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"Formeln sind wie chinesische Schriftzeichen"

Heute wird das Internationale Jahr der Chemie hierzulande offiziell bei einer Veranstaltung in der Aula der Akademie der Wissenschaften eröffnet. Der Chemiker und Präsident des FWF, Christoph Kratky, sagt im Interview, was man von dem Jahr erwarten kann.

Chemie 03.02.2011

Für die Forschung werde das Jahr der Chemie keine großen Veränderungen bringen. Aber es bietet laut Kratky die Gelegenheit über das Fach, seine Ziele und Grenzen zu diskutieren. Da die Chemie eine etablierte Disziplin sei, seien viele Grundfragen geklärt und Chemiker würden vor allem andere Fachgebiete vorantreiben.

science.ORF.at: Haben Sie noch Fragen, bevor wir beginnen?

Porträt Christoph Kratky

Kratky / FWF

Christoph Kratky studierte Chemie an der ETH Zürich, arbeitete an der Universität Harvard und ist seit 1995 Professor für Physikalische Chemie an der Universität Graz. Er ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und seit 2005 Präsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF).

Christoph Kratky: Zum Interview nicht, aber zum Jahr der Chemie hätte ich einige.

Welche zum Beispiel?

Nach der Logik der Zuordnung dieser Jahre. Ich weiß, dass Marie Curie vor hundert Jahren den Chemienobelpreis erhalten hat. Aber das schreibt nicht zwingend ein Jahr der Chemie vor. Das ist mehr ein politischer Aushandlungsprozess. Und Marie Curie war mindestens so sehr Physikerin, wie sie Chemikerin war.

Was kann das Jahr der Chemie aus Ihrer Sicht bringen?

Ich glaube nicht, dass besondere wissenschaftliche Durchbrüche durch die Ausrufung des Jahres der Chemie zu erwarten sind. Forscher werden in diesem Jahr nicht mit größerer Freude forschen. Erwarten kann man sich etwas für die Wahrnehmung der Forschung in der Öffentlichkeit. Es gibt einen Anknüpfungspunkt, um über Chemie zu reden, Chemie zu problematisieren, aber auch sie zu entproblematisieren, zu zeigen, wie wichtig sie ist und wo ihre Grenzen sind. Wenn das Jahr das bringt, dann ist das schon sehr viel.

Zur angesprochenen Wissenschaftskommunikation der Chemie und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit: Was funktioniert hier gut und was könnte man besser machen?

In den Forschungsbeilagen der Zeitungen steht Chemie nicht im Zentrum. Da waren Physik und Lebenswissenschaften in den letzten zehn, zwanzig Jahren deutlich präsenter. Das heißt nicht, dass in der Chemie nichts passiert ist. Aber in anderen Gebieten hat es in den letzten Jahren mehr Dynamik gegeben.

Die Unesco hat 2011 zum Internationalen Jahr der Chemie ausgerufen. Auf science.ORF.at werden laufend Artikel zum Thema erscheinen. Auch Radio Österreich 1 widmet dem Jahr der Chemie einen Schwerpunkt.

Weitere Informationen zum Jahr der Chemie findet man auf der internationalen Seite der Unesco und dem österreichischen Pendant.

Die Chemie ist eine traditionelle Wissenschaft, eine reife Disziplin. Interessanterweise sind die großen Entwicklungen der Lebenswissenschaften der letzten zehn, zwanzig Jahre überwiegend das Resultat chemischer Technologien, nehmen sie nur als Beispiel die Gensequenzierung. Wenn Sie so wollen ernten die molekularen Biowissenschaftler des 21. Jahrhunderts die Früchte der Chemie des 20. Jahrhunderts. Dabei sind sehr viele molekulare Biowissenschaftler von ihrer Ausbildung her selbst Chemiker.

Tut es ihnen als Chemiker leid, dass die Chemie in den Forschungsbeilagen der Zeitungen selten vorkommt?

Ich bin ja ein Renegat. Ich hab Chemie studiert und bin Professor für physikalische Chemie, aber mein Forschungsgebiet, die Strukturbiologie, gehört eindeutig zu den Lebenswissenschaften.

