Standort: science.ORF.at / Meldung: "Der Globus als Heimat ist eine Fiktion"

Ein Mann trägt einen Plastikglobus unter dem Arm

Der Globus als Heimat ist eine Fiktion

Nicht nur Güter, auch Menschen reisen mehr um die Welt als jemals zuvor. Aber selbst die weitestgereisten Globetrotter und Kosmopoliten haben irgendwann Sehnsucht nach Heimat und überschaubarem Alltag. Diese "Heimkehrer" symbolisieren die Spannungsfelder der globalisierten Welt in herausragender Weise, meint der Soziologe Jörg Dürrschmidt.

Kulturwissenschaft 06.12.2010

Auf der einen Seite verspricht die erhöhte Mobilität mehr individuelle Lebensmöglichkeiten, auf der anderen Seite besteht weiter der Wunsch nach gelebter Fürsorge, die wiederum an einen Ort gebunden ist.

Heimatsehnsucht kann in diesem Sinn eine Ressource für Solidarität und Verantwortung sein, schreibt Dürrschmidt in einem science.ORF.at-Gastbeitrag.

Rückkehr aus der Globalisierung?

von Jörg Dürrschmidt

Über den Autor:

Porträtfoto des Soziologen Jörg Dürrschmidt

IFK

Jörg Dürrschmidt ist Habilitant am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel und derzeit Research Fellow am IFK.

Man stelle sich ein junges Studentenpaar in der ostdeutschen Wendezeit 1989/90 vor. Endlich steht ihnen nicht nur die westliche Welt offen, sondern rückt ein Schub in der Entwicklung und Verfügbarkeit globaler Transport- und Kommunikationsmittel die ganze Welt in scheinbar leicht verfügbare Reichweite.

Sie emanzipieren sich von ihrer Herkunft, erlernen die englische Sprache und das Networking bis zur Perfektion, werden beide Freiberufler und machen London zu ihrem "Standort". Mehrmals wird die Welt umrundet und aufgesogen. Zum neuen Millennium sind sie wieder in Deutschland.

Sehnsucht nach Alltag

Die Dynamiken der Umkehr sind vielfältig. Es gibt eine gewisse Sättigung an der Welt, Hong Kong zum fünften Mal ist nicht mehr so spannend. Welche Kultur will man dem Neugeborenen mit auf den Weg geben, in welchem Bildungssystem soll es sozialisiert werden? Die (Groß)Eltern drängeln nach Kontakt zum Neugeborenen und mögen nicht mehr so gerne fliegen.

Überhaupt die Sehnsucht nach einem überschaubaren Alltag, mit Freunden die tatsächlich um die Ecke wohnen und nicht nur "Kontakte" sind. Generelle Fragen nach Fürsorge und Verantwortung drängen in ein Leben, in dem es lange Jahre nur um Optionen und Chancen ging. Das eigene Leben fordert nach einer ersten Bilanz. War der berufliche Erfolg die Entbehrungen der Hypermobilität wert?

Natürlich gibt es kein wirkliches Zurück aus der Globalisierung. Aber die Frage nach den emotionalen und menschlichen Kosten der Globalisierung darf gestellt werden.

Vortrag zum Thema in Wien

Am 6.12 hält Jörg Dürrschmidt einen Vortrag mit dem Titel "Rückkehr aus der Globalisierung? Überlegungen zur Sozialfigur des 'Heimkehrers'".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Die Grenzen der "globalen Ströme"

Wir haben uns an die Metapher einer Welt in Bewegung gewöhnt. Einer Landschaft globaler Ströme, in der sich mit neuen Transport- und Kommunikationsmitteln scheinbar alles irgendwie problemlos von hier nach dort bewegen lässt.

Wenn es mit Expressversand innerhalb von 24 Stunden möglich ist, ein Paket von Wien an eine Adresse in irgendeiner anderen Metropole dieser Welt zu verschicken, wenn es möglich ist, per Mausklick größere und kleinere Finanzbeträge um die Welt zu schicken, oder innerhalb weniger Stunden aus dem winterkalten Europa zu fliehen, um seine Badesachen an einem warmen Strand auszupacken, so ist das in der Tat eine neue und beeindruckende Mobilisierung von gesellschaftlichen Möglichkeiten.

Was aus anderer Perspektive aber problematisch erscheint, ist der undifferenzierte Charakter dieser Verknüpfung. Sind die Beziehungsgefüge eines Familienmilieus so mobil wie die Geldüberweisungen eines Arbeitsmigranten? Lässt sich der Alltag einer Familie ebenso verflüssigen wie sich Güter, Informationen oder Menschen als Arbeitskräfte mobilisieren lassen?

Hier gibt es offensichtlich Grenzen, selbst wenn man, wie im Fall der oben beschriebenen Freiberufler über die berühmten "3Cs" verfügt (cash, connections, competence). Intimität auf Distanz ist in diesem Fall für die werdenden Großeltern offensichtlich kein guter Ersatz für eine tatsächliche Umarmung.

Leben wie Touristen

Globalisierung wird gerade in den wohlhabenden Gesellschaften als Multiplikation von Wahlmöglichkeiten wahrgenommen. Die Verquickung von Globalisierung und Konsumtion führt gerade in diesen Gesellschaften zu einem Lebensstil, der im weitesten Sinne dem eines "Touristen" gleicht, wie der Soziologe Zygmunt Bauman gezeigt hat.

Genährt wird eine Illusion von technologisierter Allgegenwart, in der man immer erreichbar und in Kontakt ist, und wo die Bürden von Abwesenheit und Abschied nicht relevant werden. Man hüpft, wenn auch nicht immer ganz freiwillig, von Ort zu Ort, von Job zu Job, von Beziehung zu Beziehung. Das Leben zerfällt in eine Reihe von Episoden, so als hätten wir Urlaub vom wirklichen Leben genommen.

Wir leben nur ein Leben

Das wirkliche Leben, wenn wir bei dieser Wort bleiben wollen, beginnt mit der scheinbar banalen und doch gravierenden Einsicht, dass wir nur dieses eine Leben zu leben haben. Nicht immer denken wir daran. Doch runde Geburtstage, Lebenskrisen oder auch Todesfälle im Familien- oder Freundeskreis regen dazu an, das eigene Leben zu bilanzieren.

Es sind solche Momente, die uns klar machen, dass wir all die uns offen stehenden Möglichkeiten in ein für uns sinnvoll gelebtes Leben hineinarbeiten müssen. In solchen Momenten der Bilanzierung wird uns klar, mit wem und wo wir eigentlich und wirklich leben möchten, und welche Dinge uns tatsächlich wichtig sind. Manchmal sieht man dann auch Verantwortung und Fürsorge, wo vorher nur Chancen und Möglichkeiten wahrzunehmen waren.

Heimatsehnsucht ist nicht gleich Nostalgie

Für gewöhnlich denken wir über Menschen, die über "Sehnsucht", "Wurzeln" und "Heimat" reden, dass sie entweder langsam alt werden, oder schon immer unverbesserliche Nostalgiker waren. Dabei vermischen wir aber zwei recht verschiedene Phänomene.

Die Nostalgie richtet sich nach rückwärts: in die unwiederbringliche Vergangenheit einer angeblich intakten Kindheits- oder Familienwelt. Oder aber in die Vergangenheit traditionaler Gemeinschaften, wie wir sie aus den Erzählungen unserer (Ur)Großeltern kennen.

Heimatsehnsucht hingegen, so argumentiert Jonathan Schwartz in seinem lesenswerten Essay "In defense of homesickness", meint eine in die Zukunft gerichtete aktive Suche nach wirklicher Zugehörigkeit. Es ist im Grunde das Eingeständnis des Bedürfnisses nach sozialen und kulturellen Wurzeln. Statt eines klinischen Symptoms entfremdeter Seelen kann Heimatsehnsucht eine kreative Ressource für Solidarität und Verantwortung sein.

Weltoffenheit braucht festen Boden

Man muss Argumente pro Heimat also nicht sofort als Engstirnigkeit abtun. Sie können aus der Einsicht erwachsen, dass wirkliche Offenheit zur Welt festen Boden unter den Füssen braucht. Denn das Globale als Heimat ist eine Fiktion. Zugehörigkeit und Heimat brauchen starke soziale Bindungen, vermittelt durch das Gefühl verlässlicher Solidarität. Dies kann Globalität als räumlich-materielle Gegebenheit per definitionem nicht bereitstellen. Und Menschheit als überindividuelle Entität auch nur in wenig nachhaltiger Form.

Es bleibt (solange wir uns nicht eine interplanetare Lebenswelt erschließen, aus der man dann tatsächlich zur Erde "zurückkommen" kann) immer eine Restungleichheit zwischen Globus und Heimat oder der Welt und unserer jeweiligen Alltagswelt. Man kann sich zwar überall auf der Welt irgendwie zuhause wissen, aber nicht ohne weiteres fühlen.

Es gibt zwar eine scheinbar allumfassende Welt der Nicht-Orte oder der generalisierten Milieus (Hotels, Shopping Malls, Bibliotheken, Flughäfen….), in denen die schöne Formel gilt: Kennt man eins, kennt man alle. Aber ein verallgemeinerbares Zuhause gibt es nicht.

Mehr zu dem Thema: