise in Oregon, arbeitet als Professor an der Northwestern Universität in Evanston in Illinois. Der britische und zypriotische Staatsbürger Christopher A. Pissarides, geboren 1948 in Nikosia auf Zypern, ist Professor an der London School of Economics and Political Science in Großbritannien.

Wie ist es möglich, dass viele Menschen arbeitslos sind, obwohl gleichzeitig viele Arbeitskräfte gesucht werden? Wie beeinflusst Wirtschaftspolitik den Arbeitsmarkt? Das sind die Grundfragen, mit denen sich Diamond, Mortensen und Pissarides in ihrer Forschung auseinandergesetzt haben.

Wie Schwedens Wissenschaftsakademie in Stockholm mitteilte, haben die drei Laureaten ein Modell entwickelt, das Antworten auf solche Problemstellungen gibt. Das nach den Forschern benannte "DMP-Modell" könne auch auf andere Wirtschaftsbereiche als den Arbeitsmarkt angewandt werden, etwa auf den Geld- oder den Immobilienmarkt.

"Arbeitslosigkeit als Suchprozess"

"Der Beitrag der drei neuen Nobelpreisträger besteht in der Entwicklung einer Theorie der Arbeitslosigkeit, die dazu dient, die Höhe der Arbeitslosenrate und ihre Veränderung über die Zeit zu erklären", erklärt Michael Reiter vom Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien gegenüber science.ORF.at: Er hat sich mit den Arbeiten der ausgezeichneten Forscher intensiv auseinandergesetzt:

"Dabei wird die Arbeitslosigkeit als das Resultat eines beidseitigen Suchprozesses gesehen. Auf der einen Seite stehen die Arbeitgeber, die vakante Stellen schaffen und nach Arbeitern suchen, die für diese Stellen passen. Auf der anderen Seite stehen Arbeiter, die derzeit keine Beschäftigung haben und nach einer für sie passenden Beschäftigung suchen. Die vakanten Stellen und die dafür geeigneten Arbeiter zusammenzuführen ist ein Prozess, der Zeit braucht. Da in jedem Monat ein Teil der bestehenden Arbeitsverhältnisse aufgelöst werden, gibt es im Gleichgewicht immer einen bestimmten Bestand an Arbeitslosen."

Ö1 Sendungshinweise:

Die Ö1 Journale und Ö1 Wissen aktuell berichten heute über den Wirtschaftspreis der Schwedischen Reichsbank.

Eine Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen (höhere Produktivität, niedrigere Steuern etc.) schaffe mehr vakante Stellen, so Reiter, die Arbeitslosen würden daraufhin schneller Beschäftigung finden - Ergebnis: die Arbeitslosigkeit sinke.

"Der Lohn dient dabei als ein Gleichgewichtsmechanismus: Sinkt die Arbeitslosigkeit sehr stark, verbessert sich die Verhandlungsposition der Arbeiter, dadurch steigt der Lohn, was wiederum zu einer Verringerung der vakanten Stellen und zu einer höheren Arbeitslosenrate führt."

Die Theorie werde sowohl zur Erklärung der Arbeitslosenrate über den Konjunkturzyklus verwendet, als auch zur Analyse der Auswirkung von arbeitspolitischen Maßnahmen - Kündigungsschutz und Lohnsubvention etwa.

Diamond laut US-Senat "nicht kompetent genug"

Pissarides sagte in einem Telefonat mit der Schwedischen Akademie kurz nach der Bekanntgabe, er sei über die Zuerkennung des Preises "ziemlich überrascht und sehr froh". "An das Geld habe ich überhaupt noch nicht gedacht", antwortete er auf die Frage, was er mit dem Preisgeld machen wolle.

Die Qualifikation von Peter Diamond steht zwar in der Wissenschaft außer Frage. In der Politik herrschen aber andere Gesetze, wie der nunmehrige Nobelpreisträger am eigenen Leibe verspüren musste. US-Präsident Barack Obama hatte den 70-jährigen Ökonomen und Mathematiker für den Vorstand der US-Notenbank (Fed) nominiert. Im August 2010 hatte der US-Senat seine Nominierung unerwartet zurückgewiesen. Diamond habe nicht die richtige Art von Erfahrung für diesen Job, begründete der republikanische US-Senator Richard Shelby das Handeln der Kongresskammer.

Obama nominierte Diamond Mitte September erneut. Doch der Senat war weiterhin nicht zufrieden und verständigte sich auf eine weitere Anhörung, um die Qualifikation Diamonds für den Job bei der Federal Reserve zu prüfen. Die Republikaner sind der Meinung, dass der Ökonomieprofessor vom renommierten MIT zu wenig Kompetenz in geldpolitischen Fragen mitbringt. Die Auszeichnung könnte nun der Nominierung Rückenwind verleihen.

Kein echter Nobelpreis

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft gehört nicht zu den klassischen Nobelpreisen. Er wurde erst 1968 von der Schwedischen Notenbank zur Erinnerung an Alfred Nobel gestiftet und 1969 erstmals vergeben. Ursprünglich hatte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) lediglich Preise in den Bereichen Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden vorgesehen.

Der auch wegen der nachträglichen Stiftung umstrittene Wirtschaftspreis wird von der Nobel-Stiftung offiziell nicht als Nobelpreis eingestuft, sondern stets als "Preis der Reichsbank Schwedens für die ökonomische Wissenschaft zum Andenken an Alfred Nobel" von den traditionellen Nobelpreisen abgesetzt. Er ging bisher überwiegend an Forscher aus den USA.

Die Auszeichnung ist mit zehn Millionen schwedischen Kronen (knapp eine Million Euro) dotiert. Im vergangenen Jahr hatten sich die US-Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom und ihr Landsmann, der Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler Oliver Williamson den Preis geteilt.

science.ORF.at/dpa