Ein typischer Werdegang für Chemiker?

Am 3. Februar wird das Unesco-Jahr der Chemie offiziell bei einer Veranstaltung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung in der Aula der Wissenschaften eröffnet. Christoph Kratky hält dort den Festvortrag.
Donnerstag, 3. Februar 2011, 17:30 Uhr, Aula der Wissenschaften, Wollzeile 27a, 1010 Wien.
Anmeldung: Züleyha Dikme, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, 01 53120 9012.

Bei der Veranstaltung werden auch die Preise für das Wissenschaftsbuch des Jahres verliehen. Den ersten Preis in der Kategorie Naturwissenschaft und Technik gewann heuer ein Buch aus der Chemie: "Von Alkohol bis Zucker. Zwölf Substanzen, die die Welt veränderten" von Christian Mähr, Dumont, 2010.

Buchcover "Von Alkohol bis Zucker"

Dumont

Die Grenzen zwischen den klassischen Wissenschaftsdisziplinen werden immer irrelevanter, auf alle Fälle in der Forschung aber zunehmend auch in der Lehre. Als ich in den frühen 80er-Jahren nach Graz gekommen bin, gab es sieben oder acht Professoren für Chemie. Zurzeit sind es nur drei. Trotzdem sind an der Universität Graz elf Chemiker Professoren: zum Beispiel alle sechs am Institut für molekulare Biowissenschaften, ein Professor für Experimentalphysik und der für Pharmakologie.

Die klassische Unterteilung des Fachs Chemie in organische, anorganische, physikalische und analytische Chemie mag nach wie vor relevant sein, wenn es um die Strukturierung von Studiengängen geht. Für die Forschung sind derartige subdisziplinäre Zuordnungen uninteressant. Die wichtigen Forschungsfragen kommen heute aus den Lebenswissenschaften und den Materialwissenschaften. Chemisches Know-how ist zu ihrer Lösung unabdingbar. Es kräht kein Hahn danach, ob die Personen, die das tun, auf einem Institut für Chemie oder auf einem Institut für molekulare Biowissenschaften beschäftigt sind.

Verkommt Chemie dadurch zur Hilfswissenschaft?

Die Grundfragen der Chemie, die im 19. und 20. Jahrhundert gestellt wurden, sind weitgehend gelöst: die Natur der chemischen Bindung, wie chemische Reaktionen stattfinden, wie man Verbindungen herstellt. Die Chemie hat eine Periode spektakulärer Erfolge hinter sich.

Sie können heute eine beliebig komplizierte Strukturformel aufzeichnen und wenn die entsprechende Verbindung stabil ist, kann sie ein Chemiker herstellen. Gute und weniger gute präparative Chemiker unterscheiden sich nicht dadurch, dass die einen eine Verbindung herstellen können und die anderen nicht. Die einen machen es in weniger Stufen als die anderen, eleganter und mit höherer Ausbeute.

Aber es gibt doch sicher noch offene Fragen in der Chemie.

Natürlich, beispielsweise an der Grenze zu anderen Fächern, etwa den Materialwissenschaften. Die Eigenschaften von Stoffen versteht man nach wie vor nicht so gut wie die von Molekülen, obwohl man mit quantenchemischen Rechenmethoden viele Substanzeigenschaften bestimmen kann.

Die Grundgleichungen der Quantenchemie sind ja seit Jahrzehnten bekannt. Um damit konkrete Probleme zu lösen, kann die Sache aber sehr aufwendig werden, was unter Umständen die Kapazität der größten Superrechner übersteigt. Da geht es dann darum, clevere Näherungsverfahren zu entwickeln.

Welche Themen sind für das Jahr der Chemie wichtig bzw. wie muss sich die Chemie längerfristig verändern?

Es geht darum, das gewaltige Know-how der Chemie in anderen Gebieten anzuwenden. Das muss nicht notwendigerweise durch Chemiker passieren, auch durch Physiker oder Biologen. So wie nicht alles, was in der Biologie passiert, von Biologen gemacht wird, sondern auch von Chemikern.

