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Ein orthodoxer Jude lächelt in die Kamera

Juden: Vormodern, modern und postmodern

Bevor der Holocaust zum zentralen Bezugspunkt des jüdischen Selbstverständnisses wurde, war es das Verhältnis zur Moderne. Während einzelne Juden im 19. Jahrhundert Vorreiter der Emanzipation waren, galten sie kollektiv - vor allem in Osteuropa - als Überbleibsel der Vormoderne.

Geschichte 18.11.2010

Wie diese Entwicklung historisch abgelaufen ist und welchen Niederschlag sie im innerjüdischen, aber auch im antisemitischen Diskurs gefunden hat, erzählt der Historiker Dan Diner in einem science.ORF.at-Interview. Für die Gegenwart und Postmoderne billigt er der "jüdischen Lebensform" geradezu eine paradigmatische Bedeutung zu.

science.ORF.at: Sie haben sich lange mit der Geschichte beschäftigt, deshalb zu Beginn die knifflige Frage: Was sind die Juden - eine Religion oder ein Volk?

Dan Diner: Weder noch. Das Drama des jüdischen Selbstverständnisses rührt daher, dass es aus verschiedenen Bestandteilen besteht. Die Religion ist natürlich das zentrale Element, aber im Zeitalter der Säkularisierung hat sich die Zugehörigkeit zum Judentum ethnifiziert. D.h. ohne jüdische Religion gibt es keine Juden, aber Juden müssen nicht religiös sein, um welche zu sein.

Zur Person:

Porträtfoto des Historikers Dan Diner

IFK

Dan Diner ist Professor für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig. Zurzeit ist er City of Vienna/IFK_Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Am Dienstag, 16.11., hielt er eine Wiener Vorlesung zum Thema: "Mit östlichem Blick: Über jüdische Verwandlungen 1750 bis 1950".

Wie bei anderen Kollektiven ist das eigene Selbstverständnis der Juden Ausdruck einer bestimmten Komposition von Anteilen der Zugehörigkeit. Es kommt immer sehr stark darauf an, von welcher Zeit und welcher Region man redet, man auch sagen: von welchen Judenheiten. Bei den einen steht das Religiöse im Vordergrund, bei anderen das Ethnische. Man könnte sich auch ein Diagramm vorstellen, in dessen Zentrum das Judentum steht - wobei unter Judentum das jüdische Gesetz zu verstehen ist, also nicht der Glaube oder die Religion im konfessionellen Sinne, sondern das jüdische Gesetz. Das Judentum ist eine Offenbarungsreligion, und die Offenbarung drückt sich letztlich in der Befolgung der Gesetze aus.

Im Zentrum des Diagramms steht also das Judentum, im weiteren Kreis folgen die ethnifizierten Judenheiten, dann die individuellen Juden, die sich integriert haben, Staatsbürger der jeweiligen Gemeinwesen sind, die sich aber noch als Juden empfinden, weil sie sich etwa an Feiertagen entsprechend verhalten. Dazu kommen natürlich noch Zuschreibungen von außen, was denn nun das Jüdische sei, und die haben zumeist antisemitischen Charakter.

In Brüssel wird gerade versucht, ein europäisches Haus der Geschichte zu errichten, der nationalstaatliche Blick auf die Geschichte macht den dafür nötigen gemeinsamen Blick ziemlich schwer: Ihre These ist es, dass sich gerade die jüdische Perspektive für einen solchen gemeinsamen Blick anbieten würde, warum?

Die Juden sind eine diasporische Bevölkerung. Um eine geometrische Figur zu bemühen: Sie leben nicht in der Fläche, sondern im Punkt. D.h. die jüdische Geschichte lässt sich am besten als eine der Erinnerungsorte darstellen, an jedem bestimmten Ort kann man ein Ereignis oder die Existenz einer bedeutenden Persönlichkeit ablesen. Die Verknüpfung dieser Punkte ergibt ein Bild, das in hohem Maße mit dem Konzept des Europäischen einhergeht.

Ob das Amsterdam ist mit Spinoza, ob Frankfurt mit den Rothschilds, ob Wilnius mit dem Gaon von Wilna oder Prag mit Rabbi Löw und Franz Kafka: Man erhält letztlich eine Kulturlandschaft, die tiefe Einkerbungen im jüdischen Gedächtnis hat. Und dieses Gedächtnis harmoniert mit dem, was man heute im Guten wie im Schlechten unter Europa versteht: als ein transnationales und transterritoriales Konzept.

Ö1 Sendungshinweis

Eine Rezension des neuen Buchs von Dan Diner "Zeitenschwelle" war in der Sendung "Kontext - Sachbücher und Themen" zu hören: Freitag, 12.11., 9.05 Uhr, Radio Österreich 1.

Wie Sie in Ihrem Buch "Gedächtniszeiten" ausführen, setzt sich die jüdische Identität aus solchen herausragenden Individuen zusammen, aber auch aus kollektiven Zugehörigkeiten, was auch den Unterschied zwischen west- und osteuropäischen Juden markiert. Wie ist es historisch zu diesen Unterscheidungen gekommen?

