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Tote "Opfer ihres eigenen Immunsystems"

18.400 Menschen in rund 200 Ländern sind laut WHO der Schweinegrippe zum Opfer gefallen. US-Forscher glauben nun zu wissen, warum nicht Kinder und Senioren, sondern Menschen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren am schwersten erkrankten: Ihr Immunsystem ermöglichte es dem Virus, schnell die Atemwege anzugreifen.

Schweinegrippe 06.12.2010

Besonders gefährlich war das Virus laut Studie für jene Menschen, deren körpereigene Abwehr bereits Erfahrungen mit diversen Grippeerregern gesammelt hatte, nicht aber eine der Schweinegrippe ähnliche Erkrankung im Jahr 1957 mitgemacht hatte. Sollten die Erkenntnisse der Forscher um Fernando Polack von der Vanderbilt-Universität in Nashville weiteren Tests standhalten, müsste auch die Entwicklung von Grippe-Impfstoffen zumindest teilweise überdacht werden.

Die Studie:
"Severe pandemic 2009 H1N1 influenza disease due to pathogenic immune complexes" ist in "Nature Medicine" erschienen (doi:10.1038/nm.2262).

Heftige Reaktionen bei "Fittesten"

Anfang 2009 breitete sich das H1N1-Virus zunächst vor allem in Mexiko und in den USA rasant aus, und es dauerte nicht lange, bis auch in Europa und Asien immer mehr Schweinegrippe-Fälle bekannt wurden. Lange schien es schwierig, die Gefährlichkeit der Erkrankung einzuschätzen. Was besonders verwirrte: Während bei der saisonalen Grippe vor allem ältere Menschen und Kinder gefährdet scheinen, führte das H1N1-Virus bei Menschen mittleren Alters zu mitunter lebensgefährlichen Symptomen - was eigentlich unlogisch ist, sollten sie doch das "fitteste" Immunsystem haben.

Fernando Polack

Vanderbilt University Medical Center

Fernando Polack

Das internationale Forscherteam mit Medizinern aus den USA, Argentinien und Mexiko gingen diesem bis heute ungeklärten Phänomen der Schweinegrippe auf den Grund. Sie untersuchten Gewebeproben von 75 Patienten, die zum Zeitpunkt der Erkrankung zwischen 20 und 50 Jahren alt waren - 23 stammten von Menschen, die am H1N1-Virus gestorben sind, vier Proben von Opfern einer Grippe-Epidemie 1957, die vom Verlauf her der Schweinegrippe stark ähnelte.

Schädliche Antikörper

Grundsätzlich produziert der Mensch, sobald er mit einem Krankheitserreger konfrontiert ist, Antikörper, um die Infektion zu bekämpfen. Diese Proteine schwimmen im Blut - auch noch lange Zeit, nachdem die Krankheit bereits verschwunden ist. Dringen wieder ähnliche Erreger ein, kann der Körper deshalb sofort reagieren und eine Ausbreitung meist verhindern oder die Krankheit zumindest abschwächen.

Auch beim H1N1-Virus begann dieser "normale" Kreislauf: Von früheren Grippe-Erkrankungen vorhandene Antikörper identifizierten das Virus als "böse", ihre Reaktion war aber fatal: Das Protein C4d, das routinemäßig von Antikörpern zur Zerstörung von Viren hergestellt wird, schaffte es im Fall von H1N1 nicht, das Virus zu durchlöchern, sondern richtete seine Aktivität - im Verbund mit dem Erreger - gegen die Blutgefäße der Patienten. Sie wurden löchrig, immer mehr Flüssigkeit drang in die Lungen der Grippekranken ein und führte letztlich zum Kollabieren des Atemsystems.

Geschützt durch "Asiatische Grippe"

Dass ältere Menschen durch die Schweinegrippe nicht so gefährdet waren, erklären sich die Forscher mit einer 1957 grassierenden "Asiatischen Grippe", die weltweit mehr als eine Million Tote forderte. Antikörper gegen diese Grippeart dürften auch vor H1N1 geschützt haben, denn die Ähnlichkeiten zwischen den Erregern wurden in der Gewebeanalyse bestätigt: Untersuchungen an Proben von damaligem Opfern zeigten, dass sie an einer ähnlich "falschen" Reaktion des Immunsystems gestorben sind wie die Schweinegrippe-Opfer.

Kinder waren laut Studie nicht so stark betroffen, weil sie erst wenige oder gar keine Antikörper gegen Grippe-Viren in ihrem Körper hatten. Deshalb konnte es auch zu keine Fehlreaktion kommen.

Kontraproduktive Impfstoffe?

Fachkollegen sind von der Erklärung der Forscher um Fernando Polack sind noch nicht restlos überzeugt: So steht für den Virologen Ron Fouchier von der Erasmus Universität in Rotterdam außer Frage, dass es Probleme mit den Antikörpern gibt. Allerdings stellt sich für ihn die Frage, ob es die Probleme wegen der Infektion gibt - oder vielleicht eine andere Schwäche des Körpers existiert, die wiederum das Immunsystem beeinflusst, so Fouchier in "Science Now".

Sollte sich die Erklärung von Polack und Kollegen aber bestätigen lassen, müsste man auch die Forschung nach Grippeimpfstoffen überdenken. Richard Scheuermann, Immunologe an der Universität Texas in Dallas, meint in "Nature Online", dass die Entwicklung von Seren, die gegen möglichst viele Grippestämme wirken, zur Bildung zerstörerischer Antikörper führen könnte. Statt dessen müsste nach Medikamenten gesucht werden, die bei Grippepatienten die Entstehung gefährlicher Antikörper-Viren-Komplexe verhindern.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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