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Ein Biber im Porträt

Auch Biber haben "Reiz der Vielfalt"

Das UNO-Jahr der Biodiversität geht bald zu Ende. Die Fragen, wie viel Biodiversität wir erhalten wollen und wie sich verschiedene Interessen rund um die Natur unter einen Hut bringen lassen, werden die Gesellschaft aber sicher noch länger beschäftigen - und damit auch die Umweltethik.

Biodiversität 17.11.2010

Für diese und viele andere Fragen liefert Ethik die Antworten - oder zumindest eine Diskussionsgrundlage. Der deutsche Biologe Kurt Jax im Interview über die Vielfalt von Meinungen und das Gute und Schlechte an eingewanderten Bibern.

science.ORF.at: Beim Schutz der Biodiversität kommt es mitunter zu Konflikten mit anderen Interessen oder Werten. Wie lassen sich diese Konflikte lösen?

Porträt Kurt Jax

André Künzelmann/UFZ

Kurt Jax arbeitet am Department für Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und ist Professor für Ökologie am Lehrstuhl für Landschaftsökologie der Technischen Universität München.

Kurt Jax: Da gibt es kein Patentrezept. Diese Debatte wird oft entweder stark emotional oder mit vermeintlichen Sachzwängen von sogenannten ökonomischen oder sogenannten ökologischen Argumenten geführt oder manchmal von Seiten bestimmter Naturschutzpositionen im Sinne einer enggeführten Ethik: dass Natur einen Eigenwert habe. Es wäre sinnvoll, die verschiedenen Argumente für oder gegen eine Handlung und die Wertkategorien, die dahinter stecken, deutlich zu machen.

Haben Sie da ein Beispiel?

Wir haben im Süden Chiles eine Studie gemacht: Der nordamerikanische Biber ist dort in den 1940er-Jahren ausgesetzt worden und hat sich massiv auf der Hauptinsel des Feuerlands und angrenzenden Inseln wie der Insel Navarino ausgebreitet. Dann kommen unter anderem Argumente wie: Der gehört hier nicht hin. Das ist ein sehr emotionales Argument. Es gibt aber eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Dimensionen. Der erste Schritt wäre diese aufzuzeigen, der zweite wäre verschiedene Leute an einen Tisch zu bringen und zu überlegen, was die vernünftigsten Lösungen sind.

Gibt es nur die Radikallösungen: ausrotten oder nichts tun? Oder gibt es auch Lösungen in den unterschiedlichen Wertkategorien der verschiedenen Leute? Zum Beispiel, indem man bestimmte Gebiete anders behandelt als andere.

Welche anderen Dimensionen statt "der gehört da nicht hin" gibt es noch?

Eine ganze Reihe. Einerseits die ästhetische im Sinne der Werte von Ursprünglichkeit, Unberührtheit und Einzigartigkeit: Eine Gegend, die noch nie dieses Tier hatte, wird umgestaltet. Die Artenbestände auf der Welt werden zunehmend homogenisiert. Das ist ein wichtiges Argument gegen exotische Arten.

Andererseits gibt es die ökonomische Seite: Es gibt negative und positive Auswirkungen des Bibers. Auf der Insel ist der ökonomische Schaden gering. Es fällt Wald zum Opfer, aber Wald wird dort nur für Feuerholz eingeschlagen und die Anzahl der Bewohner der Insel ist gering. Und es entstehen gewisse ökonomische Schäden, wenn Biberdämme bei Hochwasser nach Starkregen brechen und Infrastruktur beschädigt wird. Das passiert aber nicht oft.

Gibt es auch Positives an den eingewanderten Bibern?

Eine Ortstafel mit einem Bibermaskottchen.

Elke Schüttler

Ortstafel mit Bibermaskottchen.

Der Biber ist in dem Gebiet eine Touristenattraktion und wird als Maskottchen gehandelt. Es gibt in dem Hauptort Puerto Williams eine Tafel, auf der ein Biber winkt. In manchen Restaurants wird er auch als regionale Delikatesse angeboten. Und die Siedler identifizieren sich mit dem Tier. Sie fühlen sich irgendwie wie der Biber und sagen: wir sind auch Zuwanderer und fühlen uns hier heimisch. Außerdem gilt der Biber als fleißiges Tier.

Und wie viel Leid oder Schaden fügen wir den Bibern oder den Lebewesen zu, die sich in den neuen Lebensräumen, die der Biber aktiv schafft, eingerichtet haben? Ist diese Änderung des Status quo nicht auch problematisch?

Sie haben vorhin den Eigenwert der Natur angesprochen. Das klang eher kritisch gegenüber dieser Sichtweise.

Veranstaltungshinweis:

Am 18. November ab 18:00 Uhr spricht Kurt Jax im Rahmen der Vorlesungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit" in der Österreichischen Nationalbank zum Thema "Welche Vielfalt wollen wir? Biodiversität im Spannungsfeld zwischen ökonomischen und ethischen Argumenten".

Verbindliche Anmeldung und weitere Informationen zu den Veranstaltungen der Vorlesungsrereihe.

Veranstalter der Vorlesungsreihe sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur, das Lebensministerium und die Initiative Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Ö1 in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Wien und der Österreichischen Nationalbank mit freundlicher Unterstützung der deutschen Stiftung Forum für Verantwortung.

Die Vortragsreihe fand bereits in den letzten beiden Semestern statt und wird seither mit Interviews in science.ORF.at begleitet, unter anderem mit den folgenden Beiträgen:

Ethik geht viel weiter. Es gibt Theorien, die von einem absoluten Eigenwert der Natur reden. Es gibt aber auch andere, die sagen, dass wir einen Eigenwert nur für leidensfähige Wesen begründen können. Es gibt auch welche in der Tradition Albert Schweitzers, nach denen alles Lebendige einen Eigenwert hat. Und dann gibt es eine Gruppe, die verlangt, dass wir auf alles Rücksicht nehmen müssen, weil alles unabhängig von uns einen Wert hat.

Worüber sich wahrscheinlich gut streiten lässt.

Das sind philosophische Diskussionen: Kann man überhaupt von einem Wert ohne einen Wertenden reden? Wären diese Lebewesen auch wertvoll, wenn es keine Menschen gäbe, die ihnen einen Wert zuschreiben? Könnte man das beweisen, wäre es ein absolut unhintergehbares Argument, die Natur in Ruhe zu lassen.

Mit welchen Argumenten könnte man Naturschutz oder den Erhalt der Biodiversität am ehesten begründen?

Das hängt davon ab, was wir wollen. Biodiversität- oder Naturschutz hat nicht nur ein Ziel. Es gibt Leute, die sagen, wir brauchen einfach Wildnis. Es gibt andere, die argumentieren, dass wir auch (oder vor allem) Kulturlandschaften schützen müssen, dass auch das Naturschutz ist. Andere reden von Naturschutz als eine Art Ressourcenschutz. Das Schlagwort lautet dann ökosystemare Dienstleistungen.

Es bleibt auch die Frage, welche Natur, welche Biodiversität wir schützen wollen. Biodiversität ist ja ein sehr breiter Begriff und schwer in einer Zahl oder an einem Gegenstand festzumachen. Ein Beispiel dafür wären exotische oder invasive Arten.

Inwiefern?

Ö1-Sendungshinweis:

Das Dimensionen-Magazin vom 12. November 2010 widmete sich dem diesjährigen Science-Event der Initiative Risiko:dialog zum Thema "Biologische Vielfalt - weniger oder mehr?" (Programm).

Darüber hinaus gibt es regelmäßig Sendungen und Beiträge zur Biodiversität im Rahmen des Ö1-Schwerpunktes zum Thema.

Auf der einen Seite wird immer gesagt, Biodiversität ist wichtig, weil sie ökosystemare Prozesse, die Stabilität und die Konstanz der Ökosysteme fördert. Gleichzeitig wird dann kurioserweise von denselben Leuten ein Unterschied gemacht zwischen den exotischen Arten oder den von Natur aus heimischen. Es gibt dann also gute und schlechte Biodiversität.

Wir müssen diese Breite an Werten deutlich machen. Es kann nicht sinnvoll sein, überall das gleiche Naturschutzziel zu verfolgen, also zum Beispiel flächendeckende Wildnis oder flächendeckende Kulturlandschaften. Der Reiz liegt auch hier in der Vielfalt.

Könnte man den Schutz der Natur und Biodiversität nicht stärker naturwissenschaftlich begründen?

Ich ärgere mich immer, wenn ökologische, ökonomische und ethische Begründung nebeneinandergestellt werden. Ökologie versteht sich als Naturwissenschaft. Eine solche kann keine wirkliche Begründung für eine bestimmte Handlung geben. Sie kann eine Wenn-Dann- oder eine Zustandsbeschreibung geben, aber diese können nur ein Teil einer Argumentationskette sein, hinter der Ziele und Werte liegen müssen ...

… die Wissenschaftler auch haben.

Jahr der Biodiversität

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.

Die Vereinten Nationen betreiben eine Webseite zum internationalen Jahr der Biodiversität. Hierzulande haben Lebensministerium und Umweltbundesamt eine Informationsplattform zum Thema eingerichtet.

Die meisten Kollegen - und da würde ich mich auch dazu zählen - haben ja nicht nur ein akademisches Interesse, sondern es ist auch Engagement dahinter, ein Gefühl von Dringlichkeit, von Liebe zur Natur, die der Forschung überhaupt erst eine Richtung gibt. Ich arbeite in einem Department für Naturschutzforschung. Diese Disziplin hat natürlich eine wertende Stoßrichtung. Man würde wohl kaum eine Naturzerstörungsforschung einführen.

Naturschutz ist ja schon eine positive Kategorie. Das heißt nicht, dass man dort nicht auch gute, klare und objektive wissenschaftliche Arbeit mit einem hohen wissenschaftlichen Standard macht, aber im Hintergrund steht natürlich ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Intention, die die Arbeit leitet. Das ist aber auch nichts Verwerfliches.

Mark Hammer, science.ORF.at

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