Stark verkürzt gesagt: Europa reicht bis dorthin, wo der Napoleonische Code Civil als Regularium der bürgerlichen Gesellschaft etabliert wurde. Es war die Französische Revolution, die die Juden als Individuen und Staatsbürger emanzipierte. Diese individuelle Emanzipation war für die westliche Entwicklung signifikant. Im östlichen Europa - im Russischen Reich, wo früher die Mehrheit der Juden lebte - hat sich die bürgerliche Gesellschaft nicht vollständig durchgesetzt und damit gab es auch für die Juden keine Rechtsgleichheit.

Diese Gleichheit wurde in Russland erst 1917 mit der Februarrevolution etabliert. Aufgrund der demographisch kompakten Lebensform der Juden und der blockierten Modernisierung im Russischen Reich zuvor hat sich dort ein kollektives Selbstverständnis der Juden erhalten. Die Schlagwort im Westen hießen also: Individualität und Staatsangehörigkeit, im Osten: Ethnifizierung und Kollektivität. Das sind die großen Unterschiede zwischen dem westlichen und dem östlichen Judentum.

Damit einher gehen auch die unterschiedlichen Rollen, die Juden im Westen bzw. Osten beim Prozess der Modernisierung zugeschrieben wurden ...

Juden als Individuen wurden als Pioniere der Moderne angesehen, als Kollektiv aber in hohem Maß als Residuen der Vormoderne. Das ist der Widerspruch, unter dem sie immer gelebt haben. In ihrer Individualität waren Juden absolut modern, in der kollektiven Konstellation gab es starke Elemente des alten Selbstverständnisses.

Woher stammen diese Bilder von den Ost- und Westjuden?

Die Unterscheidung ist vor allem eine jüdische. Unter den Juden im Westen, v.a. in Deutschland, herrschte ein abfälliges Bild von den sogenannten Ostjuden vor, die viel traditioneller und religiöser waren. Zwar gab es auch Antisemiten, die diese Unterscheidung bemühten - etwa Heinrich von Treitschke im Berliner Antisemitismusstreit der 1880er Jahre, der die Ostjuden als in Deutschland nicht integrierbar betrachtete - sie ist aber in erster Linie Teil des innerjüdischen Diskurses.

Antisemiten fokussieren weit mehr den "unsichtbaren Juden": die Juden als geheime Strippenzieher, die Juden als Teil einer nicht erkennbaren Verschwörung, das ist die antisemitische Projektion. Der klassische Antisemit hegt gegenüber den sichtbaren Kaftan-Juden weniger Ressentiments als gegenüber Personen, von denen er vermutet, dass sie Juden sind und womöglich noch reich und mächtig.

Welche Rolle haben die Antisemiten bei der Schaffung der jüdischen Identität gespielt?

Die Antisemiten sehen etwas Richtiges, verzerren es aber in einer Art und Weise, dass es zum antisemitischen Bild wird. Festzustellen, dass die Juden vor allem im Handel tätig sind, ist an sich nichts Ehrenrühriges. Nur verkommt es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer negativen Figur. Die Überlegungen etwa der Physiokraten, wonach der gesamte Reichtum nur aus dem Boden stamme, haben sich später zu antijüdischen Vorstellungen verdichtet. Heute haben wir das längst überwunden, heute ist die "jüdische Lebensform" etwas, das viele sogar anstreben. Man könnte fast sagen, dass die jüdische Lebensform in der Postmoderne zu einem Paradigma geworden ist.

Die Juden als Paradigma der Postmoderne?

Im Sinne von: Mobilität, Intellektualität, Formen einer schnellen Transformation des eigenen Selbstverständnisses. Das gilt für uns heute ja in allen Bereichen, von der Arbeitswelt bis zur Gender-Zuordnung. Die Klarheiten und Abgrenzungen von früher scheinen im 21. Jahrhundert nicht mehr angemessen. Ich denke, dass Juden aufgrund ihrer diasporischen Lebensform, dem Umstand, an mehreren Orten präsent zu sein und sich in Bewegung zu befinden, ein habituell wichtiges Element unserer gegenwärtigen Lebenswelt sind.

Wer ein Jude ist und wer nicht, haben in Deutschland die Nürnberger Gesetze der Nazis festgeschrieben. Inwiefern ist das für das Selbstverständnis der Juden bis heute wichtig?

Insofern als sie ganz unmittelbar das Schicksal von Menschen bestimmt haben. Auch wenn sich jemand nicht als Jude gefühlt hat, wurde er als solcher behandelt, und das war für ihn und seine Nachkommen entscheidend. Insofern haben die Nazis auch so etwas wie ein jüdisches Selbstverständnis nach dem Holocaust festgelegt, ein Fakt, dem man nicht entrinnen kann.

Der Holocaust ist heute in den Kern des jüdischen Selbstverständnisses eingewandert. Auch Personen, die in den 1920er oder 1930 Jahren völlig assimiliert waren, wurden auf ihre Herkunft zurückgeworfen; eine Herkunft, von der sie meinten, dass sie längst abgelegt war. Das jüdische Selbstverständnis nach 1945 beruht auf dem Holocaust. Und ich denke, daran wird sich auch lange nichts ändern.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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