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Eine Frau sitzt zwischen Bergen von Büchern

Lesen schwächt das Gesichter-Gedächtnis

Menschen, die Schwierigkeiten haben, Gesichter im Gedächtnis zu behalten, dürfen aufatmen: Ihre Lesekompetenzen könnten an diesem Defizit schuld sein.

Neurobiologie 15.11.2010

Stanislav Dehaene vom französischen Forschungsinstitut INSERM-CEA hat kürzlich eine "neuronale Recycling-Theorie" entwickelt. Sie besagt, dass neu erworbene Kompetenzen von bereits vorhandenen Netzwerken im Gehirn übernommen werden, auch wenn sie bereits mit anderen, älteren Funktionen betraut worden sind. Um diese Hypothese zu überprüfen, führte Dehaene Tests mit drei Gruppen von Probanden durch - Analphabeten, solche, die das Lesen erst als Erwachsene gelernt hatten, und solche, die, wie üblich, dies in der Kindheit getan hatten

Die Studie

"How Learning to Read Changes the Cortical Networks for Vision and Language" ist auf der Website von "Science" (doi: 10.1126/science.1194140) erschienen.

Beim Lesen ist, das haben bereits frühere Studien gezeigt, die "Visual Word Form Area " in der linken Hemisphäre aktiv. Erwartungsgemäß zeigten Dehaenes Versuche Unterschiede bei den Probanden: Die besseren Leser aktivierten beim Betrachten eines Textes dieses Areal stärker als jene, die nur schlecht oder gar nicht Lesen konnten.

Interessanterweise zeigten sich auch beim Betrachten von Gesichtern Aktivitätsunterschiede, diesmal aber genau umgekehrt: Die guten Leser wiesen in diesem Fall ein besonders inaktives "Visual Word Form"-Areal auf. Dehaene vermutet, dass die beiden Fähigkeiten bei der Rekrutierung dieses Areals in Konkurrenz treten. Schwächen beim Erkennen von Gesichtern könnten demnach von einer dominanten Lesekompetenz bewirkt worden sein.

science.ORF.at

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