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Drei Menschen stehen auf einer Wiese, im Hintergrund der Sternenhimmel

Meister Eckhart: Der Philosoph des Christentums

Meister Eckhart zählt zu den faszinierendsten Gestalten des Mittelalters. Sein theologisch-philosophisches Denken erfuhr eine Vielzahl von Deutungen. Er wurde als Mystiker gefeiert, der sich gegen eine rationalistische Weltsicht stellte. Man bezichtigte ihn als Häretiker, der vom Herrschaftsapparat der katholischen Kirche verurteilt wurde.

750. Geburtstag 25.12.2010

Der Anarchist Gustav Landauer, der in Eckhart einen Gleichgesinnten sah, forderte: "Er muss als Lebendiger auferstehen!" Die Subkultur der 68er Bewegung verehrte ihn gleichsam als Zen-Meister, der Anleitungen zur Erleuchtung gab.

Anlässlich seines 750. Geburtstages in diesem Jahr wurde sein Denken in verschiedenen Publikationen dargestellt - science.ORF.at liefert einen fragmentarischen Rückblick.

Biografie:

Meister Eckhart wurde um 1260 in Hochheim bei Gotha oder bei Erfurt geboren. Er trat in das Erfurter Dominikanerkloster ein und erhielt seine philosophische und theologische Ausbildung am "Studium generale" des Ordens in Köln. 1293 bis 1294 war er als Lektor in Paris, studierte an der Universität, erwarb sich den Magistertitel und lehrte dort ab 1302 als Professor der Theologie.

1304 erhielt er das Amt des Provinzials der neugeschaffenen Ordensprovinz Sachsen; zwei Jahre später wurde er Generalvikar von Böhmen. 1311 ging er noch einmal als Lehrer nach Paris und konzipierte dort das Werk »Opus tripartitum«, das er jedoch nicht vollendete. 1314 lehrte Eckhart als Professor der Theologie in Straßburg, später in Köln und Frankfurt.

1326 wurde er vom Kölner Erzbischof der Häresie verdächtigt; ein Inquisitionsverfahren gegen ihn ein wurde eingeleitet. Eckhart verteidigte sich in einer Rechtfertigungsschrift, indem er bestritt, ein Häretiker zu sein. Er erklärte, dass er zwar irren könne und beteuerte seine Rechtgläubigkeit. Der Prozess endete erst nach seinem Tod, der wahrscheinlich 1328 erfolgte.

Die Vorstellung vom gotisch-faustischen Mystiker

Lange Zeit wurde Meister Eckhart, der von 1260 bis 1328 lebte, als "Vater der deutschen Mystik" bezeichnet. Man deutete sein gesamtes Denken und Leben als einen Versuch, eine mystische Versenkung in die Dimension des Göttlichen vorzunehmen.

Eine Forschergeneration, die mit dem Namen Josef Quint verbunden ist, betonte "das stets in einer überrationalen Seelenregion liegende mystische Einigungserlebnis", das Eckharts Denken auszeichne. Die Unio mystica von Mensch und Gott gleiche einem "gotisch-faustischem Weltgefühl", das sich der begrifflichen, verengenden Darstellung der Sprache entziehe.

Nicht Ekstase, sondern anstrengende Lektüre

In den aktuellen unterschiedlichen Diskussionen über Eckhart gibt es einen gemeinsamen Nenner: Die Lektüre seiner Schriften sei keineswegs eine Anleitung für eine mystische Ekstase, sondern bedürfe einer philologisch genauen Auslegung, die auch auf die komplexe philosophisch-theologische Bildung Eckharts Rücksicht nehmen müsse.

Sowohl seine lateinischen Traktate, die sich auf der Höhe der scholastischen Theorie seiner Zeit bewegen als auch die deutschen Predigten, die an Laien gerichtet sind, erfordern eine intellektuelle Anstrengung.

"Was als bildlich gesättigte Wendung scheinbar leicht daherkommt, birgt zuweilen einen metaphysischen Unterbau, der erarbeitet sein will", schreibt der an der Freien Universität in Berlin lehrende Philosoph Norbert Winkler in seinem Buch "Meister Eckhart zur Einführung".

Literaturhinweise:

Meister Eckhart: Band 1: Predigten/ Band 2: Traktate, lateinische Werke, Bibliothek Deutscher Klassiker, Suhrkamp
Kurt Flasch: Meister Eckhart Philosoph des Christentums, C.H.Beck
Dietmar Mieth: Meister Eckhart- Einheit mit Gott. Die bedeutendsten Schriften zur Mystik, Patmos
Loris Sturlese: Homo divinus, Philosophische Projekte in Deutschland zwischen Meister Eckhart und Heinrich Seuse, Kohlhammer
Norbert Winkler: Meister Eckhart zur Einführung, Junius

Glaube, der nach Verständnis sucht

Winkler weist darauf hin, dass Eckhart darauf bestanden hat, dass die Theologie einer vernunftgemäßen Begründung bedarf. Für ihn sind Glaube und Vernunft keine Gegensätze.
Eckhart geht davon aus, dass Gott die Welt nach Prinzipien geschaffen hat, die vom Intellekt nachvollzogen werden können, wenn er sich nur genügend anstrengt.

