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Bauer auf einem Stück kargen Land

Artenschutz durch kulturelle Vielfalt

Das Jahr der Biodiversität geht zu Ende - ebenso wie das internationale Jahr für die Annäherung der Kulturen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat das Wissen zu den Zusammenhängen zwischen kultureller und biologischer Vielfalt zusammengetragen und kommt zu dem Schluss, dass beide von den gleichen Ursachen bedroht sind.

Biodiversität 30.12.2010

Viele Arten, viele Sprachen

Die artenreichsten Regionen der Erde sind auch jene Gebiete, in denen die größte kulturelle Vielfalt besteht - gemessen zum Beispiel an den ethnischen Gruppen, die dort leben, oder den Sprachen, die in diesen Gegenden gesprochen werden. Und durch höhere kulturelle Diversität könnte auch die biologische Vielfalt besser erhalten und die Natur nachhaltiger genutzt werden, wie eine Gruppe von Wissenschaftlern um die Ökologin Sarah Pilgrim in einer Studie schreibt.

Die Studie

"The Intersections of Biological Diversity and Cultural Diversity: Towards Integration" ist in der Fachzeitschrift "Conservation and Society" erschienen (Abstract, PDF).

Durch vielfältiges, regionales Wissen über den Umgang mit natürlichen Ressourcen bestehe eine bessere Basis, um sich an zukünftige Veränderungen und Krisen anpassen zu können. Ansätze zum Schutz der Biodiversität sollten sich daher auch darum bemühen, die Vielfalt an Kultur zu erhalten.

Gemeinsame Gefahren

Ö1-Sendungshinweis:

Über diese Studie berichtet auch die Sendung"Wissen aktuell", Donnerstag
30. Dezember 2010, 13:55 Uhr

Doch so wie die biologische Vielfalt bedroht ist, ist es auch die kulturelle, und die Autoren der Studie orten hinter beiden Verlusten dieselben Ursachen. Die Wissenschaftler haben eine Liste von 14 globalen Trends zusammengestellt, die meist beide Formen der Diversität schwinden lassen. Im Wesentlichen sind es Tendenzen der Globalisierung und der Modernisierung: etwa das verstärkte Ausbeuten der Natur, dem nicht nur Wälder, sondern auch Lebensräume für Menschen zum Opfer fallen, das Aussterben von Sprachen, eine Vereinheitlichung der Bildungs- und Erziehungssysteme und das Ausweiten globaler Transportsysteme, das nicht nur mehr Energie und Land benötigt, sondern es auch dominanteren Kulturen ermöglicht, andere zu verdrängen.

Dazu kommen Abholzung, Monokulturen, unnachhaltige landwirtschaftliche Produktionsweisen und vereinheitlichte Essensweisen. Hinter all dem sehen die Autoren eine globale Homogenisierung von Kulturen und Landschaften. Der Verlust auf einer Seite wirke sich wiederum negativ auf die andere aus: Mit so mancher Kultur und Sprache verschwinde auch das Wissen um den nachhaltigen Umgang mit der Natur, und durch den Verlust von Arten könnte es in Zukunft schwieriger werden, Krankheitserreger in Schach zu halten oder die Menschheit zu ernähren.

Vier Brücken zwischen zwei Welten

Internationales Jahr der Annäherung der Kulturen

Mehr Information zu diesem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Jahr findet man auf deren Webseite (in Englisch). Mehr zum Thema kulturelle Vielfalt findet man auf der Seite der Österreichischen Unesco-Kommission.

Vor allem westliche, industrielle Gesellschaften würden Natur und Kultur oft getrennt betrachten. Dies gilt jedoch keineswegs für alle Regionen der Welt und war nicht zu allen Zeiten so. In manchen Gesellschaften würden sich Menschen viel stärker als Bestandteil der Natur sehen. Das Weltbild einer Gesellschaft in ihrem Verhältnis zur Natur ist für die Autoren einer von vier großen Bereichen, die kulturelle und biologische Vielfalt verbinden. Dies zeige sich zum Beispiel darin, dass viele Naturschutzgebiete der Erde gleichzeitig für manche Religionen heilige Orte sind.

Der zweite große Bereich betrifft das Ressourcenmanagement: Im Laufe der Geschichte habe sich eine Vielfalt an lokalen und regionalen Praktiken entwickelt, die Natur zu nutzen und mit der Knappheit an Ressourcen umzugehen und dafür Regeln aufzustellen. Geht solches Wissen verloren, könnte damit auch die Biodiversität in einer Region schwinden - wobei die Autoren gleichzeitig zugeben, dass auch nicht jede lokal oder regional etablierte Form des Umgangs mit der Natur nachhaltig ist und Biodiversität erhält.

Kulturelle Versicherung und gesellschaftliche Normen

Jahr der Biodiversität

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.

Die Vereinten Nationen betreiben eine Webseite zum internationalen Jahr der Biodiversität. Hierzulande haben Lebensministerium und Umweltbundesamt eine Informationsplattform zum Thema eingerichtet.

Das manchmal auch nur mündlich durch Geschichten, Zeremonien und Diskurse weitergegebene Wissen im Umgang mit der Natur stellt laut den Autoren gewissermaßen eine kulturelle Versicherung dar: Es ermöglicht Menschen langfristig ein funktionierendes Nutzen der Natur ohne Krisen. Doch mit dem Aussterben von Sprachen verschwindet auch derart tradiertes Wissen.

Der vierte große Bereich, den die Autoren für den Zusammenhang zwischen Kultur und Biodiversität identifizieren, umfasst die Besitzverhältnisse und ihre Ordnung, die Vielfalt an Regeln und Institutionen, die den Besitz und das Nutzen von privatem und gemeinschaftlichem Land regeln.

Wissenschaft und Politik

Viele dieser Zusammenhänge hätten bereits Eingang in die Wissenschaft und ihre Fachliteratur gefunden und würden auch in wichtigen, internationalen Dokumenten wie den Millenium-Entwicklungszielen oder dem Global Environmental Outlook der Vereinten Nationen betont.

Doch was den Autoren der Studie abgeht, ist die entsprechende Politik dazu. Zwar gäbe es bereits Ansätze, kulturelle und biologische Vielfalt gemeinsam zu schützen und verstärkt Wert auf lokale und regionale Gegebenheiten zu legen sowie Menschen und Interessensgruppen in die Politik einzubinden, doch viele dieser Projekte seien noch zu fragmentiert, zu schwach finanziert oder zu klein in ihren Maßstäben.

Mark Hammer, science.ORF.at

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