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Ein Einsiedlerkrebs schaut aus seinem Haus raus

Muskelberge zahlen sich aus - bei Krebsen

Stärker heißt nicht unbedingt erfolgreicher: Was für den Menschen gilt, trifft auch im Tierreich immer wieder zu. Nicht jedoch bei Einsiedlerkrebsen; bei ihnen führt ein simples Mehr an körperlicher Kraft zu mehr Siegen in Zweikämpfen - und davon gibt es bei den Tieren trotz aller Einsiedelei genug.

Verhaltensforschung 19.01.2011

Dass sich Muskeln für sie also auszahlen, hat ein Wissenschaftlerteam um Sophie Mowles vom Forschungszentrum für Marinebiologie der Universität Plymouth herausgefunden.

Die Studie:

"Flexing the abdominals: Do bigger muscles make better fighters?" von Sophie Mowles und Kollegen ist in den "Biology Letters" der Royal Society erschienen (sobald online).

Von wegen Einsiedelei

Einsiedlerkrebse (Pagurus bernhardus) leben, wie ihr Namen schon verrät, am liebsten alleine. Da ihr Hinterleib im Vergleich zu den gepanzerten Scherenbeinen ungeschützt ist, verbringen sie eine nicht unbeträchtliche Zeit ihres Lebens in gut ausgestatteten Unterkünften - in erster Linie in verlassenen Schneckenhäusern.

Da sie speziell in der Wachstumsphase ihre Behausungen öfter wechseln und gegen ein größeres Schneckenhaus tauschen müssen, ist es mit der selbstgewählten Einsiedelei aber oft schnell vorbei.

Beim Herbergswechsel treffen sie nämlich nicht selten auf Artgenossen: Der eine Einsiedlerkrebs möchte einziehen, der andere möchte nicht ausziehen, es kommt schnell zum Konflikt. Und der geht nach einem speziellen Ritual vor sich, wie die Forscher in ihrer aktuellen Studie schreiben.

Anklopfen vor dem tödlichen Kampf

Der angreifende Krebs packt mit seinen Beinchen das Schneckenhaus seiner Wahl und klopft damit gegen sein eigenes. Der verteidigende Artgenosse weiß, dass es sich dabei nicht um einen Akt der Höflichkeit handelt und verzieht sich in das Gehäuseinnere. Die Art und Anzahl dieser Klopfzeichen ist bereits ein guter Prognosefaktor für die Chancen im bevorstehenden Kampf, wie eine frühere Studie gezeigt hat: Die Klopferei verrät Stärke und Ausdauer der Tiere.

Irgendwann ist die Strategie des "Kopf-in-das-Gehäuse-stecken" nicht mehr ausreichend, und der angegriffene Krebs stellt sich dem Kampf. Ausgetragen wird er in erster Linie mit den großen Scherenbeinen der Tiere, beendet entweder mit der Eroberung eines neuen Wohnraums durch den Angreifer oder mit dem Zurückschlagen des Eindringlings. Nicht selten endet das für einen der beiden beteiligten Krebse auch tödlich.

Krebse im Labor überprüft

Ö1 Sendungshinweis:

Von Wasserorganismen und Schilfbewohnern: Vom Leben der Natur, 17.-21.1, 8:55 Uhr.

Um zu überprüfen, wie die Chancen für einen siegreichen Kampf verteilt sind, haben die Forscher um Sophie Mowles nun Krebse im Labor untersucht, die an der Südküste Englands gefangen worden waren. Sie wurden zuerst ihrer natürlichen Schneckenhäuser entledigt und dann in zwei Gruppen eingeteilt - die größeren Exemplare steckten die Forscher in neue Schneckenhäuser, die nur rund der Hälfte ihrer Wunschgröße entsprachen, die kleineren Exemplare kamen in Behausungen, die exakt passten.

Nach einer Akklimatisierungsphase im Labortank wurden die Krebse dann in Kontakt gebracht. Wie nicht anders zu erwarten, kam es schnell zu Auseinandersetzungen. 67 zählten die Forscher, 46 endeten mit einer Eroberung des Gehäuses, 21 Angriffe konnten abgewehrt werden.

Sieger wie Verlierer wurden danach "menschlich getötet", wie es in der Studie heißt ("humanely killed"), indem sie in flüssigen Stickstoff getaucht und bei minus 20 Grad Celsius aufbewahrt wurden. In Folge analysierten die Forscher die Muskelbeschaffenheit der Krebse und berechneten das Verhältnis von Muskelmasse und Körpergewicht.

Die Muskeln machen den Unterschied

Die Ergebnisse: Während es keinen Zusammenhang zwischen der Eiweißkonzentration in den Muskeln und den möglichen Siegeschancen im Kampf gab, hatte die absolute Muskelmasse sehr wohl einen Effekt.

Einsiedlerkrebse, die über muskulösere Hinterleibe verfügten, haben ihre Zweikämpfe eher gewonnen als ihre schwächeren Kontrahenten - und das galt sowohl für den Erfolg eines Angriffs als auch für die Abwehr eines Eindringlings, wiewohl der Zusammenhang im ersten Fall stärker ist.

Die Muskeln des Hinterleibs sind zentral für das Anklopfen vor dem Kampf: Offensichtlich bekommen die Krebse also bereits durch dieses Ritual einen Hinweis auch auf die Stärke des potenziellen Schneckenhaus-Nachmieters.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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