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Häftlinge in Wöllersdorf, ca. 1934

"Anhaltelager" als Stätten politischer Bildung

"Konzentrationslager" wie die Nationalsozialisten in Deutschland wollten die Austrofaschisten nicht errichten. Daher schufen sie "Anhaltelager", in denen politische Gegner interniert wurden. Den erwünschten Effekt hatten sie freilich nicht: Die Häftlinge waren bei der Entlassung oft politisch radikaler als zuvor.

Austrofaschismus 21.01.2011

"Das ist auch kein Wunder", sagt Pia Schölnberger, derzeit Projektmitarbeiterin am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien.

"Die Unterbringung der Häftlinge erfolgte nach ihrer politischen Gesinnung - Sozialisten, Kommunisten und Nationalsozialisten wurden jeweils gemeinsam interniert. Klarerweise wurde da viel politsch debattiert, es gab mitunter sogar Geheimbüchereien mit einschlägiger Literatur. Von kommunistischen Häftlingen ist sogar bekannt, dass sie einen eigenen Stundenplan hatten, der die jüngeren Genossen den Marxismus lehrte."

Schölnberger hat sich in der bisher umfangreichsten Weise mit dem "Anhaltelager" Wöllersdorf in Niederösterreich beschäftigt und nimmt an der aktuellen Austrofaschismus-Tagung in Wien teil.

Akten aus Staatsarchiv

Wöllersdorf nicht das einzige Lager
Wöllersdorf war nicht das einzige, aber das größte derartige Lager in Österreich: Daneben gab es auch noch Messendorf bei Graz, das Tiroler Finstermünz, Kaisersteinbruch im Burgenland, in dem auch Ernst Kaltenbrunner, der spätere Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, untergebracht war, sowie eine Reihe weiterer kleinerer und temporärer Lager.

In den meisten Darstellungen der österreichischen Zeitgeschichte wird das "Anhaltelager Wöllersdorf" erwähnt, "ohne dieses, mit Ausnahme des Zeithistorikers Gerhard Jagschitz, näher zu hinterfragen", wie Schölnberger gegenüber science.ORF.at betont. "In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, um welche Art 'Lager' es sich dabei wirklich gehandelt hat."

Die Antworten schlummern vor allem im Österreichischen Staatsarchiv, konkret: in den Akten des Bundeskanzleramtes. Vom dort angesiedelten staatspolizeilichen Büro der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit wurden die "Anhaltungen" geregelt.

Bis zu 6.000 Internierte

Wieviele Personen insgesamt in den austrofaschistischen "Anhaltelagern" interniert waren, ist schwer zu sagen. "Zum Höhepunkt, im September 1934 - also nach den Februarkämpfen und dem Juli-Putschversuch waren 6.000 Personen interniert, in der Mehrzahl Nationalsozialisten. In der Zeit davor und danach waren es einige Hundert. Insgesamt hat es eine hohe Fluktuation gegeben, Gefangene wurden entlassen und später oft erneut eingeliefert", erklärt Schölnberger.

Das Lager, das nach den Ereignissen von 1934 stark vergrößert wurde, war somit die längste Zeit nicht vollbesetzt. "Das Regime ging von weiteren großen Auseinandersetzungen aus und hat Wöllersdorf deshalb ausgebaut. Wegen des schlechten Images, das das austrofaschistische Regime im In- und Ausland hatte, wurden aber bereits 1935 beispielsweise die an den Februarkämpfen nicht direkt beteiligten Sozialdemokraten freigelassen. 1936, ab dem Juli-Abkommen mit Deutschland, auch eine Reihe von Nationalsozialisten", so Schölnberger.

Führende Rolle in Partei reichte als Haftgrund

Ehemalige nationalsozialistische Häftlinge vor dem brennenden Lager, 2. April 1938

Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands

Ehemalige nationalsozialistische Häftlinge vor dem brennenden Lager, 2. April 1938

Schölnberger hat konkret das Schicksal der Wiener Gefangenen untersucht. Aufgrund der geografischen Nähe, aber auch der Rolle Wiens als zentrale Drehscheibe der Politik dürften rund drei Viertel aller Wöllersdorfer Internierten aus der Bundeshauptstadt gestammt haben.

Die Begründungen für die "Anhaltungen" waren oft "absurd", so Schölnberger: "Beim späteren Bundespräsidenten Adolf Schärf oder beim Wiener Stadtrat Paul Speiser genügte der Umstand, dass sie 'in der sozialdemokratischen Partei eine führende Rolle innehatten', wie aus den Akten hervorgeht."

Durchsetzung eines Euphemismus

Der Begriff der Anhaltung findet sich laut Schölnberger bereits im josephinischen Zeitalter, wo er bereits als Synonym für Verhaftung verwendet wurde. Die Austrofaschisten haben ihn angewandt, um sich vom nationalsozialistischen Deutschland abzugrenzen. Seit dem März 1933 wurden dort im Konzentrationslager Dachau politische Gegner inhaftiert und ermordet.

Im Sommer des gleichen Jahres, als in Österreich über die Errichtung von Lagern für politisch Oppositionelle debattiert wurde, stellte sich nun auch die Frage, wie man die aus Sicht der Austrofaschisten nötigen Lager nun nennen solle. Die Verordnung, die in der Folge aufgrund des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917 erlassen wurde, hieß "Verordnung zur Verhaltung sicherheitsgefährlicher Personen zum Aufenthalte an einem bestimmte Orte oder Gebiete".

Von "Anhaltelager" war noch nicht die Rede, weshalb die Presse von "Konzentrations- bzw. Sammellagern" sprach. Dagegen ging die austrofaschistische Führung vor und es setzte sich der bis heute verwendete Euphemismus "Anhaltelager" durch.

Keine Folter, aber Schikanen

Tagung in Wien

Die Tagung "Österreich 1933-1938" begann am 20.1. Den Auftakt machte ein zweitägiger Workshop im Alten AKH unter dem Titel "Die Forschungsgräben schließen? Zu Stand und Desideraten der Erforschung des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes". Am 24. Jänner folgt ein dreitägiges Symposion im Juridicum, das Aspekte wie die Verfassung, die Justiz und die Verfolgung der politischen Opposition analysiert. Am 24. Jänner findet eine Podiumsdiskussion unter Leitung von Ilse Reiter-Zatloukal vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte sowie Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte, statt.

Im Vergleich auch mit den frühen Konzentrationslagern in Deutschland waren die "Anhaltelager" in Österreich human. Es bestand keine Gefahr für Leib und Leben, es gab keine Folter. "Man soll das aber auch nicht verharmlosen", sagt Schölnberger.

"Die Lager sind Ausdruck eines spezifischen faschistischen Systems, das Menschen ohne Gerichtsurteil wegsperren konnte. Diese Menschen wussten zunächst nicht, wie lange sie inhaftiert blieben, und oft sind sie überhaupt erst ins Lager gekommen, nachdem sie eine reguläre Haftstrafe in einem Gefängnis verbüßt hatten, und dem Regime die Haftzeit als zu kurz erschienen ist."

Eine besondere Perfidie bestand darin, dass die Häftlinge für ihre "Anhaltung" zu zahlen hatten - sechs Schilling pro Tag. Bedenkt man, dass ein Laib Brot damals 55 Groschen gekostet hat, war der Preis für "Kost, Logis, Bewachungs- und Beleuchtungskosten" geradezu zynisch hoch und konnte deshalb auch kaum bezahlt werden.

Polizei hoffte vergeblich auf geistige Verödung

Aus den von Schölnberger untersuchten Briefen, Berichten und mündlichen Schilderungen der Häftlinge ist auch einiges über das konkrete Lagerleben zu erfahren. Die Räume mussten geputzt werden, ansonsten gab es aber, obwohl ursprünglich für die "minderbeteiligten" Juliputschisten in Wöllersdorf vorgesehen, keine Art von Zwangsarbeit. Man konnte in der Regel zweimal täglich ins Freie und dort beispielsweise auch Fußball spielen, es gab drei Mahlzeiten täglich, aber oft war den Gefangenen vor allem eines: langweilig.

Musizieren und Singen war verboten, ebenso Karten- oder Schachspielen. Die Staatspolizei hoffte dadurch auf eine geistige Verödung der Gefangenen, wodurch das Interesse an der Politik schwinden sollte. "Solche Verbote sind natürlich äußerst fragwürdig, wenn man gleichzeitig die Gefangenen nach ihrer politischen Gesinnung gemeinsam unterbringt. Zahlreiche Berichte von linker wie auch nationalsozialistischer Seite zeigen, dass die Gefangenen Wöllersdorf radikaler verließen, als sie es ursprünglich gewesen sind", sagt Schölnberger.

Ein Mahnmal seit 1974

Das bisher letzte Kapitel des "Anhaltelagers Wöllersdorf" wurde 1974 geschrieben. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky wurde ein Mahnmal errichtet, das bis heute "trist an einem Kreisverkehr liegt. Von den sozialdemokratischen Gemeinden der Umgebung werden alljährlich Kränze niedergelegt", berichtet Schölnberger. "Der Großteil des Lagergeländes wurde im Zweiten Weltkrieg komplett ausgebombt, hier ist kaum etwas übriggeblieben."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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