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Kurt Kotrschal, aufgenommen am Mittwoch, 22. Dezember 2010, im Wolf Science Center im Wildpark Ernstbrunn.

"Österreichs Wissenschaftler sind zu ruhig"

Er redete mit den Gänsen, Hunden und Wölfen: Der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal ist der Wissenschaftler des Jahres 2010. science.ORF.at sprach mit ihm über medialen Chauvinismus, die Verniedlichung von Tieren und das "philosophische Modul" des Menschen.

Auszeichnung 10.01.2011

science.ORF.at: Der Klub der Wissenschafts- und Bildungsjournalisten hat Sie zum Wissenschaftler des Jahres ernannt. Was war Ihrer Ansicht nach der Grund?

Kurt Kotrschal: Ich nehme an, aufgrund meiner Medienpräsenz. Ich bemühe mich seit 20 Jahren, die Öffentlichkeit über unsere Arbeit zu informieren, die ja hauptsächlich aus öffentlichen Geldern bestritten wird. Dem muss zwar eine gewisse Qualität der wissenschaftlichen Arbeit gegenüberstehen. Aber es ist klar, dass die weniger bewertet wurde. Denn der einzige Maßstab für wissenschaftliche Qualität sind die Fachkollegen und nicht die Wissenschaftsjournalisten.

Das heißt, Sie fühlen sich vor allem als Kommunikator ausgezeichnet.

Zur Person:

Kurt Kotrschal, aufgenommen am Mittwoch, 22. Dezember 2010, im Wolf Science Center (WSC) im Wildpark Ernstbrunn.

APA - Herbert Pfarrhofer

Kurt Kotrschal leitet die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie in Grünau. An der Universität Wien ist er stellvertretender Leiter des Departments für Verhaltensbiologie.

Forschungsinteressen: Mensch-Tier-Beziehungen, der Einfluss von Hormonen auf das Verhalten, soziale Komplexität und Kognition; bevorzugte Forschungsobjekte: Fische, Graugänse, Raben, Wadrappen, Katzen, Hunde und Wölfe.

Ich vermute es. Wenn man sich die Liste der bisherigen Preisträger ansieht, dann waren das immer sehr gute Wissenschaftler, die aber immer auch öffentlich Stellung bezogen haben. Und das ist immer noch nicht die Regel: Mir sind die Wissenschaftler in Österreich immer noch zu ruhig.

Was macht Ihrer Meinung nach gute Wissenschaftskommunikation aus?

Ich fühle mich nicht berufen, hier Qualitätskriterien zu erstellen. Aber: Man braucht natürlich gute Forschungsergebnisse, um überhaupt über etwas berichten zu können. Und man muss die Wissenschaftsjournalisten als Partner ernst nehmen.

Die öffentliche Darstellung der Wissenschaft erlebt seit einigen Jahren einen Boom. Könnte in diesem medialen Klima ein Wettbewerb zwischen den Forschungsdisziplinen entstehen, bei dem es darum geht, lauter zu schreien als der andere?

Um Gottes willen, nein. Es geht ja nicht ums Lautschreien, sondern ums Gehörtwerden. Wenn man nichts zu sagen hat, kann man noch so laut schreien, dann werden oder sollten sich die Medien dessen auch nicht annehmen.

Aus meiner Sicht ist die Wissenschaftskommunikation immer noch zu elitär. Ein gewisser Medienchauvinismus ist unter den Kollegen weit verbreitet. Viele wollen zum Beispiel auf keinen Fall mit der "Kronen Zeitung" kooperieren. Wenn ich mir aber ansehe, wen die "Krone Bunt" am Sonntag erreicht und wie gut darin ganz basale wissenschaftliche Inhalte aufbereitet werden, dann sehe ich für diese Haltung keinen Grund. Zumal die Österreicher kein positives Wissenschaftsverständnis besitzen - in dieser Hinsicht sind wir europäisches Schlusslicht.

Sie sind Leiter des Konrad-Lorenz-Forschungsinstituts in Grünau. Ist Lorenz in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation ein Vorbild?

Auszeichnung seit 1994

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vergibt seit 1994 jährlich den Titel des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin des Jahres. Er zeichnet damit nicht die wissenschaftliche Qualität der Preisträger aus, sondern ihre Fähigkeit, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich vermitteln zu können.

Eher nicht, denn er wollte immer überzeugen, und das will ich nicht. Ab dem Moment, da jemand von seiner Meinung überzeugt ist, hat man den Boden der Wissenschaft verlassen und befindet sich bereits im Bereich des Glaubens. Diese Art autoritären Auftretens der Wissenschaft sollte eigentlich vorbei sein.

Wenn Sie Ihr Fach, die Verhaltensbiologie, mit anderen Disziplinen vergleichen: Ist Ihr Gebiet medial leicht "zu verkaufen"?

Durchaus. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Verhaltensbiologie zu den politisch brisantesten Disziplinen gehört. Erstens, weil sie zur Frage "Was ist der Mensch?" etwas Wichtiges beizutragen hat. Und zweitens, weil sie in dieser Hinsicht auch missbraucht wurde. Es war die Biologie, die die Hauptsäule der nationalsozialistischen Ideologie darstellte - und nicht die Medizin. Das ist übrigens nicht nur im NS-Regime passiert: Die Biologie wurde auch vom Kommunismus missbraucht. Vielleicht ist die Verhaltensbiologie für ideologischen Missbrauch sogar anfälliger als manch andere Wissenschaft.

Läuft die Verhaltensbiologie Gefahr, in den Medien in verniedlichter und anthropomorpher Form rüberzukommen?

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Wahl Kurt Kotrschals zum Wissenschaftler des Jahres 2010 berichtet auch das Ö1-Mittagsjournal: 10.1., 12.00 Uhr.

Die Tendenz, dass Tiergeschichten auf Seite sieben der reinen Unterhaltung dienen, nimmt meiner Ansicht nach ab. Aber eine gewisse Verniedlichung kann man dem Fach nicht absprechen. Medien und Menschen - und da sind unsere Diplomstudenten keine Ausnahme - interessieren sich zunächst einmal für bestimmte Tiere - und erst sekundär für bestimmte wissenschaftliche Fragestellungen.

Die Gefahr der Anthropomorphisierung ist heute deutlich geringer als früher. Denn früher dachte man, der Mensch sei in vielerlei Hinsicht einzigartig. Heute wissen wir, dass Wirbeltiergehirne äußerst viele Eigenschaften gemeinsam haben, etwa die Steuerung des Sozialverhaltens, der Sexualität, der Emotionen.

Diese Übereinstimmungen sind übrigens auch die Voraussetzung dafür, dass wir mit Hunden - und anderen "Kumpantieren" - echte soziale Beziehungen eingehen können. Manche nennen das Vermenschlichung, aber das ist falsch. Da treffen symmetrische soziale Interessen aufeinander.

Das einzige Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist sein philosophisches Modul. Menschen müssen aufgrund ihrer Sprachfähigkeit geradezu zwanghaft die Welt erklären - das machen weder Wölfe noch Schimpansen, trotz ihrer sonstigen Intelligenz.

Sie sind Mitgründer des "Wolf Science Center" in Ernstbrunn, Niederösterreich, wo Wölfe mit der Hand aufgezogen werden. Was entsteht dadurch: ein Wolf oder ein wolfartiger Hund?

Es sind noch immer Wölfe. In Grünau ziehen wir seit über 30 Jahren Graugänse mit der Hand auf. Aus dem einfachen Grund, weil wir sonst nicht mit ihnen experimentell arbeiten könnten. Unsere Versuche laufen ja immer auf freiwilliger Basis ab, wir zwingen die Tiere zu nichts - ohne Sozialbeziehung würden sie bei gewissen Versuchsanordnungen schlichtweg ausflippen. Bei Raben und Wölfen ist das genauso.

Könnte es sein, dass durch die Dominanz der Molekularbiologie klassisch-ethologisches Wissen verloren geht? Mit dem Begriff "Reflex" etwa wird ja mittlerweile recht salopp umgegangen.

Da würde ich gar nicht die Molekularbiologie dafür verantwortlich machen. Es ist auch in unserem Fach ein gewisser Geschichtsverlust zu bemerken. Zum Teil muss man den Fachkollegen wieder klassische Ethologie beibringen und sie überzeugen, dass nicht alle Erkenntnisse von Konrad Lorenz und Niko Tinbergen falsch waren. Da ist in der letzten Generation wohl ein gewisser Vatermord passiert.

Österreichs außeruniversitären Forschungsinstituten wurde zum Teil die Basisförderung des Ministeriums gestrichen. Was passiert mit dem Konrad-Lorenz-Institut (KLI) in Grünau?

Unsere Grundsubvention seitens des Ministeriums war nie sehr üppig. Wir haben bisher 9.000 Euro pro Jahr bekommen, diesen Betrag können wir auch halten. Das sind knapp zehn Prozent unseres Grundbudgets. Unabhängig davon gibt es schon länger Pläne, die Forschungsstelle näher an die Universität Wien anzubinden. Wir haben kürzlich ein Doktoratskolleg des FWF bewilligt bekommen, damit sind die Dissertanten für bis zu zwölf Jahre finanziert. Die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle wird einer der Standorte dieses Kollegs sein. Grünau wird also einen Aufschwung nehmen.

Was halten Sie grundsätzlich von der Streichung der Basissubventionen?

Das ist Schwachsinn. Wenn man sich ansieht, wie viel gespart wird - nämlich etwa acht Millionen Euro -, und das mit dem flächendeckenden Schaden in Beziehung setzt, der nun angerichtet wurde: Dann ist das eigentlich empörend.

Seitens des Ministeriums gibt es den Wunsch, die Institute stärker an die Universitäten anzubinden. Im Fall des KLI in Grünau ist das eine gute Idee und wird auch gut laufen. Aber generell halte ich das für irrational. Viele außeruniversitäre Institute sind effizient in der Verwendung ihrer Mittel und haben einen hohen Output. Durch die Anbindung an eine größere Institution werden sie eher an Unabhängigkeit und Wendigkeit verlieren.

Interview: Robert Czepel

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