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Stacheldraht in einem KZ

"Die Täter haben sich nicht vorgestellt"

In den vergangenen zwei Jahren hat die Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz die Verbrechen von Österreichern im KZ Lublin-Majdanek untersucht: Deren juristische Ahndung nach dem Krieg war mehr als mangelhaft.

NS-Verbrechen 29.10.2010

Ein Teil der Ergebnisse wird heute bei einer internationalen Konferenz in Wien präsentiert, bei der außerdem auch Forschungen zu Majdanek-Prozessen in Deutschland und Polen vorgestellt werden.

Im Schatten anderer Prozesse

Das KZ Lublin-Majdanek war das erste von den Nationalsozialisten auf besetztem Gebiet errichtete Konzentrationslager. An dem dort an jüdischen Häftlingen und sowjetischen Kriegsgefangenen verübten Massenmord waren zahlreiche Österreicherinnen und Österreicher involviert, so der Historiker Siegfried Sanwald von der Forschungsstelle Nachkriegsjustiz:

„Neueren Forschungen aus dem Jahr 2006 zufolge sind im KZ Lublin-Majdanek über 78.000 Personen ermordet worden. Sei es bei Einzel- oder Massenhinrichtungen, in Gaskammern oder in Folge von Zwangsarbeit, Auszehrung und Krankheit.“

Die nicht vorgenommene Ahndung der im KZ Lublin-Majdanek begangenen Verbrechen in Österreich zeugt bis heute von einem dunklen Kapitel der hiesigen Rechtsgeschichte.

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Projekte der Forschungsstelle Nachkriegsjustiz

Programm der Tagung

Während die Kontroversen um die Freisprüche in den beiden österreichischen Auschwitz-Prozessen und dem Mauthausen-Prozess im Frühjahr 1972 noch vielen Menschen in Erinnerung sind, ist das 1961 eingeleitete Ermittlungsverfahren zum Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek für lange Zeit in Vergessenheit geraten.

Zahlreiche Kritikpunkte

Rechtlich kaum bewanderte und mitunter historisch vorbelastete Laien-Richter, wenig sensibler Umgang mit traumatisierten Zeugen, schleppende bzw. unter unklaren Umständen eingestellte Ermittlungsverfahren und eine Reihe fragwürdiger Freisprüche: So lautete die international formulierte Kritik an sämtlichen österreichischen Strafprozessen bzw. Ermittlungsverfahren zu den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Auch das Beispiel des österreichischen Ermittlungsverfahrens zum KZ Lublin-Majdanek verdeutlicht, dass Österreich zu Recht dafür kritisiert wird, nicht genügend zur Ausforschung von Tätern und Ahndung der Verbrechen unternommen zu haben. Die Liste der Versäumnisse und Verfehlungen ist lang.

730 Angeklagte und ein Staatsanwalt

Anders als bei den deutschen Majdanek-Prozessen war in Graz nur ein Staatsanwalt mit der Prozessführung betraut. Im Laufe der Ermittlungen wurde ihm sogar ein weiterer, zusätzlicher NS-Prozess übertragen. „Definitiv eine Überbelastung“, so Historiker Siegfried Sanwald.

Ö1 Sendungshinweis

Das KZ Lublin-Majdanek und die österreichische Justiz, Ö1 Dimensionen-Magazin, 29.10., 19:06 Uhr

Denn die Grazer Staatsanwaltschaft ermittelte zunächst gegen mehr als 730 Personen - darunter befanden sich viele so genannte Volksdeutsche aus Kroatien, Ungarn und Rumänien, die nach Kriegsende in Österreich geblieben sind. Die Beschuldigten waren etwa als Angehörige der Lager-Wachmannschaft, deren Ausbildner, Kapos und Mediziner im Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek tätig. Im Laufe des Ermittlungsverfahrens reduzierte sich die Zahl der Beschuldigten jedoch auf 64 Personen - der Grund dafür: Die nicht-österreichischen Staatszugehörigkeit der Volksdeutschen.

Die Tatvorwürfe lauteten unter anderem: Massen- bzw. Einzelhinrichtungen von jüdischen Häftlingen und sowjetischen Kriegsgefangenen und Teilnahme an Selektionen von nicht mehr arbeitsfähigen Häftlingen.

Keine persönliche Befragung von Zeugen

Der Großteil der über 300 Zeuginnen und Zeugen waren ausländischer Staatszugehörigkeit. Die Staatsanwaltschaft verzichtete jedoch weitgehend auf entsprechende Dienstreisen nach Polen, Deutschland, Israel oder die Sowjetunion. „Die meisten Zeugen wurden lediglich über Rechtshilfeverfahren befragt“, so Siegfried Sanwald. Die Krux daran: Die ausländischen Behörden konnten nur die von der Staatsanwaltschaft zuvor am Papier vorgegebenen Fragen abarbeiten.

Nachzufragen, auf die Antworten der Zeugen einzugehen, das war mit einer solchen Vorgehensweise nicht möglich und wurde verabsäumt. Zudem wurde von den Zeugen mitunter erwartet, dass sie die Täter namentlich identifizieren sollen, so Sanwald: „Der Auschwitz-Überlebende Rudolf Vrba hat in diesem Zusammenhang treffend formuliert, dass sich die Täter bei ihren Opfern nicht namentlich vorgestellt hätten.“

Keine Sachverständigen

Literatur

Tomasz Kranz, Lublin-Majdanek - Stammlager,
in: Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors.
Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Bd. 7, München 2008, S. 33-84.

Der Staatsanwalt verzichtete gänzlich auf das Einholen eines historischen Sachverständigen-Gutachtens. Die Folge: „Dass der Staatsanwalt kaum über detailliertere Kenntnisse über das KZ Lublin verfügte, nützte der Verteidigung der Beschuldigten immens“, sagt Siegfried Sanwald und nennt ein Beispiel: „Der Staatsanwaltschaft konnte so weisgemacht werden, dass die Massenerschießungen der sowjetischen Kriegsgefangenen dem damals gültigen Kriegsrecht zufolge rechtens gewesen seien.“

Ungünstige zeitliche Umstände?

1971 legte die Staatsanwaltschaft den Endbericht der Ermittlungen zum KZ Lublin-Majdanek vor. Danach geschah zwei Jahre lang nichts, bevor das Verfahren endgültig ad acta gelegt wurde. Ein möglicher Grund dafür, glaubt Siegfried Sanwald, ist die zeitliche Nähe zu drei weiteren, großen österreichischen NS-Prozessen zu Verbrechen in den Konzentrationslagern Mauthausen und Auschwitz, die alle mit Freisprüchen endeten: „Die Vermutung liegt nahe, dass es bei einer Anklageerhebung im Fall Majdanek zu weiteren Freisprüchen durch Laien-Richter gekommen wäre, die wiederholt große internationale Kritik entfacht hätten“.

Zum Vergleich: Das Düsseldorfer Majdanek-Verfahren, geführt ab 1975, wurde zum größten Prozess in der Geschichte der deutschen Rechtsprechung. Von den insgesamt 15 Angeklagten, wurde nur eine Person freigesprochen.

Der Fall Wallisch und mögliche neue Ermittlungen

Bis heute ist kein österreichisches Strafverfahren zum KZ Lublin-Majdanek abgeschlossen worden - zwar wurden 2007 gegen die ehemalige Aufseherin und Wienerin Erna Wallisch Vorerhebungen eröffnet, doch die Beschuldigte verstarb im Februar 2008.

Nach einem Auftrag des Bundesministeriums für Justiz im Jahr 2007 hat nun die Forschungsstelle Österreichische Nachkriegsjustiz die Beteiligung von weiteren Österreichern und Österreicherinnen an den Verbrechen in Majdanek untersucht. „Mord verjährt nicht, es sei denn, der bzw. die Beschuldigte war zum Zeitpunkt der Tat unter 20 Jahre alt. Wir konnten einige neue Namen finden, nun gilt es zu eruieren, ob die betreffenden Personen auffindbar bzw. noch am Leben sind“, so Sanwald. Dazu werden die Daten laufend an das Justizministerium weitergeleitet, das nun am Zug ist.

Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

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