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Winterliches Ödenwinkelkees am 2. September 2010

Die "eisigen Riesen" schrumpfen weiter

Der Gletscherforscher Heinz Slupetzky lässt wieder in sein "Tagebuch" blicken und zieht eine Bilanz des Jahres 2010: Die Alpengletscher wurden wieder ein bisschen kleiner, allerdings verlangsamte sich der Schrumpfungsprozess - nicht zuletzt aufgrund des kurzen Sommers.

Gletschertagebuch 2010 19.10.2010

Gletscherbilanz 2010: Wieder Massenverlust

Von Heinz Slupetzky

Porträtfoto Heinz Slupetzky

Universität Salzburg

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geographie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte. Für science.ORF.at führt er seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Mit den Schneefällen ab 16./17. Oktober zog im Hochgebirge der Winter ein. Der Trend seit drei Jahrzehnten geht weiter: Die meisten Alpengletscher haben im Haushaltsjahr 2009/2010 wieder an Masse verloren, der Substanzverlust hielt sich aber in Grenzen. Der Hauptgrund, auch für den neuerlichen Massenverlust des Stubacher Sonnblickkeeses von einer Million Kubikmeter, war der heiße Juli.

Die Massenbilanz des Stubacher Sonnblickkeeses

Der "Wintereinbruch" vom 29. bis 31. August mit 58 Zentimetern Neuschnee an der Wetterstation Rudolfshütte und über 80 bis 00 Zentimetern am Gletscher hatte sehr früh die Eisablation und damit das Haushaltsjahr beendet. Die maximale Ausaperung war am 28. August, die Dokumentation des Akkumulationsgebietes - heuer wieder nur mehr einige größere Altschneefelder - war die Voraussetzung für die semidirekte Bestimmung der Massenbilanz. Das Sonnblickkees verlor 1,05 Millionen Kubikmeter Eisvolumen oder umgerechnet 0,945 Millionen Kubikmeter an Masse (Wasserwert).

Das Stubacher Sonnblickkees am 26. August 2010 vor dem Einschneien. Die Felsinseln werden immer größer.

Heinz Slupetzky

Das Stubacher Sonnblickkees am 26. August 2010 vor dem Einschneien. Die Felsinseln werden immer größer.

Gründe für die diesjährige Bilanz

Drei Faktoren sind bei den Ursachen zu nennen. Erstens: Der "kurze Sommer" im Juli mit zwei Hitzewellen und einem bis zu 2,5 Grad Celsius zu warmen Monatsmittel (ZAMG) führte zu einer starken Gletscherschmelze und hätte, wäre es weiter warm geblieben, nur der Anfang eines größeren Massenverlustes sein können.

Zweitens: Der starke Schneefall Ende August bis 1.300 Meter herab und der kühle September beendeten weitgehend die Eisabschmelzung.
Drittens: Einen Einfluss hatten auch die nur noch eher unterdurchschnittlichen Schneehöhen am Beginn des Sommers.

"Schlechter" Sommer für Gletscher besser

Der heurige Sommer, der als eher "schlecht" in Erinnerung ist, war für die Gletscher insofern "besser", als heuer immer wieder kühle Luftmassen die Abschmelzung unterbrachen. Um den 20. Juni, Ende Juli, Mitte und besonders Ende August gab es Kaltlufteinbrüche mit Neuschneefällen unter 2.500 Meter herab, also tiefer als das Gletscherende des Sonnblickkeeses liegt, sodass die weiße Schneedecke die Albedo Tage bis Wochen erhöhte und die Eisabschmelzung unterbrochen war. Im kühlen Monat September mit häufigen Schneefällen und unterdurchschnittlichen Temperaturen gab es - ausgenommen tief herabreichende Gletscher (z.B. die Pasterze) - weitgehend keine Eisabschmelzung mehr.

Winterliches Ödenwinkelkees am 2. September 2010

Heinz Slupetzky

Winterliches Ödenwinkelkees am 2. September 2010

Im ersten Gletschertagebuch hieß es "… die Massenbilanz (des Sonnblickkeeses) könnte zwischen minus einer und minus drei Millionen Kubikmeter sein". Es war das keine Prognose, sondern eine Abschätzung des Rahmens zwischen "günstigen" und "ungünstigen" Wetterverhältnissen je nachdem der weitere Sommerverlauf nach dem heißen Juli sein würde. Und: "Nur mehrere Kaltlufteinrüche mit Schneefällen bis unter 2.000 Meter oder tiefer könnten einen großen Massenverlust verhindern."

