Standort: science.ORF.at / Meldung: "Glück lässt sich nirgendwo kaufen"

Eine Frau beim Einkaufen von Kleidung, sie strahlt und ist glücklich

Glück lässt sich nirgendwo kaufen

Wirtschaftswachstum mag gut für die Wirtschaft und ihre Besitzer sein, für die individuelle Lebenszufriedenheit macht es keinen Unterschied. Zumindest über längere Zeiträume hinweg werden Gesellschaften durch höhere Einkommen nicht glücklicher, wie die weltweit bisher größte Studie zu dem Thema zeigt.

Ökonomie 14.12.2010

Interviews, bei denen die Bewohner von über 50 Ländern ihr persönliches Wohlbefinden einschätzten, wurden darin ausgewertet und verglichen.

Die Studie:

"The happiness-income paradox revisited" erscheint in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Das Easterlin-Paradox

Es kommt nicht so oft vor in der Wissenschaft, dass jemand ein neues Gesetz oder einen neuen Lehrsatz etabliert, der nach ihm benannt wird, und dass er diesen später selbst verteidigen und weiterentwickeln darf. Der heute 84-jährige Ökonom Richard A. Easterlin von der University of Southern California ist so ein rarer Fall. 1974 hat er eine Studie mit dem Titel "Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence" veröfffenlicht.

Darin entwickelte er einen Gedankengang, der danach als "Easterlin-Paradox" bekannt werden sollte. Es besteht aus drei Teilen, die insgesamt zu einem Paradox führen.

Zum ersten sind Menschen mit höherem Einkommen innerhalb einer Gesellschaft tendenziell glücklicher als Menschen mit geringerem. Zum zweiten sind reichere Gesellschaften als Ganze aber nicht oder kaum glücklicher als arme Gesellschaften. Und zum dritten ändert sich das subjektive Glücksempfinden der Leute innerhalb einer Gesellschaft nicht, auch wenn der gesamtgesellschaftliche Reichtum über längere Zeiträume anwächst.

Bisher umfassendste Studie

Was Richard Easterlin anfangs auf der Basis von Daten aus den USA ermittelt hatte, wandten er und andere Glücksforscher in den folgenden Jahrzehnten auf immer größere und unterschiedlichere Regionen der Erde an. In seiner aktuellen, mit vier Kolleginnen verfassten Studie, hat er nun das bisher umfassendste Datenmaterial verwendet.

Um sich nicht mehr dem Vorwurf auszusetzen, einseitige "westliche" Ergebnisse zu reproduzieren, sind diesmal Umfragen aus 54 Ländern enthalten, darunter Industriestaaten, Schwellen- und Entwicklungsländer. Die Daten stammen aus sozialwissenschaftlichen Umfragen wie dem Latinobarometro, dem World Values Survey und der European Values Study.

Betrifft auch Länder wie China oder Chile

Ö1 Sendungshinweis:

Ex libris - Das Bücherradio: Das Magazin des Glücks: Die Kolumne von Franz Schuh. 19.12., 18:15 Uhr.
Von der aktuellen Glücks-Studie berichtet auch Wissen aktuell: 14.12, 13.55 Uhr.

Die Ergebnisse, so Easterlin, seien überall die gleichen. Das Glück-Einkommen-Paradox gelte überall, von reichen bis zu armen Gesellschaften.

Auf kurze Sicht gibt es zwar schon einen positiven Zusammenhang zwischen materiellem Reichtum und individueller Zufriedenheit: So hat sich das Ende des Kommunismus in den osteuropäischen Ländern und die ersten freien Wahlen in Südafrika direkt auf das Glück der Menschen ausgewirkt. Auf lange Sicht - und damit meint Easterlin Vergleichszeiträume von mindestens zehn Jahren - gibt es diesen Zusammenhang nicht.

Und das gilt selbst in Ländern wie Chile, China oder Südkorea, in denen sich das Bruttosozialprodukt in den vergangenen 20 Jahren zumindest verdoppelt hat. In den beiden ersten Staaten ist die Lebenszufriedenheit in diesem Zeitraum sogar leicht zurückgegangen.

Ursachen: Soziale Vergleiche, mehr Verlangen

Warum das so ist? Easterlin gibt darauf keine direkte Antwort, aber Hinweise. Die Sehnsucht nach mehr materiellen Gütern treibt das Wirtschaftswachstum an und wird selbst durch das Wirtschaftswachstum auch angetrieben. Das führt zu mehr Vergleich mit dem Nachbarn oder der Nachbarin nebenan und das macht nicht unbedingt glücklicher, meint Easterlin in Bezug auf frühere Studien. Ebenso wenig treffe dies auf eine "Anpassung des Verlangens" zu, die mit jeder Erfüllung nach einer neuen strebt.

Der mittlerweile auch für einen Ökonomen nicht mehr ganz überraschende Schlussabsatz seiner aktuellen Publikation: "Wenn Wirtschaftswachstum nicht die Hauptstraße zu mehr Glück ist, was ist es dann? Eine einfache, aber wenig hilfreiche Antwort lautet: Wir müssen mehr forschen. Vielleicht ist es hilfreicher, wenn sich diese Studien mehr auf eine Politik konzentrieren, die sich auf dringende persönliche Belange beziehen wie Gesundheit, Familienleben und die Bildung materieller Vorlieben, als auf die reine Anhäufung materieller Güter."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: