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Stilisierte DNA-Stränge

Forscher liefern Beweis bei HIV-Prozess

Im Mai 2009 wurde Philippe Pardieu vom Gericht in Texas zu 45 Jahren Haft wegen der absichtlichen Verbreitung von HIV verurteilt. Den Nachweis, dass die Opfer tatsächlich von Pardieu infiziert wurden, erbrachten Forscher: Ihnen gelang es, den Ursprung der Viren aufzuspüren, obwohl das Hi-Virus so schnell wie kaum ein anderes seine Gestalt verändert.

Forensik 16.11.2010

Durch eine phylogenetische, d.h. stammesgeschichtliche Analyse von zwei Abschnitten des Viren-Erbguts konnte in zwei Gerichtsverfahren bewiesen werden, dass die Infektionen tatsächlich von den Angeklagten verursacht wurden. Damit gelang es "zum ersten Mal, die Richtung der Ansteckung zu bestimmen", betont Michael Metzker vom BCM Human Genome Sequencing Center der Universität Texas, der gemeinsam mit David Hills und Kollegen die Analyse unternahm.

Die Studie:
"Source identification in two criminal cases using phylogenetic analysis of HIV-1 DNA sequences" erscheint zwischen 15. und 19. November 2010 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI: 10.10 73/pnas.1015673107).

Wissenschaft hilft Staatsanwaltschaft

Philippe Pardieu bestritt vor Gericht, zahlreiche Frauen mit HIV infiziert zu haben. Vielmehr hätten alle Opfer mehrere Partner gehabt und wahrscheinlich habe eine Frau ihn angesteckt, so der Angeklagte während seiner Verhandlung.

Aussage stand gegen Aussage, weshalb sich die Staatsanwaltschaft - ebenso wie in einem ähnlich gelagerten Fall, der in Washington verhandelt wurde - entschloss, die Wissenschaft zu Rate zu ziehen. Die Forscher rund um Michael Metzker und David Hills erhielten pro Fall drei Blutproben: eine stammte vom Angeklagten, eine von einer infizierten Frau und eine von einem am Fall unbeteiligten HIV-Patienten, der in der selben Gegend wie vermeintlicher Täter und Opfer lebte.

Bewegliches Ziel

Die Schwierigkeit bei der Analyse des HI-Virus liegt darin, dass es sich so schnell verändert. Unmittelbar nach der Infektion beginnt das Erbgut des Virus zu mutieren. Auch die Immunreaktion des Körpers richtet nichts aus, weil das Ziel so "beweglich" ist. Diese raschen Veränderungen machen es auch schwierig, Viren, die einige Monate nach der Infektion im Blut eines Patienten schwimmen, mit jenen des Verursachers zu vergleichen.

Berater bei TV-Serie
Die Arbeit von Michael Metzker klingt nicht nur nach TV-Serie, sein Know-How wurde tatsächlich auch für eine solche gebraucht: Für eine Episode der Serie "Law and Order SVU" stand Metzker dem Fernsehteam zur Seite, die Episode wurde im Jänner 2010 ausgestrahlt.

Zwei Abschnitte verglichen

Den texanischen Genetikern ist es dennoch gelungen: Dazu nahmen sie nicht das gesamte Viren-Erbgut unter die Lupe, sondern zwei Abschnitte mit den Bezeichnungen "env" und "pol". Diese zwei Regionen wurden verglichen und mit Hilfe von Mathematik und Statistik ein Evolutionsmodell entwickelt, mit dem sich in beiden Kriminalfällen der Überträger bestimmt werden konnte.

Die - noch immer anonymen - Ergebnisse erhielten die Staatsanwaltschaft, erst in den Verhandlungen wurde das Geheimnis gelüftet: In beiden Fällen stammte das ursprüngliche Virus vom Angeklagten. Beide Männer wurden - nicht zuletzt aufgrund des molekularbiologischen Beweises - zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Verursacher und Opfer identifiziert

Michael Metzker und David Hills räumen in ihrer Studie ein, dass ihre Technologie noch nicht so ausgefeilt ist wie etwa die Erstellung eines DNA-Profils. In den beiden analysierten Fällen ist es aber laut ihren Angaben zum ersten Mal gelungen, bei der Übertragung von HIV eine Richtung festzustellen, also Verursacher und Opfer identifizieren zu können. Nun gehe es darum, die Methode der Phylogenetik von Viren weiter zu entwickeln.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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