Letzteres trat ein, so dass letztlich die Untergrenze der Bandbreite der für mögliche gehaltenen Bilanzzahlen zutraf. Die sommerlichen Schneefälle, vor allem aber das frühe Haushaltsende am 28. August mit dem anschließenden kalten September verhinderten eine Massenbilanz von zirka minus zwei Millionen Kubikmeter oder mehr.

Topografische Einflüsse

Der Gletscherrückgang und Zerfall der Gletscher geht weiter. Neben der Unterhöhlung durch Schmelzwasserbäche wirken sich vor allem das Ausschmelzen von Felsinseln und ein damit verbundenes Aufreißen des Gletschers aus.

Beim Sonnblickkees trennt seit dem Vorjahr eine Felsstufe (im Foto Abb. 1 in der Bildmitte von links unten nach rechts oben verlaufend) die bisherige "Gletscherzunge" fast vollständig ab. Die Massenbilanz für den dadurch um 120.000 Quadratmeter kleineren Gletscher ist statt minus 0,945 Millionen Kubikmeter nur minus 0,775 Millionen Kubikmeter. Es ist dies ein Prozess der Anpassung des Gletschers an die "ungünstigen" Klimabedingungen in der Form, dass die Massenbilanzen weniger stark negativ werden und bei positiven Massenhaushalten der Massenzuwachs größer wird.

In anderen Worten: Das Verhältnis Größe des Nährgebietes zur Größe des Zehrgebietes wird für den Gletscher günstiger. (Zunächst wird noch die Massenbilanz mit dem fast schon abgetrennten Gletscherteil verwendet).

Volumen in drei Jahrzehnten fast halbiert

Im Jahr 1982 begann die Serie der überwiegend negativen jährlichen Massenhaushalte. Seit damals hat das Stubacher Sonnblickkees 34 Millionen Kubikmeter an Volumen verloren. Aufgrund einer Neuberechnung des Gesamtvolumens des Gletschers für das Jahr 1998 (Institut für Meteorologie und Geophysik Innsbruck) lässt sich für das Jahr 1981 ein Volumen von 72 Millionen Kubikmeter errechnen. Das Sonnblickkees hat demnach in gut drei Jahrzehnten 48 Prozent seiner Gesamtmasse verloren, d. h. die Eismasse ist fast halbiert worden.

Vorausgesetzt, der Trend verstärkten Massenabbaues hält an, dann wäre das Sonnblickkees in drei bis vier Jahrzehnten bis auf Toteisreste verschwunden, auch wenn man eine Verlangsamung des Gletscherschwundes durch das Zurückziehen in größere Seehöhen berücksichtigt.

Die jährlichen Schwankungen der Massenbilanz des Stubacher Sonnblickkees 1959 bis 2010

Heinz Slupetzky

Die jährlichen Schwankungen der Massenbilanz 1959 bis 2010

Allgemeine Tendenz der Alpengletscher

Große Gletscher (Talgletscher) hatten eine durchschnittlich negative Bilanz, mittelgroße mit mehreren Quadratkilometern Fläche eine mäßig negative und kleine, höher gelegene leicht negative über ausgeglichene bis positive Bilanzen; wie erwartet, weit entfernt von Rekordverlusten.

Nicht ein Einzeljahr, wie das negative Rekordjahr 2003, sondern die Summe aufeinander folgender jährlicher Massenverluste ist entscheidend. Beim Stubacher Sonnblickkees gab es nun 13 Jahre hintereinander kein Jahr mehr mit einem Massenzuwachs.

50 Jahre Längenmessungen des Alpenvereins

Im Jahr 1960 wurden die ersten Gletschermessmarken durch Heinz und Werner Slupetzky an drei Gletschern in der Granatspitz- und westlichen Glockner-Gruppe angelegt. Somit wurde heuer das 51. Mal gemessen und damit die 50. jährliche Längenänderung erfasst. Seit 1963 wurden an zehn bis 14 Gletschern Messungen durchgeführt. Alle erfolgen im Rahmen des über 110 Jahre andauernden Gletscherlängen-Messprogramms des Österreichischen Alpenvereins (OeAV).

Längenmessung beim Stubacher Sonnblickkees am 14.9.2010

Heinz Slupetzky

Längenmessung beim Stubacher Sonnblickkees am 14.9.2010

Von zehn Gletschern (in den erwähnten Gebirgsgruppen) verloren acht wieder an Länge und nur zwei blieben stationär. Die OeAV- Gesamtmessergebnisse werden im Heft 02/2011 des AV-Magazins Bergauf im April vorliegen.

Das Stubacher Sonnblickkees ist in dem halben Jahrhundert rund 100 Meter kürzer geworden, das Untere Riffelkees um 220 Meter und das Ödenwinkelkees um 380 Meter.

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