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Lachende Frau, Ausschnitt eines Gemäldes von Roy Lichtenstein

Die vernachlässigte Heiterkeit

Die Philosophie ist ein ernsthaftes Gewerbe, melancholisch mitunter - aber heiter? Die Heiterkeit ist eine sträflich unterschätzte Grundstimmung des philosophischen Denkens. Denn sie führt nicht nur zur Gelassenheit, sondern auch zur Subversion.

Philosophie 02.02.2011

Das zeigte ein Symposion im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Dort begaben sich Philosophen, Germanisten, Anthropologen und Sinologen auf kulturhistorische Erkundungen dieses Phänomens.

Von der Melancholie verdrängt

Veranstaltung:

Heiterkeit als Ausnahmezustand?
Erkundungen zwischen Anthropologie, Ästhetik und Sozialpsychologie
20.-22. Januar 2011, Deutsches Literaturarchiv Marbach

Die Heiterkeit wurde in der europäischen Kulturgeschichte meist vernachlässigt oder gar abgewertet, wie Detlev Schöttker, Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literatur an der Technischen Universität Dresden betonte. Sie war der unbedeutende Gegenspieler der Melancholie, der ein zentraler Stellenwert eingeräumt wurde. Seit der Antike zeichneten sich alle außergewöhnlichen Künstler und Philosophen durch eine melancholische Grundstimmung aus, wie schon der Philosoph Theophrast im 4. Jahrhundert vor Christus feststellte.

Von da an spannt sich einer weiter Bogen über romantische Schriftsteller wie Lord Byron, John Keats und Alfred de Musset bis zu Autoren des 20. Jahrhunderts wie Emile Cioran.

Dieser imperialen Vorrangstellung der Melancholie müsse man sich bewusst werden - so Schöttker - um die Gründe für die Geringschätzung der Heiterkeit zu kennen und die Möglichkeiten ihrer Wertschätzung auszuloten.

Die "heitere Meeresstille" Epikurs

Zitat

Was sich nun von dieser Wolke wie ein Regenbogen abhebt, und zwar so, dass jeder Mensch der Mittelpunkt seines eigensten Regenbogens ist, das ist die Heiterkeit des Geistes. (Fritz Mauthner)

Die Erkundungen der Heiterkeit führten vorerst in die griechische Antike. Dort herrscht bei Philosophen wie Epikur eine "heitere Meeresstille", auf die der in Graz emeritierte Philosoph Malte Hossenfelder hinwies. Diese Meeresstille entsteht dadurch, dass man alle Quellen ausschaltet, die einen Erregungszustand der Seele bewirken könnten.

Für Epikur ist Erregung mit Unlust verbunden, während die Lust darin besteht, frei von Unlust zu sein. Diese Unlust wird von verschiedenen Faktoren wie die Furcht vor den Göttern, die Furcht vor dem Tode oder auch Begierden, die Abhängigkeiten schaffen, ausgelöst. Gelingt es, sich von diesen Unlust erzeugenden Komponenten zu befreien, ist die Gelassenheit des Gemüts, die Ataraxia, erreicht.

Heiterkeit im Taoismus

Literaturhinweise

Petra Kiedaisch/Jochen A. Bär: Heiterkeit. Konzepte in Literatur und Geistesgeschichte, Wilhelm Fink Verlag
Petra Kiedaisch: Ist die Kunst nicht heiter?, Niemeyer Verlag
Harald Weinrich: Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit, C.H. Beck Verlag

Eine ganz andere Beziehung zwischen Melancholie und Heiterkeit, die sich von der europäischen Kulturgeschichte wesentlich unterscheidet, findet sich in der chinesischen Kultur, speziell im Taoismus, wie Helwig Schmidt-Glinzer, Sinologe und Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel ausführte.

Im Gegensatz zur europäischen Kultur, die Heiterkeit immer nur als Gelassenheit, als etwas Entspanntes betrachtete, ging es in der taoistischen Tradition um "die Doppelgesichtigkeit", um die Dualität von Hellem und Dunklem, von yin und yang.

