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Ein Soldat steht vor der ungarischen Fahne

Trianon-Gedenken: Der Opfermythos Ungarns

Seit Beginn des ungarischen EU-Ratsvorsitzes erinnert ein Teppich im EU-Ratsgebäude in Brüssel an die Grenzen Großungarns bis zum Vertrag von Trianon (1920). Diesem "größten Trauma" der ungarischen Geschichte - wie es das nationalistisch-konservative bis rechtsextreme Parteienspektrum gerne darstellt - wurde im Vorjahr ein nationaler Gedenktag gewidmet.

Zeitgeschichte 18.02.2011

Damit wertete die regierende Fidesz dieses Ereignis auf und legitimiert gleichzeitig die politische Instrumentalisierung des ungarischen "Opfermythos".

Zwei Drittel der Fläche verloren

Der 200 Quadratmeter große Teppich im EU-Ratsgebäude in Brüssel, der an die Grenzen Großungarns bis zum Friedensvertrag von Trianon erinnert.

epa

Der rund 200 Quadratmeter große Teppich im EU-Ratsgebäude in Brüssel, der an die Grenzen Großungarns bis zum Friedensvertrag von Trianon erinnert.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ungarn im Vertrag von Trianon zwar erstmals nach Jahrhunderten wieder vollständig unabhängig. Rund zwei Drittel des ehemaligen Königreichs gingen darin aber an Nachfolge- und Nachbarstaaten wie Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien "verloren". Der Opfermythos, der Ungarn als Spielball fremder Mächte betrachtet, war geboren.

90 Jahre später wurde auf Initiative des Fidesz-Politikers László Kövér und des Parteichefs der Christdemokraten (KDNP), Zsolt Semjén, am 4. Juni ein "Trianon-Gedenktag" eingeführt, genannt auch "Tag der nationalen Einheit". Die rechtsextreme Jobbik, die schon seit Jahren auf eine Revision von Trianon pochte, wertete diese Entwicklung als Teilerfolg. Mit einer Mehrheit von 302:55 Stimmen wurde der Gedenktag am 1. Juni 2010 im ungarischen Parlament beschlossen, wie der Pester Lloyd schrieb.

Lückenhafte Lesart der Geschichte

Hinter der Initiierung des Gedenktags steckt einerseits eine politische Vision, die die Zusammengehörigkeit aller ungarischen Landsleute über die Grenzen Ungarns hinaus betont. Andererseits legitimiert die Orbán-Regierung dadurch die politische Instrumentalisierung des Opfermythos und nutzt dessen Mobilisierungspotenzial zum Stimmengewinn.

Nicht umsonst bezeichnet Fidesz neuerdings den Friedensvertrag offiziell als "Diktatfrieden von Trianon". Diese Geschichtsinterpretation basiert zu einem Gutteil auf dem Opfermythos, für den eine unkritische und lückenhafte Lesart historischer Ereignisse charakteristisch ist.

Mythen als Identitätsstifter

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes 1989 gewann die Frage nach der ungarischen Identität wieder an Brisanz. Die Regierung von Viktor Orbán erkannte bereits während ihrer ersten Amtszeit (1998-2002) das Potenzial einer identitätsbildenden Geschichtspolitik, sagt die Zeithistorikerin Regina Fritz von der Universität Wien.

In ihrer Dissertation hat sie sich hauptsächlich mit der Aufarbeitung des Holocaust nach 1945, den Opferdiskursen und ungarischer Geschichtspolitik auseinandergesetzt.

Für die Intention von Fidesz seien die aufwändig inszenierten Millenniumsfeierlichkeiten "1.000 Jahre ungarische Staatsgründung" und die Überführung der ungarischen Krone ins ungarische Parlament (2000), sowie die Eröffnung des Haus des Terrors (2002) beispielhaft.

Dieses Museum will an die beiden totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts - Faschismus und Kommunismus - erinnern, verweist aber zu wenig auf die Eigenverantwortung der Ungarn für ihre Geschichte und spielt den anderen die Schuld zu (deutsche Nazis, russische Kommunisten), wie Kritiker monieren.

Selbststilisierung als Opfer

Vor allem Fidesz prägte eine Geschichtspolitik, sich selbst zum Opfer zu stilisieren. Da kein kritischer Diskurs über den Hintergrund und die Folgen des Trianon-Vertrags in der Öffentlichkeit stattfand, können national-konservative und rechtsextreme Parteien bis heute davon profitieren.

"Das Problem an Trianon ist", so Fritz, "dass dessen Gründe in Ungarn meist nicht thematisiert werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser historischen Phase wird dadurch unmöglich. Und auf internationaler Ebene gesteht sich offiziell niemand ein, dass der Friedensvertrag problematische Konsequenzen für die ganze Bevölkerung hatte. Solange sich auf beiden Seiten nichts ändert, bleibt das Trauma bestehen."

