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Der Lehmann - erste Seite des Wohnungsanzeigers von 1935

Kaum noch Löcher im Register der Welt

Er war mehrere tausend Seiten dick und von 1859 bis 1942 so etwas wie eine Mischung aus Facebook und Google für Wien: der "Lehmann". Das Adress- und Personenbuch, das man seit heute komplett im Internet durchblättern kann, war von Beginn an umstritten.

Lehmann online 21.01.2011

Es gewährte Einblicke in Daten, die heute noch als indiskret erscheinen, wie es der Kulturwissenschaftler Alfred Pfoser in einem science.ORF.at-Interview nennt. Pfoser ist Leiter der Druckschriftensammlung der Wienbibliothek, der Heimat des nun auch digitalen "Lehmann".

Ausschnitt aus dem Häuserverzeichnis 1942 (Bennoplatz)

Wienbibliothek im Rathaus

Ausschnitt aus dem Häuserverzeichnis 1942 (Bennoplatz)

Ab sofort ist der Gesamtbestand des "Lehmann" aus den Jahren 1859-1942 online zu sehen. Insgesamt wurden 200.000 Seiten eingescannt, durch die man geordnet nach Zeiträumen und Alphabet navigieren kann.
Lehmann online

Karl Kraus findet man darin nur in einigen Jahrgängen, der Publizist ließ sich herausstreichen. Seine Begründung: Er wolle "ein Loch im Register der Welt sein".

science.ORF.at: Welcher Voraussetzungen hat es bedurft, um überhaupt so etwas wie den "Lehmann" zu machen?

Alfred Pfoser: Das Ausgangsmaterial stammte von den Volkszählungen, die es ja schon seit Maria Theresia gegeben hat. Der Journalist Adolph Lehmann hatte ein Abkommen mit der Polizeidirektion Wiens, für die jährlichen Änderungen kamen die Daten des Meldeamts hinzu. Die Erfassung der Informationen war lange lückenhaft, wurde immer besser und in der NS-Ära total. Nach 1945 wurde das Datensammeln fortgesetzt, heute ist die Erfassung durch Finanzämter, Standesämter, Meldebehörden und die Sozialversicherungen so groß, dass man keine Volkszählungen mehr machen muss. Heuer findet keine mehr statt so wie 2001, die Daten werden nur mehr von jenen Haushalten ergänzt, von denen sie fehlen.

Während in London ähnliche Adressbücher mit der Post kooperiert haben, hat dies Lehmann in Wien mit der Polizei getan, warum?

Von Adolph Lehmann herausgegeben

Einige Lehmannbücher im Regal

Wienbibliothek im Rathaus

Einige Jahrgänge des Lehmann im Regal

Von 1859 bis 1942 ist "Lehmann's Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger" erschienen. Waren anfangs die Daten zu rund 100.000 Personen enhalten, so waren es in den 1930er Jahren bereits 600.000. Zum Vergleich: Das Nachfolge-Adressverzeichnis Wiens - der " Herold", der sich in den ersten Nachkriegsjahren auch "Herold früher Lehmann" nannte -, startete 1949 mit einer Million Personen.

Verzeichnet waren in dem Nachschlagewerk, das vom Journalisten Adolph Lehmann herausgegeben wurde, Vorname und Name des Haushaltsvorstands, Beruf und Adresse, sowie - wenn vorhanden - Telefonnummer, Hinweise auf die Möglichkeit zu bargeldlosem Zahlungsverkehr bei der Postsparkasse und stenografischer Kommunikation. Ein Häuserverzeichnis war nach den Bezirken, Straßen und Alphabet angeführt, dazu kamen Branchen- und Behördenregister.

Auch der Sitzplan der Staatsoper war im Lehmann enthalten

Wienbibliothek im Rathaus

Auch der Sitzplan der Staatsoper fand sich im Lehmann

Das potenziell allen zugängliche Verzeichnis enthielt einige Lücken: Haushaltsvorstände waren in erster Linie Männer. Frauen und Kinder suchte man deshalb vergeblich. Ebenso alle Personen ohne eigene Wohnung wie z.B. Untermieter, Tagelöhner oder Haushaltshilfen.

Da die Menschen in der stark wachsenden Stadt Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oft umzogen, war der Druck der dicken Bücher nicht einfach: Er dauerte mehrere Monate, permanent wurden Veränderungen eingefügt.

Lehmann-Inserat aus dem Jahr 1942

Wienbibliothek im Rathaus

Lehmann-Inserat aus dem Jahr 1942

Die Auflage betrug einige Tausend Exemplare. Das klingt nicht viel, da Lehmann es aber schaffte, dass in den meisten Kaffeehäusern eines seiner Adressbücher auflag, war es sozusagen für jedermann greifbar.

In England hat es keine Meldepflicht gegeben, bei uns hingegen seit dem 18. Jahrhundert, das entspricht der etatistischen Tradition Deutschlands und der Habsburgermonarchie. Lehmann war nicht blöd und hat diese Quelle angezapft. Umgekehrt war es der Polizei recht, wenn ein Privater ein derartiges Buch produziert und sie das für ihre Zwecke verwenden konnte. Kurioserweise hat Lehmann die Polizei regelrecht gecoacht: Er machte Vorschläge, wie man Volkszählungen organisieren sollte, wie man auf Plakaten in Häusern und bei Kundgebungen darauf aufmerksam machen könnte, und er hat entsprechende Formulare entworfen - vieles von dem wurde auch umgesetzt. Eine frühe Private Public Partnership.

Heute geht es oft um Datenschutz, war das damals kein Thema?

Doch, seit Daten vom Staat erfasst wurden, hat es auch Widerstand dagegen gegeben. Schon zu Zeiten Maria Theresias und Josef II., die sich dabei stark auf die Gemeindepfarrer gestützt haben, weil sie schreiben konnten und die Daten der Bevölkerung sammeln sollten. Die Pfarrer wollten aber kein Agenten des Staates sein, Hintergrund der Volkszählungen war ja u.a. die Frage, welche Männer militärtauglich sind und welche nicht.

Wie sah es in Wien Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Kooperationsbereitschaft aus?

Als Lehmann anfangen hat, gab es mächtigen Widerstand. Er hat Zettel und Briefe zum Ausfüllen in die Häuser geschickt, die Rücklaufquote betrug aber weniger als zehn Prozent. Man hat ihn als Agent des autoritären Staates gesehen, der Daten sammelt. Erst als die Polizei selbst ein Empfehlungsschreiben ausgestellt hat, das für das Ausfüllen der Zettel warb, beteiligten sich 80 bis 90 Prozent. Das ist nicht wenig, aber ein gar nicht geringer Teil hat sich weiter nicht darum gekümmert. Im Lauf der Zeit ist eine andere Bewegung hinzugekommen: Leute, die nicht im Adressbuch aufscheinen wollten. Ein berühmtes Beispiel war Karl Kraus. "Ich will ein Loch im Register der Welt sein", hat er gesagt. Der Hintergrund: Durch die Eintragung ins Adressbuch hat er Unmengen an Post bekommen, die er nicht wollte.

Der Lehmann wurde also auch von Geschäftsleuten genutzt?

Ja, genauso wichtig wie das Personenregister waren auch das Branchenverzeichnis und das Verzeichnis der beim Handelsgericht eingetragenen Firmen. Darin ist gestanden, wem die Firma gehört, wer im Aufsichtsrat sitzt etc. Der Lehmann ist eigentlich ziemlich indiskret. Er beantwortet Fragen wie: Wer sind Hausbesitzer und Hausmeister meines Nachbarhauses? Das ist selbst heute trotz Internet gar nicht so einfach zu recherchieren, der Lehmann hat eine Art gläsernes Haus produziert.

Gegen diese Transparenz wehren sich heute mitunter sogar einfache Bürger, die gegen Google-Street-View-Autos vorgehen: Ist Datensammeln immer mit Unbehagen verbunden?

Sicherlich. Das Militär hat zum Beispiel während des Ersten Weltkriegs verboten, dass im Lehman die genaue Struktur seines Apparats abgedruckt ist, weil das dem Feind helfen könnte.

Ok, das ist aber eher Widerstand von oben.

Ja, aber interessanterweise hat etwa der Stalinismus in Moskau die Adressbücher abgeschafft, worauf der Historiker Karl Schlögel hingewiesen hat. Der Stalinismus hat sich auf einer anonymen Macht etabliert, die auf jeden Einzelnen zugreifen konnte. Diese Macht musste anonym bleiben, dafür bedurfte es eines Geheimwissens an Daten.

Der Facebook-Gründer Zuckerberg meint, die Privatsphäre ist heute überholt, Wikipedia und Co bieten Wissen frei zugänglich an und halten das für demokratisch - war der Lehmann auch ein Schritt in dieser Richtung?

Er hatte sicher etwas Demokratisierendes und auf jeden Fall etwas Antifeudales. Es ist kein Zufall, dass es derartige Adressbücher in jenen Gesellschaften als erste gegeben hat, die in der bürgerlichen Entwicklung am stärksten fortgeschritten waren wie England und Frankreich. Österreich war da ein Nachzügler.

Adressbücher sind also auch lohnende Objekte für die Geschichtswissenschaft?

Ö1-Sendungshinweis

Die Vermessung Wiens. Ein bürgerliches Projekt in der Wienbibliothek, "Kultur aktuell", 20.1.2011

Auf jeden Fall. Sie sind umkämpfte Medien, die Hauptfrage besteht darin, wer enthalten ist und wer ausgeschlossen. Nur ein Beispiel: Bevor die Juden im Nationalsozialismus vernichtet wurden, waren sie aus dem Lehmann bereits entfernt. Schon in der Monarchie gab es Bemühungen für rein christliche Adressbücher, im Lehmann waren aber auch Juden, Tschechen und andere enthalten, und das wurde von der christlich-sozialen Bewegung stark kritisiert. Man hält diese Offenheit für alle für selbstverständlich wie bei Facebook oder Google, das ist es aber nicht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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