Die Doppelgesichtigkeit erklärt sich aus dem Konzept des Taoismus, das man als ein "offenes Denken" bezeichnen kann. Die gelassene Heiterkeit weiß auch um die Nachtseiten des Lebens, um Krankheit, Leid und Tod. Der Taoismus kennt nicht ein triumphales Beharren auf einem Prinzip, von dem sich die Welt erklärt.

Indem er um die Zerrissenheit der menschlichen Psyche Bescheid weiß, entfaltet er eine menschenfreundliche Philosophie, die im Gegensatz zum Konfuzianismus steht. Dort geht es nur um die Eingliederung des Individuums in ein Regelwerk der Gemeinschaft; individuelle Stimmungen wie Heiterkeit sind da nicht gefragt.

Nietzsches dionysische Heiterkeit

Das taoistische Wissen um die Abgründe des Lebens ist auch dem Philosophen Friedrich Nietzsche bekannt.

In seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" bezieht er sich zwar auf die antike Heiterkeit, er reduziert sie jedoch nicht auf die moderate apollinische Heiterkeit, sondern erweitert sie um die dionysische Heiterkeit, die mit Exzess, Ekstase und Rausch vertraut ist. Diese Erweiterung hält Nietzsche für unabdingbar; "denn nur durch solch eine Heiterkeit geht der Weg zur Erlösung".

"Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst"

Diese Heiterkeit ermöglicht eine Distanzierung von den Widrigkeiten des individuellen und gesellschaftlichen Lebens, meinte der in Münster emeritierte Philosoph Ferdinand Fellmann; sie hilft, das Leben erträglich zu machen. Betrachtet man die Heiterkeit als ästhetisches Phänomen, wie Fellmann das tut, dann hilft auch die so verstandene Kunst, sich vom zeitweise trostlosen Leben zu distanzieren.

Diese Einsicht beschreibt auch das bekannte Zitat Friedrich von Schillers "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst", das sich paradoxerweise in seiner Tragödie "Wallenstein" findet.

Heiterkeit als subversiver Gestus

Auf eine andere Form der Heiterkeit kam der Germanist Detlev Schöttker zu sprechen. Es ist die heitere Haltung des Soldaten Schwejk, die sich gegen die Herrschenden, die Nomenklatura der Macht, wendet.

Dieser subversive Gestus, der sich auch als Dümmlichkeit tarnen kann, stellt sich gegen einen menschenverachtenden Zynismus, wie er oft in der Praxis autoritärer Gesellschaften anzutreffen ist. Ein Paradebeispiel für die subversive Heiterkeit war der Kyniker Diogenes, der Alexander den Großen, der ihm einen Wunsch freistellte, aufforderte, "ihm ein wenig aus der Sonne zu gehen".

Heiterkeit in der Postmoderne

Die Heiterkeit ist auch als Haltung gefragt, - so lautete das Plädoyer von Ferdinand Fellmann - die es ermöglicht, in der postmodernen Spaßgesellschaft ein Leben zu führen, das mit der Forderung des Philosophen Ernst Bloch nach einem "aufrechten Gang" vereinbar ist.

Das bedeutet dann, nicht an der "Schenkel klopfenden, polternden Lustigkeit" von Fernsehspielen teilzunehmen; auch nicht an der hedonistischen Partygesellschaft, die angesichts der herrschenden Armut und Not nichts dabei findet, in Luxusrestaurants ihre kulinarischen Höhenflüge zu absolvieren. Gerade das ist nicht die Heiterkeit, die im Symposion thematisiert wurde.

So gesehen hat die Heiterkeit für Fellmann damit zu tun, die Werte einer humanistischen, sozialen Denkweise aufrecht zu erhalten oder - wie es der Schriftsteller Peter Weiss in seinem Buch "Die Ästhetik des Widerstandes" formulierte - eine heitere Grundstimmung auszubilden, um gegen eine zynische Fröhlichkeit bestehen zu können.

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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