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Verschiedene Schokoladen und Schokoprodukte

An Essen zu denken senkt den Appetit

Psychologen haben möglicherweise einen neuen Weg zum Abnehmen entdeckt: Wer häufig an den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel denkt, isst später weniger davon. Der Grund dafür dürfte ein Gewöhnungseffekt im Gehirn sein.

Psychologie 10.12.2010

Gedanke und Verlangen

Wer weniger Süßes essen will, sollte vielleicht erst recht daran denken. Denn wer in seiner Vorstellung genüsslich mehrere Stück Torte verspeist hat, verliert möglicherweise den Appetit daran - und greift nicht zu, wenn die Kalorienbombe später tatsächlich am Tisch steht.

Die Studie

"Thought for Food: Imagined Consumption Reduces Actual Consumption" ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Science" erschienen (Abstract, sobald online).

Diesen Schluss legt zumindest eine aktuelle Studie nahe. Sie widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung, dass es hungrig mache, an Essen zu denken - oder allgemein ausgedrückt: dass das Denken an etwas Begehrenswertes das Verlangen danach verstärkt.

Forscher um den Psychologen Carey K. Morewedge von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh haben den Effekt mit Schokodragees und Käse untersucht und erhoffen sich dadurch zu lernen, wie man Menschen zu gesünderer Ernährung überreden könnte. Denkbar wäre laut den Wissenschaftlern auch, den Mechanismus nicht nur beim Essen, sondern auch bei Drogen oder Zigaretten auszunutzen.

An Reize gewöhnen

Ö1 Sendungshinweis:

Leporello. Menschen - Moden - Lebenskunst: Essen mit Loos. Donnerstag, 09. Dezember 2010, 07:52. Gestaltung: Anna Soucek

Die Psychologen erklären den Effekt über die Gewöhnung. Wer wiederholt an ein bestimmtes Essen denkt, hat scheinbar schon genug davon. Ausschlaggebend dafür dürfte die Habituation sein. Damit ist gemeint, das Menschen auf einen Reiz immer schwächer reagieren, je öfter sie ihm ausgesetzt sind.

Dadurch nimmt zum Beispiel die Motivation eine Speise zu verzehren ab, wenn man sie bereits oft gegessen hat. Auch eine andere Erfahrung der Habituation kennt man aus dem Alltag: Der erste Biss eines Essens oder der erste Schluck eine Getränks schmeckt oft am besten.

Gewohnheit im Kopf

Entscheidend für den nun veröffentlichten Versuch war, dass sich die Versuchspersonen vorgestellt haben, die Speise zu essen. Einfach nur an Lebensmittel zu denken, ändert noch nichts am Konsum. Man müsse sich schon vorstellen, abzubeißen, zu kauen und zu schlucken, schreiben die Forscher.

Zudem ist die beobachtete Reaktion spezifisch für das Nahrungsmittel, an dessen Verzehr man gedacht hat. Wer also an Schnitzel denkt, kann dadurch nicht den Konsum von Schokolade reduzieren.

Auch ändert seltenes Denken an den Verzehr noch nichts am Verhalten. Daher steht die Studie laut den Autoren auch nicht im Widerspruch zu der Beobachtung, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn man an ein gutes Essen denkt, oder dass Raucher sich eine Zigarette wünschen, wenn sie nur an eine denken. Das Begehren reduziert sich erst dann, wenn Personen sehr oft an das Begehrte gedacht haben. Im beschriebenen Versuch mussten die Menschen einen Käsewürfel oder ein Schokodragee in Gedanken 30 Mal hintereinander verzehren, damit sie die Lebensmittel danach seltener anrührten.

Grenze zwischen Erfahrung und Vorstellung

Die Forscher verweisen in ihrer Begründung auf Studien, die zeigen, dass sowohl Wahrnehmung wie auch geistige Vorstellung die gleichen neuronalen Vorgänge ablaufen lassen und ähnliche Emotionen hervorrufen: Beim Gedanken, dass einem eine Spinne übers Bein läuft, beginnt das Herz schneller zu schlagen - ob das Tier nun tatsächlich vorhanden ist oder nicht.

Und wer eine motorische Tätigkeit nur simuliert, kann diese danach tatsächlich besser ausführen. Eventuell könnte man durch Gedanken an Unerfreuliches auch Phobien mindern, schreiben die Forscher.

Der Unterschied zwischen Vorstellung und tatsächlicher Erfahrung dürfte laut der Studie geringer sein, als bisher angenommen: Die Einbildung könne das Erlebnis bis zu einem gewissen Grad ersetzen.

Mark Hammer, science.ORF.at

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