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Alte Frau mit Brille lächelt

Ein junger Geist verjüngt den Körper

Das Alter ist nur eine Zahl, heißt es. Studien scheinen das zu bestätigen: Senioren, die sich eine jugendliche Einstellung erhalten haben, sind nicht nur körperlich vitaler, sie sehen auch jünger aus.

Psychologie 03.01.2011

Reise in das Jahr 1959

1979 schickte Ellen Langer eine Gruppe von Senioren auf eine Zeitreise. Die 70- bis 80-jährigen Männer nahmen an einem psychologischen Experiment teil, dessen Motto lautete: "Wir schreiben das Jahr 1959. Sie sind 20 Jahre jünger!" Um diese Vorgabe glaubhaft zu machen, rekonstruierte die Harvard-Psychologin die Lebensumstände dieser Zeit bis ins Detail: Die Probanden lebten in einem 50er-Jahre-Bau mit entsprechender Einrichtung, alle verfügbaren Zeitungen, Magazine, Filme und TV-Nachrichten stammten aus dem Jahr 1959, die täglichen Gespräche drehten sich um die berufliche und familiäre Situation früherer Lebensabschnitte, ja selbst die Ausweise der Teilnehmer trugen keine aktuellen, sondern 20 Jahre jüngere Fotos.

Eine Woche dauerte der Aufenthalt in der Vergangenheit - er sollte sich als veritable Verjüngungskur erweisen: Die Senioren waren nach dem Experiment deutlich beweglicher, hatten geringere Symptome von Arthritis. Zwei von drei Teilnehmern schnitten bei IQ-Tests besser ab als vor dem Experiment, viele hatten auch an Gewicht zugelegt und waren dank ihrer nunmehr jugendlicheren Körperhaltung tatsächlich größer. Und: Auch ihre Gesichter hatten sich durch die Zeitreise verjüngt, wie unabhängige Tests mit Fotografien ergaben.

"Die Biologie ist nicht unser Schicksal"

Literatur

Ellen J. Langer, Counterclockwise: Mindful Health and the Power of Possibility, Ballantine Books 2009
The Influence of Age-Related Cues on Health and Longevity, Perspectives on Psychological Sciences (Bd. 5, S. 632; DOI: 10.1177/1745691610388762).

"Wenn eine Gruppe von älteren Männern so dramatische Veränderungen in ihr Leben bringen können, dann können wir das auch", schreibt Ellen Langer in ihrem Buch "Counterclockwise" über das mittlerweile klassische Experiment aus dem Jahr 1979. "Im Lauf der Jahre habe ich immer stärker den Glauben an die Behauptung verloren, die Biologie sei unser Schicksal. Es sind nicht unbedingt unsere Körper, die unserem Leben Grenzen setzen, sondern eher unsere Überzeugungen über diese Grenzen."

Freilich: Wer ein gebrochenes Bein hat, wird auch trotz jugendlichen Elans keine flotte Sohle aufs Parkett legen können. Ganz unabhängig von der Physis ist der Geist selbstverständlich nicht - aber der Spielraum ist größer als man meinen würde. In einem Experiment schickte Langer etwa Seniorinnen zum Friseur und befragte sie danach über ihr Selbstbild. Diejenigen, die angegeben hatten, die neue Frisur mache sie jünger, sahen für unabhängige Betrachter tatsächlich jünger aus. Wohlgemerkt auf Fotos, die nur deren Gesicht, aber nicht deren Haare zeigten.

Ein Beispiel mit negativem Vorzeichen: Studien zufolge erkranken glatzköpfige Männer eher an Prostatakrebs und entwickeln öfter Herzprobleme als Altersgenossen mit vollem Haar. Langer zufolge könnte nicht nur der Hormonhaushalt dafür verantwortlich sein, sondern auch der Blick in den Spiegel. Dieser erinnere die Männer täglich an das Älterwerden, diese kleinen Schrammen im Selbstbild könnten sich unter Umständen in medizinischen Problemen manifestieren.

Denken prägt die Physis

Sendungshinweis

Mit dem Thema "Sport im Alter" beschäftigt sich die Sendung: "Sport am Sonntag", So, 02.01.2011

Üblicherweise gilt körperliche Unversehrtheit im Alter als Voraussetzung eines jugendlichen Lebensstils. Langer indes votiert dafür, diesen Nexus umzudrehen. Sie sagt: Die geistige Jugend ist die Ursache körperlicher Vitalität.

Indizien für diese Hypothese gibt es jedenfalls zuhauf. Frauen, die ihre Kinder relativ spät bekommen haben, sind im Alter oft gesünder als Gleichaltrige, die früher schwanger wurden. Laut Langer möglicherweise deshalb, weil sie von der Sandkisten- bis zur Studienzeit ihrer Kinder mit jüngeren Eltern zusammengetroffen sind. Ähnliches könnte für Beziehungen gelten: Menschen, die jüngere Partner heiraten, besitzen laut Studien eine erhöhte Lebenserwartung. Ältere Partner indes haben - statistisch gesehen - die gegenteilige Wirkung.

Sollen sich Senioren jugendlich kleiden, die Haare färben und auf die Suche nach jüngeren Partnern machen? Nicht unbedingt, meint Langer. Das, worauf es wirklich ankomme, sei die Einstellung. "Wenn man die geistige Haltung des Alters nicht übernimmt, ist man auch nicht so verwundbar. Ich glaube, wir haben viel mehr Kontrolle über die Gesundheit und das Wohlbefinden, als die meisten annehmen würden."

Robert Czepel, science.ORF.at

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