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Ein Wikingerschiff vor Vollmond

"Sonnenstein" der Wikinger könnte existieren

Die Wikinger waren begnadete Seefahrer. Mit ihren charakteristischen Booten legten sie große Strecken zwischen Norwegen, Island und Grönland zurück - aber wie fanden sie ihren Weg, wenn die Sonne nicht schien? Mit dem sagenumwobenen "Sonnenstein", den es in Form eines Kristalls tatsächlich gegeben haben könnte, meinen Forscher.

Orientierung 01.02.2011

Bisher gab es nur vage Hinweise darauf, dass die Wikinger tatsächlich einen "Stein" benutzt haben könnten. Indem sie Kristalle verwendeten, die Sonnenlicht nach ihrer Polarisation filterten, könnten sie den Sonnenstand ermittelt haben, ohne tatsächlich die Sonne zu sehen, schreiben Gabor Horvath, Biophysiker an der Eötvös Universität in Budapest, und Kollegen in einer Studie. Die Funktionalität dieser Kristalle haben sie bei der Schiffreise direkt "vor Ort" überprüft.

Die Studie:

"On the trail of Vikings with polarized skylight" ist in den "Philosophical Transactions of the Royal Society B" erschienen (doi:10.1098/rstb.2010.0194).

Sagenhafter Stein

Bisher weiß man von zwei Hinweisen, dass die Wikinger, die zwischen 750 und 1050 nach Christus die nördlichen Meere bereisten, sich mit einem "Stein" bei der Orientierung geholfen haben: Zum einen ist in der sogenannten "Sigurd-Legende" zu lesen, dass König Olaf an einem bewölkten Tag mit Schneefall nach jemandem gesucht habe, der ihm sagen konnte, wo am Himmel die Sonne zu finden wäre. Er fragte Sigurd, und um seine Antwort zu überprüfen, nahm "Olaf den 'Sonnenstein' (im Original: 'sólarsteinn') zur Hand, schaute zum Himmel und sah, woher das Licht kam. Es stellte sich heraus, dass Sigurd recht hatte," ist dort zu lesen.

Zum anderen berichteten Archäologen 2001, dass sie unter Resten eines Wikinger-Schiffs einen Stein und Teile einer Holzscheibe gefunden hätten, beide mit geraden und geschwungenen Gravierungen.

Cordierit als Sonnenstein?

Polarisierte Lichtstrahlen

Tageslicht hat ein definiertes Polarisationsmuster, das sich im Lauf des Tages je nach Sonnenstand verändert. Genau diese Eigenheit des Sonnenlichts machen sich polarisierende Kristalle zunutze: Sie lassen Lichtstrahlen nur in einer bestimmten Richtung durch, wodurch sie - je nach Stellung zur Sonne - hell oder dunkel erscheinen. Von diesem Effekt könnten die Wikinger auf den Stand der Sonne geschlossen haben, auch wenn sie hinter Nebel oder Wolken versteckt war, vermutete Ramskou.

1967 griff der dänische Archäologe Thorkild Ramskou den Hinweis in der "Sigurd-Legende" auf und glaubte, im Mineral Cordierit den sagenhaften Stein gefunden zu haben. Aber auch verschiedene Arten von - in Skandinavien häufig vorkommendem - Kalkspat standen unter Verdacht, bei schlechtem Wetter die Hinweise auf den Sonnenstand geliefert zu haben.

Belege für diese Hypothesen fanden sich allerdings nicht, weshalb ein Streit unter Historikern und Archäologen entbrannte, ob es den Sonnenstein nun gegeben habe oder nicht. Kritiker wiesen unter anderem darauf hin, dass man auch mit freiem Auge den hellsten Punkt am bewölkten oder nebeligen Himmel feststellen könnte und gar keinen Stein brauche.

Freies Auge zu wenig

Gabor Horvath und seine Kollegen arbeiteten seit 2005 an der Überprüfung der zahlreichen Vermutungen zum Sonnenstein. Zuerst legten sie Testpersonen Fotografien vor, die mit einer 180 Grad Linse vom bewölkten Himmel über Skandinavien gemacht worden waren. Sie sollten die Position der Sonne bestimmen, was ihnen aber nur höchst ungenau gelang.

"Nur mit freiem Auge konnten die Wikinger also nicht navigiert haben", schlossen die Forscher und testeten während einer Reise auf dem schwedischen Eisbrecher "Oden", ob die Lichtpolarisation bei bedecktem und freiem Himmel überhaupt eine Messung durch den "Sonnenstein" möglich macht. "Das Muster der Lichtpolarisation war tatsächlich sehr ähnlich, egal ob die Sonne schien oder der Himmel nebelverhangen war", schreiben die Wissenschaftler. Der Einsatz eines "Sonnensteins" wäre demnach möglich.

"Wikinger" gesucht

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet "Ö1 Wissen Aktuell" am 1.2. um 13:55.

Als Beweis, dass polarisierende Kristalle tatsächlich im Einsatz waren, wollen Fachkollegen die Studie von Horvath und Co aber nicht sehen: So weist Christian Keller, Archäologe an der Universität Oslo, im Gespräch mit "Nature News" auf Schriften hin, in denen beschrieben wird, dass Wikinger und andere "frühe Seemänner" ihre Position an klaren Tagen anhand der Sonne bestimmten, an bewölkten hingegen durch eine Kombination verschiedener Faktoren: Küstenverlauf, Vogelflug, die "Reisewege" der Wale und Wolken über entfernt gelegenen Inseln.

Gabor Horvath und seine Kollegen wollen sich aber nicht von ihrer Idee eines "Sonnensteins" abbringen lassen und als nächsten Schritt überprüfen, ob der Kristall auch für Laien als Navigationstool dienen kann: Sie suchen derzeit Männer in Deutschland, Ungarn und Schweden, die an Bord von Schiffen Sonnenstand und Reiserichtung bestimmen sollen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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