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Modell eines Gehirns.

Mathematik: Hirndoping mit Strom

Die elektrische Stimulation bestimmter Hirnbereiche verbessert offenbar das mathematische Denken. Wie britische Forscher berichten, ist der Effekt nachhaltig: Er ist sogar nach sechs Monaten noch nachweisbar.

Neurobiologie 05.11.2010

"Rate Leuten nicht zu Elektroschocks"

Die Studie

"Modulating Neuronal Activity Produces Specific and Long-Lasting Changes in Numerical Competence" ist im Fachblatt "Current Biology" erschienen.

Man kann es wohl nur als Methode physikalischen Hirndopings bezeichnen, was Roi Cohen Kadosh mit seinen Mitarbeitern entdeckt hat. "Ich rate den Leuten natürlich nicht, sich in Eigenregie Elektroschocks zu verabreichen. Aber ich muss zugeben: Wir sind von unserer Entdeckung sehr begeistert", so der Neurowissenschaftler von der Oxford University.

"In früheren Versuchen haben wir bereits gezeigt, dass man durch magnetische Reize im Gehirn eine künstliche Rechenschwäche erzeugen kann. Und nun zeigt sich: Wir können die mathematischen Fähigkeiten auch verbessern. Elektrische Stimulationen werden Sie höchstwahrscheinlich nicht zu Albert Einstein machen. Aber wenn wir Erfolg haben, könnte die Methode Leuten helfen, besser mit Mathematik zurechtzukommen."

Die britischen Forscher verwendeten für ihre Versuche eine nicht-invasive Technik namens TDCA ("transcranial direct current stimulation"). Sie funktioniert im Wesentlichen so: Die Probanden bekommen einen Laborhelm aufgesetzt, aus dem über Kontakte schwache elektrische Ströme auf die Kopfhaut geleitet werden, was wiederum die Aktivität der Neuronen in der Großhirnrinde verändert. Die Technik ist an sich nichts Neues, sie wurde bereits in vielen Studien zur Behebung kognitiver Defizite eingesetzt. Etwa, um Schlaganfallpatienten bei der Rehabilitation zu unterstützen.

Therapie bei Rechenschwäche

FM4-Sendungshinweis

Computer befinden sich bereits heute in unserem Körper: Der Herzschrittmacher wird immer kleiner und intelligenter, einigen Parkinson-Patienten wurden bereits Computerkomponenten zur Reduktion von Symptomen ins Gehirn eingepflanzt. Der Computerwissenschafter Ray Kurzweil prophezeit, dass in unserer Blutbahn tausende von Minicomputern schwimmen werden, um Krebszellen zu fressen, das Immunsystem zu stärken und vieles mehr. Im alten Rom war die Lebenserwartung 30, heute liegt sie bei 80. "Sie wird auf 300 steigen. Schneller, als wir denken."

Dass Cohen Kadosh und seine Kollegen damit nun dem mathematischen Denken auf die Sprünge helfen, ist allerdings neu: Die Neurowissenschaftler stimulierten im Rahmen der Versuche den sogenannten Parietallappen von Probanden - und präsentierten ihnen währenddessen eine Reihe unbekannter Symbole. Jedem Symbol war eine Zahl zugeordnet, die Aufgabe der Testpersonen bestand darin, sich diese Zuordnungen zu merken und damit einfache Aufgaben zu lösen.

Resultat der Versuche: Die Hirnstimulation hatte die Performanz der Probanden nicht nur messbar verbessert, der positive Effekt ließ sich auch sechs Monate später noch nachweisen.

Nachdem laut psychologischen Studien 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung an einer leichten Rechenschwäche leiden, böte sich diese relativ einfache Methode für zukünftige Therapien an - zumal Rechenschwächen, auch das zeigen Studien, mit Arbeitslosigkeit, geringerem Einkommen, Depressionen und verringertem Selbstwertgefühl zusammenhängen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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