Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Dirty War Index": Wie Zivilisten leiden"

Soldaten vor Sonnenuntergang

"Dirty War Index": Wie Zivilisten leiden

Das Gefühl sagt es uns schon länger: Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak während und nach der Invasion von hauptsächlich US-Truppen im Jahr 2003 zogen auch die Zivilbevölkerung stark in Mitleidenschaft. Britische Forscher untermauern diesen Eindruck nun mit Zahlen.

Sozialwissenschaften 16.02.2011

Demnach starben mehr Zivilisten durch Angriffe der internationalen Streitkräfte als durch irakische Einheiten. Zu erwartende Verluste halten Menschen aber nicht davon ab, einen Krieg als richtig zu unterstützen, untermauern währenddessen US-Psychologen in einer anderen Studie. Denn letztlich sind es immer moralische Gründe, die einen Krieg als beste Lösung dastehen lassen.

Die Studie

"Violent Deaths of Iraqi Civilians, 2003: Analysis by Perpetrator, Weapon, Time, and Location" ist im Open-Access-Journal "PLoS Medicine" erschienen (doi:10.1371/journal.pmed.1000415).

Solferino und Vietnam

Obwohl es kriegerische Auseinandersetzungen seit tausenden Jahren gibt, ist die Beschäftigung mit den Folgen für die Zivilbevölkerung ein relativ junges Phänomen. Die erste konkrete Reaktion auf die Gräuel des Krieges war die Gründung des Roten Kreuzes durch Henri Dunant. Er war von der blutigen Schlacht in Solferino 1859, als österreichische Truppen und Soldaten Piemont-Sardiniens und Frankreichs aufeinander trafen, so geschockt, dass er eine Hilfsorganisation ins Leben rief, die sich nicht nur um verwundete Soldaten, sondern auch um verletzte Zivilisten kümmerte.

Mädchen flüchtet vor Napalmangriff im Vietnamkrieg

APA/AP

Emotionen im Bild: Kim Phúc, das nackte Mädchen in der Mitte, läuft vor einem Napalmangriff auf ihr Dorf davon.

Dennoch war es bis in die 1960er Jahre üblich, von zivilen Toten etwa bei Luftbombardements als nicht vermeidbare "Kollateralschäden" zu denken. Letztlich waren es zu einem Großteil die Massenmedien, die ein Umdenken erzwangen: Wer erinnert sich nicht an das Foto des vietnamesischen Mädchens mit Namen Kim Phúc, das weinend vor einem Napalmangriff davon lief? Das Bild löste eine breite Diskussion über das Vorgehen der US-Truppen in Vietnam aus und rückte die Zivilbevölkerung in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit.

92.614 Irak-Tote analysiert

Heute ist es fast schon "common sense", dass die Folgen eines Krieges für die Zivilbevölkerung beobachtet und dokumentiert werden müssen - und auch die Forschung hat hier eine Aufgabe gefunden. Die neueste Analyse zum Irak-Krieg legt die Psychologin Madelyn Hicks vom King's College in London vor. Gemeinsam mit ihren Kollegen zog sie Daten des von Nicht-Regierungsorganisationen getragenen Projekts "Iraq Body Count" (IBC) heran.

In die IBC-Datenbank wurden zwischen dem 20. März 2003 und dem 19. März 2008 92.614 Tote eingetragen. Auch die Todesart wird - soweit feststellbar - vermerkt. Bei der Analyse der Daten zeigte sich, dass die meisten Zivilisten durch unbekannte Angreifer und oft im Zuge wilder Hinrichtungen gestorben sind. In einem zweiten Schritt gewichteten die Forscher den Anteil von Frauen und Kindern an den Opfern und bestimmten damit den "Dirty War Index".

Am höchsten auf diesem Index und damit am fatalsten für Zivilisten wirkten sich demnach Mienensprengungen aus (DWI=79), gleich gefolgt von Luftangriffen durch die internationalen Streitkräfte (DWI=69) und Autobomben (DWI=54). Die Truppen der USA und unterstützender Staaten hatten einen höheren DWI als ihr Gegenpart, was wohl auch an der größeren Reichweite ihrer Waffen lag, schreiben Madelyn Hicks und Kollegen.

Keine Kopfentscheidung

So wichtig das Monitoring hinsichtlich der Auswirkungen von Krieg auf die Zivilbevölkerung ist, so wenig bewirken rationale Überlegungen offensichtlich, wenn es um die eigene Haltung geht. Zu dieser Schlussfolgerung kommen jedenfalls Jeremy Ginges von der New School for Social Research in New York und Scott Atran vom Institut Jean Nicod in Paris.

Sie wollten überprüfen, ob beim Befürworten einer kriegerischen Auseinandersetzung der persönliche Nutzen im Vordergrund steht (also etwa mehr Sicherheit, größere Bewegungsfreiheit) oder die Moral im Sinn von Glaube an Gerechtigkeit oder andere Ideale. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, führten Ginges und Atran eine Reihe von Tests und Befragungen durch. Um kulturelle Unterschiede herauszufinden, wurden sie in den USA, in Nigeria und im Gaza-Streifen aktiv.

Die Studie

"War as a moral imperative (not just practical politics by other means)" ist in den "Proceedings oft he Royal Society B" erschienen (DOI:10.1098/rspb.2010.2384).

Moral schlägt Fressen

Am aussagekräftigsten sind wohl die Angaben der israelischen Siedler in der West Bank und im Gaza-Streifen, weil sie in einer permanent als gefährlich empfundenen Situation leben. In einer Umfrage unter 656 Siedlern zeigte sich, dass die Bereitschaft, an gewalttätigen Aktionen teilzunehmen sehr hoch ist, ungeachtet dessen, ob dadurch ihre Situation besser wird oder nicht. Bei gewaltfreien Maßnahmen war die Zustimmung aber sehr wohl davon abhängig, ob damit auch der dahinter stehende Zweck erreicht werden kann. Dieses Ergebnis ließ sich mit anderen Testpersonen und anderen Fragestellungen (etwa, ob Geiseln durch Gewalt oder Verhandlungen befreit werden sollen) wiederholen, was Ginges und Atran folgern lässt: "Die Teilnehmer waren relativ unempfänglich, was die Konsequenzen einer kriegerischen Handlung betrifft, solange sie an einen guten Zweck glauben konnten."

Ö1-Sendungshinweis

"Demokratie hat gute Chancen"; Nahostexperte Volker Perthes "Im Journal zu Gast" am 12.02.2011 bei Peter Fritz.

Moral besiegt in diesem Fall - im übertragenen Sinn - das Fressen, so die Forscher. Diese Erkenntnis müssten sich wohl auch Kriegsgegner zu Herzen nehmen. Denn offenbar kann ein Meinungsumschwung nicht durch Zahlen und Fakten zu den Opfern herbeigeführt werden, sondern wiederum über die Moral - siehe das Foto von Kim Phúc im Vietnamkrieg.

Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: