Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gläubige Menschen strafen stärker"

Eine junge Frau betet

Gläubige Menschen strafen stärker

Warum gibt es eigentlich Religionen? Was für die meisten Gläubigen selbstverständlich ist, ist es für die Naturwissenschaft keineswegs. Dass es etwas mit dem Kooperationsverhalten in Gruppen zu tun hat, zeigt eine aktuelle Studie: Ihr zufolge bestrafen religiöse Menschen unfaires Verhalten stärker als nicht religiöse.

Ökonomie 25.11.2010

Und deshalb dürften Kooperation und Religion auch evolutionär zusammenhängen, wie der Vorarlberger Ökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich und Kollegen in einer Studie schreiben.

Die Studie:

"Wrath of God: religious primes and punishment" von Ernst Fehr et al. ist in den "Proceedings of the Royal Society B, " erschienen.

Religion ist "kostenintensiv"

Aus rein biologischer und ökonomischer Sicht sind Religionen oft ziemlich "kostenintensiv". Natürlich: Auf der einen Seite versprechen sie ein Leben nach dem Tod oder gar die Wiedergeburt. Auf der anderen Seite können konkrete religiöse Praxen - wie Selbstgeißelung und andere Rituale - für Individuen ganz schön belastend sein.

Evolutionstheoretiker gehen deshalb davon aus, dass Religionen bei unseren Vorfahren auf einer anderen Ebene positive Effekte gehabt haben müssen. Der wichtigste betrifft das Kooperationsverhalten und die Fairness von Menschen in größeren Gruppen. Dieses ist im Vergleich zum Tierreich nämlich einzigartig groß - Menschen können anderen Menschen gegenüber nett sein, auch wenn sie sich davon keine unmittelbare Weitergabe ihrer Gene erwarten, was der evolutionären Logik entsprechen würde.

Ein offenbar sehr probates Mittel, um Kooperation in einer Gemeinschaft zu erzielen, ist der Glaube an eine übernatürliche Macht, die auf alle Menschen herunterschaut und ihre Handlungen beurteilt.

Subliminale Botschaften

Ö1 Sendungshinweis:

"Vielleicht hält Gott sich einige Dichter": Motive - Aus dem evangelischen Leben: Sonntag
21. November 2010, 19:05 Uhr.

Was aber geschieht, wenn sich manche nicht fair verhalten und von anderen dafür bestraft werden? Diese Fragen haben Fehr und seine Kollegen nun nicht an unseren Vorfahren untersucht, sondern an 304 zeitgenössischen Versuchspersonen, die im Labor ein Spiel aus der Spieltheorie gespielt haben. Dabei wird in mehreren Runden das Kooperationsverhalten der Probanden untersucht, unfaire Handlungen können bestraft werden.

Im Unterschied zu bisherigen Studien zu dem Thema wurden einige der Teilnehmer diesmal in verschiedene Richtungen beeinflusst, bevor sie eine Strafe ausgesprochen haben. Sie sahen dazu unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegende Botschaften auf einem Bildschirm aufblitzen. Diese subliminalen Botschaften hatten verschiedene Inhalte: von religiös besetzten ("göttlich") über strafende ("Rache") bis zu neutralen ("Traktor").

Es zeigte sich, dass die derart "geprimten" Versuchspersonen in sehr unterschiedlichem Maße bereit waren, ihre Mitspieler zu bestrafen. Diejenigen, die gerade mit religiösen Botschaften konfrontiert waren, straften viel stärker als die anderen. Der höchste Bestrafungsgrad war bei jenen zu konstatieren, die in einer vorangegangenen Befragung angegeben hatten, dass sie "innerhalb des vergangenen Jahrs einer religiösen Organisation gespendet haben".

Religion und Kooperation hängen zusammen

Fehr und seine Forscherkollegen bieten zwei Erklärungsvarianten an. Die eine betrifft die Rolle des "übernatürlichen Beobachters": Die religiös "geprimten" Versuchspersonen wären demzufolge eher zu Strafen bereit, weil sie Angst davor hätten, diesen Beobachter zu enttäuschen.

Die andere Variante bezeichnen die Forscher als "Verhaltensauslösung": Die religiösen Botschaften würden die Teilnehmer demnach an das Einhalten kultureller Normen - d.h. an Kooperation und Fairness - erinnern, und diesen Prozess würden sie durch die Strafen unterstützen.

Beide Varianten würden jedenfalls zu mehr Kooperation in der Gruppe führen, schreiben die Forscher. Und dies passe gut zu der Annahme, dass Religion und Fairness in der Gruppe evolutionär zusammenhängen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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