Schuldzuschreibung als Fundament

Ermordung der Juden

Nach der deutschen Besatzung im März 1944 wurden innerhalb weniger Monate unter Miklós Horthy mehr als 430.000 Juden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Budapester Juden blieben von dieser Deportationswelle wegen des Einschreitens Horthys zunächst verschont. Im Oktober 1944 wurde Horthy von den Nationalsozialisten jedoch zum Rücktritt gezwungen. Unter dem von den Nationalsozialisten eingesetzten Pfeilkreuzler Ferenc Szálasi kamen zehntausende Budapester Juden ums Leben und unzählige fanden auf den berüchtigten Todesmärschen Richtung Österreich den Tod. (Quelle: Paul Lendvai: "Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte")

Zentral für die Festigung des Opfermythos war die Haltung der Nachkriegsregierungen 1945/46 zum Holocaust. Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs machte sie die Repräsentanten des faschistischen Regimes dafür verantwortlich, allen voran die Pfeilkreuzler.

Die Politiker der Zeit zogen laut Fritz eine scharfe Trennlinie zwischen Schuldigen und Opfern und strichen den Bruch mit der Vergangenheit hervor. Als Vertreter der jungen, vom Volk getragenen Demokratie wollten sie mit den aristokratischen Eliten und Faschisten nichts gemeinsam haben. Sie hofften aber auch, dass ein Land, das mit der Vergangenheit abrechnet, nicht für die Taten eines früheren Regimes und für die Verbrechen Einzelner bestraft wird.

Das ging so weit, dass sie den Verantwortlichen eine deutsche oder zumindest nicht-ungarische Abstammung nachweisen wollten. Im Fall des Pfeilkreuzlers Ferenc Szálasi wurde dessen armenische Herkunft hervorgehoben. Damit sollte die Schuld für die begangenen Verbrechen an den einheimischen Juden der damaligen politischen Elite zugewiesen und das ungarische Volk von jeglicher Mitverantwortung enthoben werden. Das gezielte Ausblenden der eigenen Mitverantwortung, beispielsweise des passiven Verhaltens eines Großteils der Bevölkerung angesichts der Deportationen einheimischer Juden, machte eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unmöglich.

Anti-kommunistische Verbrechen

Während des kommunistischen Regimes (1948/49 - 1989) gewann der Widerstands- und Heldenmythos zunehmend an Bedeutung. Ganz im Zeichen des Ost-West-Konflikts stand nicht die Aufarbeitung, sondern die propagandistische Nutzung von Kriegsverbrecherprozessen im Vordergrund, um die "moralische Überlegenheit" des Kommunismus zu betonen. Dabei wurden die Verbrechen, die an den ungarischen Juden verübt wurden, als anti-kommunistisch und nicht als anti-semitisch dargestellt. Die Öffnung der Archive des Politbüros ermöglicht heute einen guten Einblick in die damalige Zeit, weiß Fritz.

Ab den 1970ern wurde in der Öffentlichkeit immer offener über die Deportationen gesprochen. Dass diese Opfer auch in der Politik zunehmend als Ungarn jüdischer Abstammung bezeichnet wurden, deutet darauf hin, dass man nun versuchte, die Trennlinie zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Opfern endgültig aufzuheben.

Den Begriff "Holocaust" nahm das kommunistische Regime schließlich erstmals im Rahmen einer Gedenksitzung zum 45. Jahrestag des Holocaust in der Staatsversammlung kurz vor der Wende 1989 in den Mund. Bald gewann jedoch mit dem Ende des Kommunismus in Ungarn ein neues Kapitel in Punkto Aufarbeitung an politischer Aktualität: die Opfer des kommunistischen Regimes.

Unterschiedliche historische Erfahrungen

Aus nationalstaatlicher Sicht wurde den Opfern und der Aufarbeitung des Kommunismus besonders in den 1990ern Priorität eingeräumt. Gleichzeitig erhöhte sich durch die Öffnung gen Westen auch der internationale Druck auf Ungarn, dem Gedenken an die Opfer des Holocaust verstärkt nachzukommen.

Ein gutes Beispiel für das Ringen beider Opfergruppen um politische Anerkennung ist laut Fritz jenes Gesetz aus dem Jahr 1992, das den Anspruch auf Entschädigungszahlungen regelt. Der Entwurf stieß wegen der Diskriminierung der jüdischen Opfer (die Entschädigungsfrist sollte erst 1949 beginnen) auf Widerstand und wurde abgelehnt. In der Adaptierung wurde dem Vorwurf Rechnung getragen und die Zeitspanne bis 1939 ausgedehnt. Ungarn war damit das erste osteuropäische Land, das basierend auf diesem Gesetz Entschädigungen an die Holocaust-Opfer zahlte.

Ungarn gedenkt heute sowohl der Opfer des Holocausts (16.4), des Kommunismus (25.2), wie auch des Trianon-Vertrags. Die Einführung aller Gedenktage geht auf die National-Konservativen zurück. Der markanteste Unterschied besteht darin, dass bei den beiden erstgenannten reale Opfer, bei Trianon jedoch mehr das Zelebrieren des Opfermythos im Vordergrund steht. Das legt den Schluss nahe, dass es den National-Konservativen dabei um mehr als bloß einen weiteren nationalen Gedenktag gehen könnte.

Sonja Burger, freie Journalistin

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