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Eine Frau flüstern einem Mann etwas ins Ohr

Auch auf Cocktailpartys bestes Verständnis

Selbst wenn noch so viele Menschen in einem Raum durcheinander reden, schaffen wir es im Normalfall, uns auf eine Stimme zu konzentrieren. Dieses "Cocktailparty-Effekt" genannte Phänomen funktioniert aber nur dann, wenn der Lärm im Hintergrund eine Mischung unterscheidbarer Geräusche ist.

Wahrnehmung 04.01.2011

Nur dann kann unser Hörapparat zwischen den verschiedenen Schallreizen unterscheiden, schließt eine Gruppe Psychologen um Andrew J. Oxenham von der University of Minnesota aus ihren experimentellen Studien.

Die Studie:

"Recovering sound sources from embedded repetition" von Andrew J. Oxenham und Kollegen in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Dirigenten können es besonders gut

Der Cocktailparty-Effekt gilt als Klassiker der Wahrnehmungspsychologie: Unser Gehör ist in der Lage, auch unter den erschwerten Bedingungen eines Stimmengewirrs die relevante Information - üblicherweise jene des Gesprächspartners - herauszufiltern.

Dazu sind im Prinzip alle Menschen mit zwei Ohren automatisch in der Lage; warum das so gut funktioniert, war für die Wissenschaft lange Zeit ein Rätsel. Erste experimentelle Versuche zur Klärung hat der britische Kognitionsforscher Colin Cherry bereits in den 1950er Jahren unternommen.

Wichtig für die individuelle Schallfilterung ist nebst anderem jene Information, die dem Gehörapparat zeigt, woher die Töne stammen und welchen Weg sie nehmen. Menschen mit einem ausgeprägten Gehörsinn können das besonders gut. Dirigenten großer Orchester etwa sind in der Lage, auch die dritte Geige in der zweiten Reihe von links zu orten, wenn sie falsch spielt (oder auch richtig).

Künstlich generierte Töne im Labor

Um unterschiedliche Schallquellen in einem Raum zu unterscheiden, bedarf es bestimmter Vorannahmen des Wahrnehmungsapparats, wie Oxenham und Kollegen schreiben. Diese Vorannahmen müssen irgenwie erlernt sein, was zu einem "Huhn-oder-Ei-Problem" führt. Schallquellen müssen einerseits aus einem Gemisch herausgefiltert werden können, um ihre Eigenschaften zu erlernen. Andererseits müssen einige Eigenschaften schon bekannt sein, um sie zu separieren.

Wie dieses Problem gelöst werden kann, haben die Psychologen nun in ihrer aktuellen Studie untersucht. Dazu konfrontierten sie Versuchspersonen mit künstlich generierten Geräuschen, die in ihrer Struktur Schallereignissen des Alltags ähnelten, etwa von Menschen gesprochenen Wörtern und Tierstimmen, die aber keinen "Sinn" ergaben.

Aufgabe der Probanden war es nun, aus einem Gemisch der unbekannten Töne ein Zielgeräusch herauszufiltern, das sie selbst nicht für sich alleine stehend zu hören bekamen (Hörbeispiele auf der Website des an der Studie beteiligten Forschers Josh McDermott).

Kombination mit Störgeräuschen lässt unterscheiden

Bei einem Mix aus nur zwei der Geräusche waren sie nicht in der Lage zu differenzieren: Ziellaut und Ablenkungsgeräusch wurden dabei als zusammengehörig wahrgenommen, eine Trennung war daher nicht möglich.

Wurde das Zielgeräusch hingegen in mehreren Mischungen wiederholt, entwickelten die Versuchsteilnehmer mit der Zeit ein Gefühl dafür. Wichtiger als die absolute Anzahl an Wiederholungen des Zielgeräuschs war die Zahl der unterschiedlichen Störgeräusche. Mit je mehr dieser Geräusche der Ziellaut kombiniert war, desto besser konnte er unterschieden werden.

Der Hörapparat scheint also verborgene Zeit- und Frequenzmuster innerhalb der Geräuschmischungen zu erkennen und aus diesen verschiedene Quellen zu identifizieren, schließen die Forscher.

Auf Wiederholungen "geeicht"

Diese Fähigkeit trage zur Klärung des Cocktailparty-Effekts bei: Neben evolutionär entwickelten, angeborenen sowie erlernten Fertigkeiten des Hörsystems spielt laut Oxenham und seinen Kollegen auch das von ihnen untersuchte Phänomen der Schallquellenwiederholung ("sound source repetition") eine Rolle.

Auf diese Informationen würden wir zurückgreifen, wenn - wie etwa bei einer Cocktailparty - keine anderen zur Verfügung stehen. Unser Hörapparat scheint also auf Wiederholungen "geeicht" zu sein und diese für die Interpretation der Realität zu nutzen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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