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Elisabetta Canalis und George Clooney

Schönheit verrät auch innere Werte

"Schön" muss bei unseren Mitmenschen nicht unbedingt "blöd" bedeuten. Es soll auch attraktive Nobelpreisträger geben. Gleichgültig aber welche Eigenschaften eine schöne Person hat, wir können sie laut einer neuen Studie besser einschätzen. Weil wir, so sagen Psychologen, bei ihr genauer hinsehen.

Psychologie 30.12.2010

Kein guter Gradmesser für die Persönlichkeit?

Im Englischen gibt es den schönen Spruch "Don't judge a book by its cover", was soviel bedeutet wie, dass man Dinge - aber noch mehr Menschen - nicht ausschließlich nach ihrem Äußeren beurteilen soll. Dass wir das dennoch ziemlich häufig tun, hat Biologen wie Psychologen in der Vergangenheit gleichermaßen beschäftigt.

Die Studie:

"What Is Beautiful Is Good and More Accurately Understood. Physical Attractiveness and Accuracy in First Impressions of Personality" von Lauren J. Human und Kolleginnen ist in der Fachzeitschrift "Psychological Science" erschienen.

Während erstere unter Schönheit in erster Linie Hinweise auf die reproduktive Fitness sehen, die anstrebenswert gilt, untersuchen letztere auch den Zusammenhang mit anderen Eigenschaften. Körperlich attraktive Menschen seien sozial kompetenter, schreiben die Psychologin Lauren J. Human von der University of British Columbia und Kollegen in ihrer aktuellen Studie in Bezug auf frühere Untersuchungen.

Mit anderen Eigenschaften wie Intelligenz oder persönlicher Integrität seien hingegen bisher keine Zusammenhänge gefunden worden.

Selbst- und Fremdeinschätzung

Schönheit scheint somit ein schlechter Maßstab zu sein, um die Persönlichkeit unserer Mitmenschen vorherzusagen. Ob das wirklich zutrifft, haben die Psychologen nun in einem Experiment überprüft. Dazu haben sie 73 Versuchspersonen - 56 davon weiblich -, die sich vorher noch nie gesehen hatten, in zehn Gruppen unterteilt.

Jeweils drei Minuten lang hat in den Gruppen jeder mit jedem Zweiergespräche geführt und danach Fragebögen ausgefüllt. Eingeschätzt werden sollten einerseits die Schönheit des jeweiligen Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartnerin und andererseits deren fünf wichtigste Persönlichkeitsmerkale: Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Jeder Proband schätzte auch für sich selbst diese in der Persönlichkeitspsychologie Big Five genannten Eigenschaften ein.

"Wir lesen ein schönes Buch genauer"

Ö1 Sendungshinweis:

Erzählen und Denken: Weihnachtsserie mit Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann über "Schönheit", "Staat" und "Geld". 1. Teil "Die Schönheit", 26.12, 18:15 Uhr.

Wie nicht weiter verwunderlich reichte der kurze Ersteindruck, damit attraktive Menschen im Allgemeinen positiver wahrgenommen wurden als andere. Überraschender waren andere Ergebnisse: Die Probanden wussten auch die Eigenschaften der schönen Menschen besser einzuschätzen, d.h. es gab bei ihnen mehr Übereinstimmungen mit den Selbsteinschätzungen.

Bescheinigte sich etwa einer der Teilnehmer selbst, besonders offen und verträglich zu sein (oder neurotisch und verschlossen), so sahen das ihre Gegenüber genauso - und das nach nur drei Minuten Konversation.

Warum das so ist? Weil wir bei schönen Menschen genauer hinsehen, meinen die Psychologen. Und zwar nicht nur auf das Äußere, sondern auch auf die Eigenschaften dahinter. "Wir beurteilen ein Buch natürlich nach seinem Einband", erklärt der Ko-Autor der Studie Jeremy Biesanz in einer Aussendung. "Wir lesen ein schönes Buch aber auch genauer."

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Die gute Nachricht für alle, die sich - aus welchen Gründen auch immer - nicht so schön empfinden: "Schönheit" liegt bis zu einem gewissen Grad tatsächlich im Auge des Betrachters. Zwar betraf der Zusammenhang von Schönheit und besserer Persönlichkeitseinschätzung Menschen, die im Gruppendurchschnitt als attraktiv empfunden wurden.

Der Effekt war aber auch bei Einzelpersonen vorhanden: D.h. wenn ein Mensch einen anderen attraktiv findet, dann "durchschaut" er auch seine Persönlichkeit besser, gleichgültig was die anderen von ihm halten. Und das, so schließen die Forscher, gilt zumindest beim ersten Eindruck, den wir von anderen gewinnen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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