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Parasitischer Fadenwurm

Heilung durch Doktor Wurm

Wurminfektionen helfen mitunter gegen chronische Darmerkrankungen. US-Forscher haben nun herausgefunden, warum: Die Würmer besänftigen offenbar das Immunsystem, hemmen Entzündungen und kurbeln die Selbstheilung an.

Darmkrankheiten 02.12.2010

Therapie: Wurmeier schlucken

Private Selbstversuche passen eigentlich nicht in das säuberliche Experimentaldesign medizinischer Studien. Doch manchmal lassen sich auch aus Einzelfällen wertvolle Schlüsse ziehen. So geschehen etwa bei einem 34-jährigen Kalifonier, der seine chronisch- entzündliche Darmerkrankung, Colitis ulcerosa genannt, auf eher unkonventionelle Weise behandelte: Er schluckte im Jahr 2004 die Eier eines parasitischen Wurmes. Die Maßnahme half, die Krankheit besserte sich danach deutlich.

Die Studie

"IL-22+ CD4+ T Cells Are Associated with Therapeutic Trichuris trichiura Infection in an Ulcerative Colitis Patient" ist im Fachblatt "Science Translational Medicine" erschienen (Bd. 2 , 60ra88).

"Dass man Colitis mit Würmern behandeln könnte, ist an sich keine neue Idee", sagt P'ng Loke, Parasitologe an der New York University. "Unsere Studie legt nahe, dass Infektionen mit diesem Parasiten die Schleimproduktion anregen - und auf diese Weise die Krankheitssymptome lindern."

Tropischer Fadenwurm

Eier des parasitischen Fadenwurmes Trichuris trichiura

Kimberley Evason, UCSF

Eier des parasitischen Fadenwurmes Trichuris trichiura

Der Parasit, von dem Loke spricht, heißt Trichuris trichiura - ein rund fünf Zentimeter langer Fadenwurm, der sich von Schleimhautzellen im Dünn- bzw. Dickdarm ernährt. Weltweit sind etwa 750.000 Menschen mit diesem Wurm infiziert, fast alle Betroffenen leben in tropischen oder subtropischen Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa sind in diesen Ländern äußerst rar.

In Ländern indes, wo parasitische Würmer aufgrund der hohen Hygienestandards nur selten bis ins menschliche Gedärm vordringen, Europa und Nordamerika etwa, sind sie weit verbreitet. Allein in den USA leiden rund 600.000 Menschen an Colitis ulcerosa. Bauchschmerzen und blutiger Durchfall gelten als die häufigsten Symptome, die Ursachen sind allerdings noch immer nicht restlos geklärt.

Forscher vermuten, dass die Krankheit mit einer Entgleisung des Immunsystems zu tun hat. In Absenz von Parasiten scheint nämlich ein Arm des Immunsystems unterbeschäftigt zu sein. Immunologische Fehlalarme - besonders chronische Entzündungen - sind die Folge. Das Ökosystem des Darmes dürfte von dieser Dysbalance besonders betroffen sein.

T-Zellen schalten um

Würmer im Dickdarm

Uma Mahadevan, UCSF

Schön nicht gerade, aber instruktiv: Blick ins Innere eines von Trichuris trichiura befallenen Dickdarmes

Licht in die Angelegenheit haben nun Loke und seine Mitarbeiter gebracht. Die US-Forscher begleiteten den Selbstversuch des Patienten mit regelmäßigen Untersuchungen, sie liefern eine recht eindeutige Indizienkette: Wenige Monate nach Einnahme der Wurmeier besserte sich der Zustand des Kaliforniers dramatisch. Die Wirkung hielt drei Jahre lang an, nach einer erneuten Wurmkur ließen die Symptome der Krankheit ein weiteres Mal deutlich nach.

Die Linderung spiegelte sich, wie Loke und seine Kollegen im Fachblatt "Science Translational Medicine" berichten, auch auf immunologischer Ebene. Im Hochstadium der Beschwerden waren spezielle Immunzellen, "T-Helferzellen", damit beschäftigt, Entzündungsproteine herzustellen.

Nach der Wurminfektion wechselten sie hingegen in ein anderes Fach und produzierten ein Molekül namens "Interleukin-22". Dieses Protein ist wichtig für Heilungsprozesse der Schleimhäute. Um die Würmer loszuwerden, aktivierte das Immunsystem außerdem die Schleimproduktion im gesamten Darm.

"Der Darm niest"

Ö1-Sendungshinweis

Radiodoktor - Medizin und Gesundheit: Das Risiko klinischer Studien

"Man könnte sagen, die Würmer lösen einen großen Nieser des Darmes aus. Das lindert die Colitis", sagt Loke. "Das Problem ist allerdings, dass diese Wümer ihrerseits den Darm schädigen können. Der von uns untersuchte Patient reagierte auf die Therapie zwar sehr gut. Aber andere Menschen könnten ihre Entzündungen auch verschlimmern."

Momentan sei es nicht möglich vorherzusagen, wer von der Therapie profitiere - und wer dies nicht tue. Loke plant nun eine Studie mit Würmern, die normalerweise Schweine befallen. Sie versprechen eine weniger riskante Behandlung der Colitis ulcerosa.

Robert Czepel, science.ORF.at

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