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Weltkugel umringt von Figuren im Kreis

Der Schwarm lernt schreiben

Lesbare Texte zu schreiben ist zumeist die Leistung einzelner Menschen. Wikipedia hat gezeigt, dass zumindest Lexikoneinträge auch flüssig zu lesen sein können, wenn mehrere Personen beteiligt waren. Noch einen Schritt weiter geht eine neue Software, die der vielbeschworenen "Schwarmintelligenz" das Schreiben beibringt.

Informationstechnologie 07.02.2011

Schreibaufgaben werden dabei via Internet auf Dutzende Menschen verteilt, die voneinander nichts wissen. Dennoch kommt dabei ein lesbarer Text heraus.

Die Verknüpfung von menschlicher Intelligenz mit einer Software, die Arbeit in kleinere Einheiten unterteilt, könnte einen Blick in die Zukunft des Kapitalismus darstellen - nicht zuletzt weil die marginalisierten Info-Arbeiter nur einen Spottlohn für ihr Tun bekommen.

Die Studie:

"CrowdForge: Crowdsourcing Complex Work" von Aniket Kittur und Kollegen ist auf der Homepage der Carnegie Mellon University erschienen.

Crowdsourcing in Forschung und Unternehmen

Der deutsche Begriff "Schwarmauslagerung" klingt etwas unsexy. "Crowdsourcing" ist da schon viel besser, weil da das "Outsourcing" - die Auslagerung von Teilen der Produktion von Unternehmen an Dritte - bereits mitschwingt. Gemeint ist jedenfalls die Strategie, die Arbeitskraft der Internetgemeinde für einfache Aufgaben zu nutzen - zumeist gegen geringe oder gar keine Bezahlung.

Auf Seiten der Wissenschaft gibt es dafür zahlreiche, gut funktionierende Beispiele. Hunderttausende Freiwillige haben auf einer NASA-Website dazu beigetragen, die Oberflächen von Planeten zu klassifizieren. Beim Google-Projekt "ReCaptcha" werden Texte alter Bücher digitalisiert und beim - skurill klingenden, aber ernsten - "Gravestone Project" der amerikanischen geologischen Gesellschaft werden Daten von Grabsteinen für die Klimaforschung verwendet.

Auch zahlreiche Unternehmen bedienen sich des - aus ihrer Sicht sehr kostengünstigen - Crowdsourcing, etwa um Ideen für neue Produkte zu entwickeln.

"Human Intelligence Tasks"

Die möglicherweise prononcierteste Form des Crowdsourcing ist ein Projekt des Onlinehändlers Amazon und nennt sich Mechanical Turk. Dabei werden den Besuchern der Website vom Computer einfachste Aufgaben ("Human Intelligence Tasks - HITs") gestellt, die diese für eine geringe Entlohnung lösen.

Beispiele: Bilder mit Begriffen kennzeichnen, Audiodateien verschriftlichen und Kurztexte in eine andere Sprache übersetzen. Für die zumeist einige Minuten dauernden Lösungen bekommen die User im Schnitt zwischen einem und zehn US-Cent. Derzeit gibt es rund 65.000 HITs im Angebot.

Wie bei den Computern

Ob sich dieses System auch für komplexere Aufgabestellungen eignet, wie sie in Organisationen und Unternehmen üblich sind, haben nun die Forscher um den IT-Experten Aniket Kittur von der Carnegie Mellon University untersucht.

Dazu haben sie dem Mechanical Turk eine Art Rahmenprogramm übergestülpt ("CrowdForge"), das komplexe Aufgaben in einfachere und voneinander unabhängige Unteraufgaben zerlegt. Vorbild waren Computernetzwerke, wie sie auch Google verwendet, um Suchanfragen in Subteile zu verwandeln, die gleichzeitig von mehreren Rechnern bearbeitet werden.

Wie Menschen damit umgehen, haben die Forscher anhand zweier Aufgabenstellungen analysiert: zum einen sollten die "Turker" genannten Arbeiter der Website einen kurzen enzyklopädischen Artikels über Plätze in New York schreiben, zum anderen Kaufentscheidungen beurteilen.