Viele der großen und immer wieder angeführten Forschungsfragen der nächsten Jahre - Klima, Energie, Altern - werden nicht von einer einzelnen Disziplin gelöst werden. Das sind Fragen, bei denen wegen ihrer Komplexität viele Disziplinen bis hinein in die Geistes- und Sozialwissenschaften zusammenarbeiten müssen.

Spiegelt sich dieses Verhältnis zwischen Chemie und anderen Disziplinen auch in den Förderungen des FWF wider?

Projekte, die der FWF fördert, sind in einer Online-Datenbank einsehbar:

Die Zahl der Anträge direkt aus der Chemie, wo Chemiker chemische Probleme bearbeiten wollen, hat eine deutliche Tendenz nach unten. So hat sich der Anteil der Projekte aus der Chemie am Gesamtbewilligungsvolumen des FWF in den letzten 20 Jahren halbiert, von 12 auf 6 Prozent. Was aber auch damit zu tun hat, dass Chemiker vor 20 oder 30 Jahren die stärksten Kunden des FWF waren.

In den 80er- und 90er-Jahren war die Chemie die teuerste Wissenschaft: Man hat teure Chemikalien und Geräte und viel Personal gebraucht. Mittlerweile sind neue Disziplinen entstanden und überproportional gewachsen. Heute haben Projekte der Lebenswissenschaften einen wesentlich höheren Ressourcenbedarf jene als der Chemie.

Ist Chemie bei Schülern und Studenten beliebt oder unbeliebt?

Bei Schülern vermutlich eher unbeliebt, allerdings gibt es da allerlei Wahrnehmungsprobleme. Was man mit Chemie assoziiert, ist die Chemie des 19. Jahrhunderts: dass es kracht und stinkt, dass jemand vor einem dampfenden Kolben steht, in dem es brodelt. Das hat mit moderner Chemie nicht viel zu tun, eher mit der Mystik der Alchemie.

Die moderne Chemie liegt an der Grenze zwischen einer empirischen und einer Fundamentalwissenschaft. Ein guter Chemiker muss nach wie vor ein unglaublich großes empirisches Wissen haben. Es ist eine immens abstrakte Wissenschaft. Chemische Formeln sind wie chinesische Schriftzeichen. Da braucht man sehr lange, um diese Piktogramme mit chemischen Eigenschaften zu assoziieren, zu wissen, wie die entsprechende Substanz reagiert und wie man sie herstellt. Das ist für einen Mittelschüler eine ziemliche Zumutung, deshalb stellt der Chemieunterricht eine gigantische Herausforderung für die Lehrer und Lehrerinnen dar.

Wie steht es um die Jobchancen?

Zurzeit haben Chemiker keine Probleme in Österreich einen Job zu finden. Aber es ist ein schwieriges Fach und deswegen nicht so stark nachgefragt, wie es dem Bedarf der Industrie an jungen Chemikern entspricht.

Sie haben bei einer Veranstaltung letztes Jahr gesagt, dass Sie ihrem Sohn von einer wissenschaftlichen Karriere abraten. Würden Sie das immer noch tun?

Das war bei einem Seminar über prekäre Dienstverhältnisse an den Universitäten. Ich habe gesagt, dass ich ihm von einer wissenschaftlichen Karriere in Österreich abraten würde. Ob jemand eine Perspektive an einer österreichischen Universität bekommt, hängt im Moment nicht in erster Linie von der wissenschaftlichen Leistung ab. Natürlich ist die Chance auf eine längerfristige Perspektive an der Universität höher, wenn jemand besser ist, aber die genauen Bedingungen sind mehr als unklar.

Die Unis nehmen bei weitem nicht immer die besten. Das ist übrigens nicht nur bei uns ein Problem. Ich kenne Fälle an österreichischen Universitäten wo man exzellenten Leuten nach sechs Jahren den Vertrag nicht verlängert hat, gleichzeitig aber drittklassige Leute auf Lebenszeit angestellt hat. Die Personalpolitik unserer Universitäten könnte sich eine private Firma nie leisten.

Interview: Mark Hammer, science.ORF.at

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