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Greville-Chester-Zehe

Die ältesten Prothesen der Welt

Eine britische Medizinerin hat zwei künstliche Zehen aus dem alten Ägypten in der Praxis getestet. Resultat der Analyse: Die mehr als 2.500 Jahre alten Fundstücke dürften tatsächlich als Gehhilfe gedient haben.

Geschichte 15.02.2011

Ägyptologie trifft Medizin

Die Studie

"The ancient origins of prosthetic medicine": "Lancet (Bd. 377, S. 548, doi: 10.1016/S0140-6736(11)60190-6).

Es kommt nicht oft vor, dass in medizinischen Fachjournalen ein Artikel über Museumsexponate erscheint. Doch in der aktuellen Ausgabe des "Lancet" beschreibt Jacqueline Finch von der University of Manchester zwei künstliche (große) Zehen, die normalerweise im British Museum, London, bzw. im Ägyptischen Museum, Kairo, zu bewundern sind. Erstere ist auch bekannt als die Greville-Chester-Zehe, benannt nach jenem Angestellten des British Museum, der das in Theben entdeckte Stück nach London brachte.

Die Greville-Chester-Zehe besteht aus einer Art Urkarton (Leinen-Papmaché mit tierischen Klebestubstanzen), trug einst einen künstlichen Nagel und zeigt einige Gebrauchsspuren. Dass sie anno 600 v. Chr. als Prothese gedient haben könnte, vermutet man unter anderem aufgrund ihrer Machart. Die Zehe trägt nämlich einige Löcher, die vermutlich zur Fixierung am Fuß oder an einer Sandale gebohrt worden sind.

Die Greville-Chester-Zehe

Jacqueline Finch

Die Greville-Chester-Zehe

Aus einer noch früheren Periode Ägyptens stammt eine künstliche Zehe, die an einer Mumie entdeckt wurde. Sie gehörte Tabaketenmut, einer Priestertochter, die etwa zwischen 950 und 710 v. Chr. gelebt haben muss. Tabaketenmuts Kunstzeh ist aus Holz und Leder gefertigt und trägt sogar ein künstliches Gelenk - das weist darauf hin, dass auch die alten Ägypter zumindest teilweise über funktionelle Anatomie Bescheid wussten.

Ritus: Künstliche Körperteile

In den 90er bzw. 00er Jahren erschienen denn auch zwei Studien, die die beiden Zehen bereits als "vermutlich älteste Prothesen der Welt" bezeichneten. Gleichwohl ist dieser Schluss keine Selbstverständlichkeit. Denn erstens war im historischen Ägypten die Beifügung künstlicher Körperteile in Gräbern gang und gäbe.

Die Zehe von Tabaketenmut

Jacqueline Finch

Tabaketenmuts Zehe

Archäologen wissen, dass Körper vor ihrer Bestattung regelrecht restauriert wurden: Da wurden Salben, Butter und Soda aufgetragen, Nasen, Augen und Genitalien ersetzt, ja sogar Sägemehl zwischen Haut und Muskeln gestopft, um die organischen Konturen zu erhalten. Den Hintergrund dieser Tradition kann man etwa in den sogenannten Pyramidentexten nachlesen, sie beschreiben die notwendige "Wiederherstellung des Körpers" als Vorbereitung auf das Leben nach dem Tode.

Walk like an Egyptian

Und zweitens ist es eine Sache, über die Prothesenfunktion zu spekulieren, eine andere jedoch, praktische Versuche anzustellen. Auch davon berichtet Jacqueline Finch in ihrem Artikel: Sie hat zwei Freiwillige gefunden, denen der große Zeh amputiert worden war, und ihnen nun Replika der beiden Kunstzehen an passender Stelle montiert.

Obwohl es sich bei den beiden Stücken wohl um Maßanfertigungen handelt, funktionierte die Probe mit historischem Gerät erstaunlich gut. Unangenehme Druckstellen seien nicht aufgetreten, die Stabilität sei absolut ausreichend gewesen, schreibt Finch. Und: Bequemer hatte es laut Aussagen der Probanden wohl der Besitzer des Karton-Zehs gehabt, Holz sei zwar stabil, aber nicht sonderlich handlich (respektive fußlich).

Soweit der Praxistest, der übrigens mit orginalgetreu nachgestalteten ägyptischen Sandalen durchgeführt wurde. Das historio-medizinische Experiment könnte unter Umständen Rückwirkungen auf andere Objekte und Fächer haben: Die bislang älteste anerkannte Prothese, das römische Capua-Bein aus Bronze (ca. 600 v. Chr.), wurde nämlich ebenfalls noch nie im Laborversuch getestet.

Robert Czepel, science.ORF.at

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