Standort: science.ORF.at / Meldung: "Neandertaler wurden schneller erwachsen"

Mit Synchrotronstrahlen leuchten die Forscher in den Oberkiefer eines Neandertalerkindes hinein und können anhand der Wachstumslinien das Alter zum Todeszeitpunkt bestimmen.

Neandertaler wurden schneller erwachsen

Der Neandertaler hatte einer neuen Studie zufolge eine kürzere Kindheit als der moderne Mensch. Die langsamere Entwicklung könnte dem Homo sapiens einen Vorteil in der Evolution gegenüber dem Neandertaler gegeben haben.

Anthropologie 16.11.2010

In der Studie zeigt die Forschergruppe um die Biologin Tanya Smith von der Harvard University und dem deutschen Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie, dass das Wachstum der Zähne bei jungen Neandertalern weit schneller war als bei den ersten modernen Menschen, die vor 90.000 bis 100.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließen. Diese Erkenntnis stützt sich auf eine Untersuchung der Zähne der beiden Arten mittels Röntgenstrahlen.

Die Studie:
"Dental evidence for ontogenetic differences between modern humans and Neanderthals" erscheint zwischen 15. und 19. November 2010 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI: 10.1073/pnas.1010906107).

Zähne als Zeitspeicher

"Zähne sind beeindruckende Zeitspeicher, die jeden einzelnen Wachstumstag aufzeichnen und ähnlich wie die Jahresringe bei Bäumen den entsprechenden Fortschritt sichtbar machen. Noch beeindruckender ist es, dass unsere ersten Backenzähne eine winzige 'Geburtsurkunde' enthalten. Wenn Forscher diese Geburtslinie finden, können sie exakt berechnen, wie alt ein Kind zum Zeitpunkt seines Todes war", erklärt Tanya Smith in einer Aussendung des Max-Planck-Instituts in Leipzig.

Mit Synchrotronstrahlen leuchten die Forscher in den Oberkiefer eines Neandertalerkindes hinein und können anhand der Wachstumslinien das Alter zum Todeszeitpunkt bestimmen.

Graham Chedd, Paul Tafforeau, Tanya Smith

Mit Synchrotronstrahlen leuchten die Forscher in den Oberkiefer eines Neandertalerkindes hinein und können anhand der Wachstumslinien das Alter zum Todeszeitpunkt bestimmen.

Neandertaler-Kind drei Jahre alt

Wissenschaftler waren sich jahrzehntelang uneins, ob Neandertaler anders wuchsen als moderne Menschen. Die Studie von Smith, Tafforeau und anderen Experten schließt einige mehrere Neandertaler-Kinder mit ein, darunter auch das erste Fossil der menschlichen Familie, das jemals gefunden wurde.

Man nahm an, dass dieses Neandertalerkind aus Belgien, das im Winter 1829/30 entdeckt wurde, vier bis fünf Jahre alt war, als es starb. Mithilfe der Synchrotron-Röntgenstrahlen konnten die Forscher das tatsächliche Alter des Kindes zum Todeszeitpunkt jedoch auf drei Jahre datieren.

Längere Gehirnreifung

"Die langsame Entwicklung bei Kindern steht im direkten Zusammenhang mit dem Entstehen menschlicher, sozialer und kultureller Komplexität", so die Forscher. "Sie verschafft dem Gehirn eine längere Reifezeit und eine ausgedehnte Periode des Lernens." Möglicherweise verschaffte das dem frühen Homo sapiens einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Neandertaler, der aus noch immer unbekannten Gründen vor rund 30.000 Jahren ausstarb.

science.ORF.at/AFP/APA

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