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Lächelnde Frau

Wer im Moment lebt, ist glücklicher

In der Gegenwart zu leben und den Moment zu genießen gilt zahlreichen Philosophien als Schlüssel zum Glück. Dass daran viel Wahres ist, haben US-Psychologen nun in einer Studie bestätigt: Sie befragten mit Hilfe eines Handyprogramms 2.200 Studienteilnehmer laufend, was sie gerade machen und woran sie gerade denken.

Psychologie 12.11.2010

Dabei zeigte sich eine große Diskrepanz: Knapp die Hälfte der Zeit dachten sie an etwas anderes als an das, was sie gerade taten - und das macht unglücklich, berichten die Psychologen Matthew A. Killingsworth und Daniel T. Gilbert von der Universität Harvard.

"Reizunabhängige Gedanken" per Handy untersucht

Ansicht der iPhone-App, die das Glück misst

Matthew A. Killingsworth

Ansicht der iPhone-App, die das Glück misst

Unaufhörlicher Bewusstseinsstrom, Tagträume, Unaufmerksamkeit: Gleichgültig wie man es nennt, das Phänomen, an alles Mögliche zu denken - Vergangenes, Zukünftiges, Gutes oder Schlechtes - nur nicht an die Gegenwart, kennen wir alle. Um diese "reizunabhängigen Gedanken", wie es im Psychologenjargon heißt, zu untersuchen, haben die Forscher eine Methode auf der Höhe der Zeit entwickelt.

Sie bastelten ein iPhone-Anwendung, das die Handy-Benutzer in zufälligen Abständen nach ihrem Wohlbefinden befragt. "Wie fühlen Sie sich gerade?" kann dabei auf einer Skala von 0 bis 100 (sehr schlecht bis sehr gut) beantwortet werden. Ebenso wird nach der aktuellen Tätigkeit gefragt und ob sich Tun und Denken entsprechen.

Die Daten werden auf die Website www.trackyourhappiness.org übertragen, 250.000 von ihnen wurden für die aktuelle Studie ausgewertet.

Beim Sex sind wir am meisten "bei der Sache"

Die Studie:

"A Wandering Mind Is an Unhappy Mind" von Matthew A. Killingsworth und Daniel T. Gilbert ist in "Science" erschienen.

"A wandering mind is an unhappy mind", der Titel der "Science"-Studie klingt nicht nur wie ein trauriges Lied von Johnny Cash, sondern fasst ihren Inhalt bereits gut zusammen. 46,9 Prozent unserer gesamten Wachzeit denken wir ihrzufolge im Schnitt an etwas anderes als an das, was wir gerade machen. Bei einem einzigen der 22 untersuchten Aktivitäten lag der Ablenkungswert unter 30 Prozent: nämlich beim Sex.

Beim Sex mit anderen Menschen, so sagen die Psychologen, sind wir gedanklich am stärksten "bei der Sache". Und weil das ein zuverlässiger Indikator für Glück ist, sind wir dabei auch am glücklichsten.

Neben Sex, das mit Abstand auf Platz 1 liegt, sind wir auch bei körperlichen Übungen, Gesprächen mit anderen Menschen, beim Spielen, Musikhören und Essen gedanklich relativ wenig abgelenkt - und dabei deshalb auch glücklicher, wie Killingsworth und Gilbert schreiben.

Leben im "Hier und Jetzt"

Am meisten würden wir an etwas anderes denken, wenn wir uns ausruhen, beim Arbeiten oder vor dem Computer sowie bei der Benutzung von Verkehrsmitteln - deshalb machen uns diese Tätigkeiten auch am unzufriedensten.

"Wandernde Gedanken sind ein hervorragender Indikator für das Glück der Menschen", sagt Matthew Killingsworth. "Er ist aussagekräftiger als die Aktivität, die wir gerade durchführen." Laut den Analysen der Psychologen sind abdriftende Gedanken nicht die Folge von Unglück, sondern ihre Ursache.

"Viele philosophische und religiöse Traditionen lehren, dass Glück gefunden werden kann, wenn man im Moment lebt. Viele versuchen, zu verhindern, dass die Gedanken wandern, und im 'Hier und Jetzt' zu leben", schreiben die Forscher. Ihre Studie gibt diesen Traditionen recht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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