In 36 Unteraufgaben zerlegt

Sendungshinweis:

Gefahren der Neuen Medien: 28.1., Zeit im Bild 2.

Die erste Arbeit wurden dabei in mehrere Unteraufgaben zergliedert: Eine Aufgabe bestand darin, eine Gliederung des Artikels vorzunehmen. Mehrere "Turker" taten dies, andere wiederum beurteilten die Gliederungen und wählten die beste aus. Wiederum andere "Turker" recherchierten zu verschiedenen Unterpunkten des Artikels, manche schrieben einen Absatz, andere kompilierten die Absätze, diese wurden erneut bewertet etc.

Im Schnitt wurde das Verfassen eines Artikels so in 36 Unteraufgaben zerteilt, ebenso im Schnitt kostete einer der Texte 3,26 Dollar. Annähernd den gleichen Gesamtbetrag erhielten dann individuelle "Turker", die für denselben Platz in New York einen Artikel schreiben sollten.

Nach getaner Arbeit zeigte sich beim Vergleich, dass der kollaborativ entstandene Text nicht nur deutlich länger war als der individuelle (658 vs. 393 Worte), sondern auch besser gefiel - das jedenfalls meinte eine weitere "Turker"-Gruppe, die die Qualität der beiden Texte einschätzen sollte (natürlich ohne deren Entstehungsgeschichte zu kennen). Der Wikipedia-Eintrag zu dem gleichen Platz in New York schien den "Turkern" genauso gelungen.

Wikipedia gar nicht so kollektiv

Apropos Wikipedia. Das Musterbeispiel kollektiver Intelligenz ist bei näherer Betrachtung gar nicht so kollektiv. Netzwerkanalysen des deutschen Soziologen Christian Stegbauer haben etwa ergeben, dass es sich bei den Wikipedia-Schreibern um eine relativ überschaubare Gruppe handelt (Buch: Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation).

Die als besonders exzellent erachteten Wikipedia-Artikel werden ihm zufolge überdurchschnittlich oft von nur einer oder wenigen Personen hergestellt. Als Ursachen gelten vor allem stilistische Brüche: Während auf Fakten basierende, nüchterne Texte relativ leicht auch von mehreren Personen hergestellt werden können, erweisen sich Stilbrüche bei längeren und narrativen Texten als störend.

Als nächstes Wissenschaftsjournalismus

Viele literarische Kollaborationsversuche im Internet sind deshalb auch gescheitert (z.B. dieser). Bei Lexikoneinträgen scheint es aber zu funktionieren, wie die aktuelle Studie von Aniket Kittur und seinen Kollegen nahelegt. "Wir sind überrascht, wie gut das geklappt hat", sagt Kittur. "Zugegeben, keiner der Artikel wird einen Preis gewinnen. Die Beurteilungen waren aber nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Dutzende Menschen koordiniert werden mussten, um sie zu erzeugen."

Der IT-Experte ist überzeugt, dass die Software-unterstützte Arbeitsteilung auch mit Tausenden oder Millionen Menschen rund um den Globus funktionieren könnte - und zwar auch zur Lösung kreativer Aufgaben. Ob eine Arbeitswelt wünschenswert ist, bei dem Leistungen mit Mikrozahlungen im Bereich einiger Cents abgegolten werden? Kittur und Kollegen betonen, dass sie nicht zeigen wollten, wieviel billiger kollaborativ verteilte Arbeit kommt, sondern dass dies prinzipiell möglich ist.

In einem nächsten Schritt sollen "Turker" noch komplexere und kreativere Aufgaben gemeinschaftlich lösen: Wie die zwei Journalisten Jim Giles und MacGregor Campbell auf ihrem Blog "My Boss is a Robot" berichten, sollen mit der CrowdForge-Software nun wissenschaftsjournalistische Texte erstellt werden - science.ORF.at wünscht kein allzu gutes Gelingen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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