Standort: science.ORF.at / Meldung: "Das Erbgut einer neuen Form von Urmenschen"

Backenzahn eines Denisova-Menschen

Das Erbgut einer neuen Form von Urmenschen

Im März dieses Jahrs sorgten Anthropologen mit der Entdeckung einer neuen Menschenform im südlichen Sibirien für Aufsehen. Die "Denisova-Menschen" haben vor rund 50.000 Jahren gelebt und sind dabei wie der Neandertaler auch auf den modernen Menschen gestoßen - was sich laut einer neuen Studie bis heute im Erbgut ablesen lässt.

Anthropologie 23.12.2010

"Vier bis fünf Prozent der DNA heute in Papua-Neuguinea lebenden Menschen stammen von den Denisova-Menschen", erzählt Studienleiter Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gegenüber science.ORF.at.

Zum Vergleich: Die sexuellen Begegnungen von Neandertalern und modernen Menschen im eurasischen Bereich haben nur zu einer Rate von 2,5 Prozent "Neandertaler-DNA in uns" geführt.

Eine Höhle in Südsibirien

Das Forscherteam um Pääbo hatte bereits im März die mitochondriale DNA aus einem in Südsibirien gefundenen Fingerknochen sequenziert. Dieser stammt von einem ausgestorbenen Urmenschen, dessen Überreste von Archäologen der Russischen Akademie der Wissenschaften 2008 in der Denisova-Höhle im südlichen Sibirien ausgegraben wurden.

Die Anthropologen fanden heraus, dass die DNA aus dem Fingerknochen eine ungewöhnliche Sequenz aufwies, die von einer bis dahin unbekannten, alten Homininenform stammte, und benannten sie nach dem Fundort.

Gemeinsame Vorfahren mit Neandertalern

Ausgrabungen in der Denisova-Höhle

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Ausgrabungen in der Denisova-Höhle

Mithilfe der Techniken, die für die Sequenzierung des Neandertalergenoms entwickelt wurden, entzifferten sie nun aus dem Erbgut das Kerngenom, die gesamte Erbinformation aus dem Zellkern einer Zelle.

"Es zeigte sich, dass der Knochen zu einem jungen weiblichen Exemplar einer Gruppe von Urmenschen gehört hat, die vor 500.000 Jahren einen gemeinsamen Vorfahren mit den Neandertalern hatte", sagt Pääbo.

Danach hat sich der evolutionäre Weg offenbar geteilt: Während man bei den Neandertalern davon ausgeht, dass sie vor rund 30.000 Jahren ausgestorben sind, ist das weitere Schicksal der Denisova-Menschen allerdings bisher noch unbekannt.

Weite Verbreitung im Pleistozän

Ö1 Sendungshinweis:

Den Denisova-Menschen widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 23.12., 13:55 Uhr.

Im Gegensatz zu den Neandertalern trugen sie jedenfalls keine Gene zu allen heute lebenden Menschen im eurasischen Bereich bei. Sie teilten jedoch eine größere Anzahl von genetischen Varianten mit Menschen, die heute noch auf pazifischen Inselgruppgen, etwa in Papua-Neuguinea, leben.

Dies legt zwei Dinge nahe: erstens, dass es zwischen den Denisova-Menschen und den Vorfahren dieser Melanesier zu einer Vermischung gekommen ist; zweitens dass sie während des Pleistozäns in Asien weit verbreitet gewesen sein müssen.

Dieser Backenzahn eines Denisova-Menschen unterscheidet sich deutlich von dem eines Neandertalers oder eines modernen Menschen.

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Backenzahn eines Denisova-Menschen

In der aktuellen Studie untersuchten die Forscher aber nicht nur den Fingerknochen, sondern auch einen Zahn, der in derselben Höhle in Sibirien ausgegraben wurde. Er stammt ebenfalls von einem Denisova-Menschen, allerdings von einem erwachsenen männlichen Exemplar.

50.000 Jahre alt oder älter

"Wir wissen aber nicht, wie weit die beiden zeitlich auseinander liegen, weil wir sowohl vom Knochen als auch vom Zahn keine direkte Datierung haben", sagt Pääbo. "Was wir wissen, ist, dass es in der Höhle zwei Besiedlungsperioden gegeben hat. Eine vor rund 50.000 Jahren mit den Denisova-Menschen, die zweite vor rund 30.000 Jahren mit modernen Menschen." Zahn und Knochen sind jedenfalls 50.000 Jahre alt oder älter und ihre mitochondriale DNA sind einander sehr ähnlich.

Da sich das Aussehen des Zahns von Zähnen des Neandertalers und des modernen Menschen deutlich unterscheidet, glauben die Forscher auch an entsprechend unterschiedliche evolutionäre Herkünfte.

"Dieser Zahn ist einfach unglaublich. Er ermöglicht es uns, morphologische und genetische Informationen miteinander in Verbindung zu bringen", zeigt sich Bence Viola begeistert, ein Studienmitarbeiter vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Vier Homo-Linien?

Wie die aktuelle Studie zeigt, könnten vor rund 50.000 Jahren also gleich mehrere Homo-Arten gleichzeitig existiert haben: neben Homo sapiens und Neandertaler auch die Denisova-Linie. Und nicht zu vergessen: Homo floresiensis, jener 2003 auf einer indonesischen Insel entdeckte Mensch, der auch "Hobbit" genannt wird. Bei ihm ist wie beim Denisova-Menschen nicht restlos geklärt, ob er tatsächlich zu einer eigenständigen Art gehört.

Die Forscher hoffen, in Zukunft noch weitere Funde in der Denisova-Höhle zu machen und dann auch die DNA mit Proben des Homo floresiensis vergleichen zu können.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: