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Vivarium Wien, um 1880

"Seine Versuche waren viel zu aufwändig"

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat in Wien ein inspirierendes Kulturklima geherrscht - auch für die Wissenschaft: Der Biologe Paul Kammerer erforschte damals die Vererbung erworbener Eigenschaften und begründete damit einen "milieubiologischen Denkstil".

Paul Kammerer 12.11.2010

Das ist zumindest die These des Philosophen Peter Berz sowie des Wissenschaftsforschers Christoph Hoffmann. Die beiden sprechen in einem Interview über forschende Künstlernaturen und den Kampf um den Titel "Darwins Erbe".

science.ORF.at: Ein "Denkstil" - was ist das?

Christoph Hoffmann: Ein Denkstil ist die Voraussetzung dafür, dass ich etwas erkennen kann. Ludwik Fleck, der Begründer dieses Begriffs, sagt: "Ein Denkstil ist ein Denkhintergrund." Dieser Hintergrund steht in keinem Lehrbuch und ist vielleicht nicht einmal artikuliert. Aber es ist die Grundvoraussetzung für die Arbeit der Forscher.

Ist das nicht in gewisser Hinsicht trivial? Man könnte das nämlich übersetzen in den Satz: Menschen, die miteinander in Kontakt treten, neigen auch dazu, ihre Überzeugungen zu teilen.

Christoph Hoffmann: Ja, so könnte man es sagen, wenn das immer verbalisiert wäre. Wenn die Akteure immer angeben könnten, warum sie so und nicht anders handeln. Das Interessante an Denkstilen ist, dass sie immer erst retrospektiv klar formulierbar sind. Der Denkstil tritt erst dann klar hervor, wenn er von einem anderen abgelöst wird.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Fleck'schen Denkstil und dem Kuhn'schen Paradigma?

Das Kuhn'sche Paradigma ist eher ein theoretisches Objekt. Bei Fleck ist die Bindung an das Soziale viel stärker ausgeprägt. Ein Denkstil ist letztlich an das Handeln gebunden, nämlich die Frage: Welche Experimente mache ich? Wie gehe ich dabei vor? Und wofür interessiere ich mich eigentlich?

Mich erinnern die Diskussionen über den Denkstil ein bisschen an jene über den sogenannten Zeitgeist. Der Soziologe und Positivist Otto Neurath hätte vermutlich ausgerufen: Metaphysikverdacht!

Christoph Hoffmann: Wir sind alle nicht davor gefeit, solche Begriffe zu unscharf zu verwenden. Doch wenn man sich das bei Fleck selbst ansieht, dann ist der Denkstil nichts, das in der Luft schwebt. Das hat alles seinen konkreten Ort: Eine bestimmte Wissenschaft oder auch nur ein bestimmtes Labor, in dem so und nicht anders gedacht, gearbeitet und gehandelt wird. Das Problem sehe ich eher anderswo: Wie kommt es eigentlich zum Untergang eines Denkstils? Das ist nicht geklärt.

Könnte man sagen: Der Denkstil ist ein flüchtiges Gebilde, er existiert nur dann, wenn man an ihn glaubt?

Christoph Hoffmann: Wenn man mit Forschern spricht, kann man das, was Fleck beschreibt, durchaus wiederfinden. Wissenschaftler können sehr genau angeben, wie sie bei einem Experiment vorgehen, aber sie sind sich oft der Grundlage dafür nicht bewusst. Wenn man zurückfragt: Warum machen Sie das so? Dann bekommt man immer technische Antworten - aber keine epistemologischen. Das hat Fleck sehr richtig beobachtet, wie ich finde.

Herr Berz, Sie haben die Tagung "Milieu-Biologie. Ein Wiener Denkstil?" mitkonzipiert. Warum vermuten Sie gerade eine spezifische Wienerische Denktradition?

Die Tagung

"Milieu-Biologie. Ein Wiener Denkstil?" fand von 11. bis 12. November am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften statt.

Tagungsprogramm und Abstracts der Vorträge

Peter Berz: Das hat zunächst historische Gründe. In der Genetik gab es ein berühmtes Diktum, das besagte: Die Umwelt kann keinen Einfluss auf die Vererbung haben. Dagegen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Einsprüche erhoben. An dieser lamarckistischen Gegenbewegung waren vor allem Forscher in der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater beteiligt - allen voran der Biologe Paul Kammerer.

Der Wiener Denkstil dieser Zeit ist allerdings mehr als das, er ist an das kulturelle Umfeld gebunden. Wissenschaft und Kultur bildeten im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts ein geschlossenes Milieu.