Der Glaube ist für ihn nicht etwas Irrationales, Absurdes, wie etwa der Kirchenvater Tertullian behauptete, sondern eine Herausforderung, rein rational eine "Philosophie des Christentums" zu begründen.

Ein solch rationales Verfahren wendet sich gegen ein Verweilen in traditionellen Überlieferungen; es erfordert einen Wagemut im Denken: "Es ist ein Zeichen von Trägheit und nachlässig", - so Eckhart- "das, was man im Glauben annimmt, nicht mit natürlichen Vernunftgründen zu erforschen."

Zitat Eckhart: "Ich habe es auch öfter gesagt: Erkenntnis und Vernünftigkeit vereinigen die Seele mit Gott. Vernunft fällt ins reine Sein. Erkenntnis läuft voran; sie läuft voraus und bricht durch, damit da Gottes einziger Sohn geboren wird." (Deutsche Predigt)

Eckhart - ein selbstbewusster Intellektueller

Genau diese rationale Vorgehen Eckharts steht im Zentrum des Buchs "Meister Eckhart. Philosoph des Christentums", das der in Bochum emeritierte Philosoph Kurt Flasch publizierte. Das Werk ist das Resultat jahrzehntelanger gelehrter Forschungen, hat jedoch den Anspruch, das komplexe Denken Eckharts auch interessierten Laien zugänglich zu machen.

Ausdrücklich und äußerst ironisch wendet sich Flasch gegen das "Mystikbedürfnis" mancher Eckhartkommentatoren, die er als großstadtmüde Gottsucher bezeichnet. Vielmehr betont er, ebenfalls wie Winkler, dass Eckhart die intellektuellen Debatten seiner Zeit bestens kannte und eine neue christliche Philosophie für seine Zeit entwerfen wollte.

Doch ein Mystiker in anderem Wortsinne?

Diese vehemente Ablehnung des Mystikers Eckhart kann Dietmar Mieth, Professor für Theologische Ethik in Tübingen und ebenfalls ein ausgezeichneter Eckhartspezialist, nicht ganz nachvollziehen. Zwar gibt er den beiden Autoren Recht, dass bei Eckhart keine ekstatischen Visionen anzutreffen seien, hat aber eine andere Vorstellung vom Begriff "Mystik".

Er bezieht sich nicht auf "myein" (sich versenken), sondern auf "mysterion" (Geheimnis der Wirklichkeit) und leitet davon den Anspruch ab, dass Eckharts Konzeption insofern mystisch sei, dass sie "das Wagnis darstelle, das menschliche Dasein mit der unauslotbaren Tiefe der Gotteserfahrung zu verbinden".

Ö1 Sendungshinweis:

Gedanken für den Tag: "Über das Wunder der Seele" - Zum 750. Geburtstag von Meister Eckhart: 13.-17.12, 6:57 Uhr.

Die Lehre von der Gerechtigkeit

In seinem Buch kommt Kurt Flasch auf einen Aspekt von Eckharts Denken zu sprechen, der in den Debatten über den vermeintlichen Mystiker Eckhart wenig beachtet wurde. Wenn Gott die höchsten Kriterien der Vernunft erfüllen soll, dann muss er auch gerecht sein. Nur durch die Gerechtigkeit gewinnt Gott Anerkennung.

"Wenn Gott nicht gerecht wäre, würde ich nicht die Bohne auf ihn achten"- so Eckhart. Die Gerechtigkeit Gottes wird dabei als Wert für sich gefasst; sie ist nicht abhängig von Strafen, den Freuden des Himmels oder den Höllenqualen. "Wer die Lehre von der Gerechtigkeit und vom Gerechten versteht" - so Eckhart - "der versteht alles, was ich sage". Derjenige hingegen, der gerecht handelt, um einen Lohn zu erhalten, hat den eigentlichen Geist der Gerechtigkeit verfehlt.

Voraussetzungen für die Seligkeit

In einer Predigt antwortet Eckhart auf die Frage, wie man leben soll. Er antwortet folgendermaßen: "Ein gerechter Mensch ist allein der, der für sich alle geschaffenen Dinge zunichte gemacht hat und konsequent nur das ewige Wort im Sinn hat."

Indem der Mensch sich von dem von ihm geschaffenen Artefakten distanziert, sich von den sinnlichen Dingen abwendet, schafft er die Voraussetzung, um den Zustand der Seligkeit zu erreichen. Das bedeutet dann auch, die Selbstliebe aufzugeben und sich für die Gottesliebe zu öffnen.

Dadurch entsteht jener "Funken der Seele", der außerhalb von Raum und Zeit nichts will als Gott. Flasch spricht in diesem Zusammenhang von einem "radikalen Einheitsverlangen", das nirgends Halt macht, wo noch Differenzen vorliegen.

Zitat Eckhart: "Dieses Licht findet kein Genüge am einfachen, stillstehenden göttlichen Sein, das weder gibt noch nimmt. Es will vielmehr wissen, woher dieses Sein kommt. Es will in den einfachen Grund, in die stille Wüste, in die nie ein Schimmer von Unterschied drang. (…) Denn dieser Grund ist eine einfache Stille. Sie ist unveränderlich in sich und verändert doch alle Dinge. Und von ihr erhalten alle leben, die mit Vernunft in sich leben."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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