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Eine Ambrosia-Pflanze wird hochgehalten.

Bioinvasoren: Langsam, aber effizient

Bioinvasoren verbreiten sich durch den internationalen Handel und den Tourismus rasend schnell. Dennoch brauchen sie relativ lang, bis sie in einem fremden Ökosystem sichtbare Spuren hinterlassen. Forscher verglichen nun die Verbreitung von Bioinvasoren in den Jahren 1900 und 2000 und kamen zum Schluss: Das große Problem steht uns noch bevor.

Ökologie 21.12.2010

"Bioinvasoren sind Kollateralschäden der ökonomischen Entwicklung" sagt der Biologe Stefan Dullinger vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien im Gespräch mit science.ORF.at. Er verglich mit Kollegen die Verbreitung neuer Arten in 28 Ländern.

Die Studie:
"Socioeconomic legacy yields an invasion debt" von Franz Essl, Stefan Dullinger u.a. ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) erschienen.

science.ORF.at: Sie haben in Ihrer Studie den Zusammenhang zwischen Bioinvasoren und ökonomischer Entwicklung analysiert. Ein zentraler Begriff in Ihrer Studie ist die "invasion debt". Was kann man darunter verstehen?

Stefan Dullinger: Ich hole zur Erklärung ein bisschen aus: Vor einigen Jahren erschien eine Publikation in "Nature", in der festgestellt wurde, dass das Verschwinden von Arten oft verzögert eintritt: Der Anlass, etwa die Zerstörung eines Lebensraums, tritt zu einem bestimmten Zeitpunkt auf, die Arten verschwinden aber erst mit oft großem Abstand. Wir haben das umgedreht, indem wir unsere These so formuliert haben: Wir führen jetzt Arten ein, aber der Zeitpunkt, zu dem sich diese Arten in der Natur etablieren und problematisch werden können, der kommt oft erst mit großer Verzögerung. Diese Verzögerung ist letztlich die "invasion debt".

Der Biologe Stefan Dullinger

Privat

Stefan Dullinger

Wie haben Sie die These überprüft?

Wir haben historische und aktuelle sozioökonomische Daten mit der Zahl der etablierten Arten verglichen. Dabei konnten wir feststellen, dass die historischen Daten die geografischen Muster der heute etablierten Arten besser erklären als die aktuellen. Wir sehen sehr starke Effekte der Einfuhrintensität von vor hundert Jahren und weniger die Spuren der Importe der unmittelbaren Gegenwart. Daraus schließen wir auf massive Verzögerungseffekte.

Sie haben zwei Zeitpunkte gewählt, um ihre These anhand von Daten aus 28 Ländern zu überprüfen: das Jahr 1900 und das Jahr 2000 - warum gerade diese beiden?

Das 20. Jahrhundert hat viele Veränderungen in sozioökonomischer Hinsicht gebracht: Bevölkerungswachstum, Zunahme der Außenhandelsbeziehungen, des Wohlstands. Wir wollten zwei Zeitpunkte wählen, die einen markanten Veränderungsprozess abgrenzen. Natürlich hätte man auch 1800 als Zeitpunkt wählen können, als die industrielle Revolution begann. Allerdings wird die Datenlage immer schlechter, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht.

Können Sie Beispiele nennen von Arten, die rund um 1900 eingeschleppt wurden und heute weit verbreitet sind?

Da gibt es eine ganze Reihe von Arten. Dazu gehört zum Beispiel die Robinie oder das Ragweed, das als Allergieauslöser heute sehr bekannt ist.

Bis wann kann man denn die stärksten Auswirkungen der Einwanderungen um 2000 erwarten? Lässt sich das quantifizieren?

Dazu sind die Unterschiede zwischen den Gruppen und Arten zu groß. Stellen Sie sich einen Baum vor, der 30 Jahre braucht von der Keimung bis zur eigenständigen Samenproduktion. Er braucht natürlich viel mehr Zeit, um sich in einem fremden Gebiet zu etablieren, als etwa ein Insekt, das in einem Jahr drei Generationen produzieren kann. Wir haben enorme Spannbreiten, weshalb ich da keine Antwort mit einer Fixzahl geben kann. Aber es wird bei vielen Arten am ehesten in Jahrzehnten zu bemessen sein.

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Sie fordern von der EU, dass sie aktiver werden müsse, um die Verbreitung von Bioinvasoren einzudämmen. Wie soll das funktionieren?

Das Wichtigste ist, die gezielte oder - als blinde Passagiere - unabsichtliche Einfuhr von invasiven Arten zu verhindern. Es gibt Vorschriften, die müssen aber konsequent umgesetzt werden. Und man muss die Kooperation suchen: Es gibt eine Initiative, um eine EU-weit koordinierte Strategie gegen Bioinvasoren zu entwickeln.

Über welche Wege reisen Bioinvasoren denn am liebsten?

Holzverpackungen sind ein bekannt beliebtes "Reisemittel" für Insekten. Sie müssen entsprechend chemisch oder temperaturmäßig behandelt werden, bevor sie verschickt oder verschifft werden. Gerne verstecken sich Bioinvasoren auch im Saatgut, im Vogelfutter und in vielen anderen Arten von Waren und Warenverpackungen. Aber neue Arten gelangen auch über Einfuhrwege in fremde Gebiete, an die man vorderhand nicht denken würde: Im Schmutz von Lastwagenreifen kann sich eine ganze Reihe von Samen oder Eiern verbergen.

Nicht vergessen darf man auch den bewussten Handel mit Arten, etwa mit Zierpflanzen und -vögeln oder Reptilien. Unsere Gärten sind voll mit gebietsfremden Arten - da muss das Bewusstsein für die Probleme, die damit entstehen können, noch wachsen. Denn eines ist klar: Wenn eine Art einmal etabliert ist in einem neuen Gebiet, dann ist es sehr schwierig, sie wieder wegzubringen.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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