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NASA-Bild von Europa.

Stabiles Klima, stabile Gesellschaft

Völkerwanderung, das Ende des Römischen Imperiums, die Ausbreitung der Pest: Das hängt alles auch mit Änderungen des Klimas zusammen. Wie stark, zeigt die bisher genaueste Rekonstruktion von Temperaturen und Niederschlag im Mitteleuropa der vergangenen 2.500 Jahre.

Geschichte Europas 14.01.2011

"Tendenziell haben Gesellschaften bei stabilen klimatischen Verhältnissen weniger Stress und sind dadurch ebenfalls stabiler", sagte einer der Autoren der aktuellen Studie, Kurt Nicolussi vom Institut für Geographie der Universität Innsbruck, gegenüber science.ORF.at.

Die Studie:

"2500 Years of European Climate Variability and Human Susceptibility" von Ulf Büntgen und Kollegen ist online in "Science" erschienen.

Von einem "Klimadeterminismus" in der Geschichte hält Nicolussi freilich nichts. Dem schließt sich der Mittelalterexperte Walter Pohl an, der Klimadaten als "wertvoll" für seine Zunft bezeichnet, aber vor einfachen Geschichtserklärungen warnt.

Jahresringe von Bäumen hoher und tiefer Lagen

Querschnitt durch einen Baumstamm mit den Jahresringen

Uni Innsbruck

Die Jahresringforschung erlaubt eine Einschätzung von Temperatur und Feuchtigkeit für jedes einzelne Jahr. Die Jahrringe geben allerdings meist nur über die Wachstumszeit, also den Sommer, Aufschluss.

Die Wissenschaftler um Nicolussi analysierten für ihre Studie Daten, die sie mit Hilfe der Jahresringe von rund 9.000 archäologisch-historischen Hölzern sowie lebenden Bäumen gewonnen hatten (Dendrochronologie).

Die Bäume stammten aus Hölzern aus Hochlagen der Ostalpen. Mit ihrer Hilfe konnten die Forscher die Temperaturen der Monate Juni bis August rekonstruieren, "weil der wachstumslimitierende Faktor für Bäume in diesen Hochlagen die Sommertemperatur ist", so Nicolussi. Kalte Sommer bedeuteten geringeres Wachstum, was man am entsprechenden Jahresring des Baumes deutlich sehen kann.

Die Niederschlagswerte der vergangenen 2.500 Jahre wurden aus der zweiten Quelle gewonnen: Eichen, die beispielsweise bei archäologischen Grabungen oder der Untersuchung älterer Gebäude gefunden worden waren. Diese Hölzer stammten vor allem aus Nordostfrankreich und verschiedenen Teilen Deutschlands, also tieferen Lagen, wo der limitierende Wachstumsfaktor vor allem die Feuchtigkeit ist. Aus den Jahresringen konnten die Forscher deshalb die Niederschlagswerte der Monate April, Mai und Juni ablesen.

Sommerwerte aus 2.500 Jahren

So konnten die Wissenschaftler einen lückenlosen Rückblick auf Temperatur und Niederschlag über 2.500 Jahre bis zurück zur späten Eisenzeit gewinnen - und das mit "Kalenderjahrgenauigkeit", wie Nicolussi betonte: "Wir können sagen, dieser Jahresring ist im Jahr 67 n. Chr. gewachsen." Dass nur die Sommerwerte zur Verfügung stehen, stört die Wissenschaftler nicht.

Subfossiler Holzstamm in einem Hochlagensee der zentralen Ostalpen.

Uni Innsbruck

Subfossiler Holzstamm in einem Hochlagensee der zentralen Ostalpen. Solche Hölzer werden bei der Erarbeitung von Jahresringdaten für die Rekonstruktion des Klimas verwendet.

"Wenn man von den Werten einzelner Jahre weggeht und mehr die Klimaschwankungen anschaut und die Daten glättet, ist kaum ein Unterschied zwischen Sommer- und Jahresmittelwerten", sagte Nicolussi. Außerdem sei für die historische Entwicklung in Europa vor allem das Klima im Sommer interessant, weil dieses die Landwirtschaft und damit die Lebensbedingungen der Menschen am stärksten beeinflusste.

Zusammenbruch Westroms, Völkerwanderung

Diesen Klimadaten stellten die Wissenschaftler historische Ereignisse gegenüber, um so den möglichen Einfluss von Klimaveränderungen auf die Entwicklungen zeigen zu können.

Demnach war das Klima während der Römer-Zeit überwiegend feucht-warm und vergleichsweise stabil. Eine Abkühlung und der Beginn wechselhafter Klimabedingungen fallen mit Krisen des Weströmischen Reichs zusammen.

Diese Zeit mit starken Klimaschwankungen begann 250 n. Chr. und dauerte über 300 Jahre - und stimmt auffallend mit der Periode der Völkerwanderung überein.

Pest und Dreißigjähriger Krieg

Dagegen könnten ab dem siebenten Jahrhundert steigende Temperaturen und zunehmende Niederschläge den kulturellen Aufstieg des Mittelalters begünstigt haben. Als naheliegend bezeichnen die Forscher auch den klimatischen Einfluss auf die Verbreitung der Pest im 14. Jahrhundert durch die Abkühlung in dieser Zeit.

Eine Kältephase während des Dreißigjährigen Kriegs Anfang des 17. Jahrhunderts könnte schließlich die damals verbreiteten Hungersnöte verstärkt haben.

"Kein Ereignis hat nur eine Ursache"

Welchen Stellenwert Klimadaten für die Geschichtsforschung haben, erklärte Walter Pohl vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

"Dass man für bestimmte historische Ereignisse - wie den Untergang des Römischen Reichs - mit Klimaveränderungen argumentiert, ist nicht neu. Ich erinnere nur an das Buch 'Kollaps' von Jared Diamond, in dem gezeigt wurde, wie Gesellschaften mit geänderten Umweltbedingungen umgegangen sind", sagte Pohl gegenüber science.ORF.at.

Bei den Klimadaten handle es sich um "wertvolle Informationen, die zu anderen historischen Quellen beitragen können". Ein Beispiel, das weitreichende Konsequenzen haben kann, seien Missernten. "Aber natürlich korrespondieren die nicht immer mit dem Klima. Dafür konnte es ja auch andere Gründe geben, wie eine plötzliche Ungezieferplage." Pohls Fazit: "Die Daten sind wertvoll, aber man muss aufpassen, nicht deterministisch zu argumentieren. Wenn es eine Erkenntnis der Geschichtsforschung gibt, dann die, dass kein Ereignis nur eine Ursache hat."

Klimaerwärmung des 20. Jahrhunderts

Sehr deutlich zeigt sich in den Daten auch die Klimaerwärmung in den vergangenen Jahrzehnten: Die hohen Sommertemperaturen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts suchen ihresgleichen in den vergangenen 2.500 Jahren. Dagegen würden frühere Veränderungen der Niederschläge die heutigen Messwerte durchaus übertreffen.

Welche Rolle spielt der aktuelle Klimawandel?

Gegen einen geschichtlichen Klimadeterminismus spricht sich auch Nicolussi aus. Dennoch sei der Zusammenhang zwischen Klimaänderungen und historischen Umbrüchen auffällig.

"Die Gesellschaften waren früher viel sensibler gegenüber Klimaschwankungen. Sie kannten nicht die Lagerungsmöglichkeiten von heute, konnten auch keine Lebensmittel aus anderen Teilen der Erde importieren", so Nicolussi.

Deshalb nimmt er das 20. Jahrhundert in Europa von den Resultaten seiner Studie aus. Die prognostizierte weltweite Klimaerwärmung könne aber zu Entwicklungen führen, wie man sie aus der Vergangenheit kenne - auch in Europa.

science.ORF.at/APA

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