Könnten Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Peter Berz: Hans Przibram, der Begründer der experimentellen Biologie in Österreich, war nicht nur Forscher, sondern auch Maler und hatte Ausstellungen in der Sezession. Kammerer war Musiker. Das waren Milieubedingungen, die es anderswo nicht gab, da arbeiteten die Wissenschaftler als Wissenschaftler und die Künstler als Künstler.

Die disziplinären Grenzen waren zu dieser Zeit an diesem Ort offenbar durchlässig. Wie hat sich dieses Milieu wissenschaftlich manifestiert?

Peter Berz: Die Biologen um Kammerer haben eine Art Zwischenraum entwickelt, der sich zwischen Feldforschung und dem Labor ansiedelt. Ihre Versuche im Vivarium waren auf viele Jahre hin ausgelegt - und nicht auf wenige Wochen, wie etwa bei der klassischen Laborarbeit. Kammerer hat beispielsweise Geburtshelferkröten bei hohen Temperaturen gezüchtet, woraufhin diese ihr Fortpflanzungsverhalten änderten. [Eine Änderung, die nach Kammerers Ansicht auch an deren Nachkommen vererbt wurde, Anm.]

Karl von Frisch, der zu dieser Zeit ebenfalls in Wien lebte, unternahm ganz ähnliche Versuche wie Paul Kammerer, beispielsweise an Salamandern.

Christoph Hoffmann: Ja, aber er hat sich nicht wie Kammerer für Vererbung interessiert. Für ihn stand die Reizverarbeitung und Wahrnehmung im Vordergrund. Kammerer wie Karl von Frisch waren übrigens beide große Tierliebhaber und hatten bereits als Kinder regelrechte Privat-Menagerien.

Eine ausgesprochene zoologische Sammlernatur war ja auch Konrad Lorenz. Er ist trotz des Wiener Milieus zu einer diametralen Position gelangt: Lorenz betrieb eigentlich Anti-Milieubiologie, in heutigen Worten: Er war Gen-Determinist.

Peter Berz: Was die Theorie betrifft, sind die beiden sicher ganz gegensätzlich. Aber in der Praxis sehe ich große Ähnlichkeiten. Lorenz hatte in Altenberg einen Privatzoo, nahm seine Graugans Martina sogar mit ins Bett. Er hatte einen ganz intensiven Kontakt zu seinen Tieren und bei Kammerer war das auch so. Nur waren es bei ihm keine Vögel, sondern Amphibien.

Der chilenische Biologe Alexander Vargas vertritt die These, Kammerer habe bei seinen Versuchen jene Vererbungsprinzipien entdeckt, die man jetzt als "Epigenetik" bezeichnet.

Christoph Hoffmann: Man kann das so sehen, aber ich halte es nicht für sonderlich sinnvoll. Der Vorläufer ist ja eine eigenartige Figur in den Wissenschaften. Er soll für etwas einstehen, was zu seiner Zeit noch gar nicht bekannt war oder formuliert wurde. Im Übrigen war die Trennung, und da muss ich Peter Berz ein wenig widersprechen, zwischen Neodarwinismus und Lamarckismus um 1910 noch gar nicht so klar. Das wurde erst in den 1920er Jahren festgeschrieben. Kammerer hat sich beispielsweise in einem Vortrag selbst als Erbe Darwins bezeichnet.

Das Interessante an der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist der Streit um die Frage: Wer tritt Darwins Erbe an? Das war auch eine wissenschaftspolitische Frage, bei der man sich mit guten Versuchen durchsetzen musste. Das Problem Kammerers war: Seine Versuche mit Amphibien waren zwar gut, aber viel zu langwierig, viel zu aufwändig und kaum zu reproduzieren. Das hat ihm sehr geschadet. Man muss verstehen, wie die Situation damals war - und sollte nicht rückwirkend Ehrennoten und Fleißkärtchen verteilen.

Über schlechte Presse konnte sich Kammerer jedenfalls nicht beschweren. Die "New York Times" bezeichnete ihn tatsächlich als "zweiten Darwin".

Christoph Hoffmann: Aber in der Forschergemeinde hatte er viele Gegner. Und die konnten sich viel besser mobilisieren. Nehmen Sie etwa den US-Biologen Thomas Hunt Morgan. Er verwendete für seine Versuche die Taufliege und konnte in einem Jahr mit 50, 60 Generationen und Millionen Organismen experimentieren. Das hat natürlich eine ganz andere Evidenz.

Interview: Robert Czepel

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