Standort: science.ORF.at / Meldung: "54323 steht für "Liebe", 7247688 für "Schrott""

Handy-Tastatur, die von einer Frauenhand gedrückt wird

54323 steht für "Liebe", 7247688 für "Schrott"

Wie häufiges Versenden von SMS-Nachrichten unser Verhältnis von Wörtern und Zahlen verändert hat, zeigt ein deutscher Psychologe. Schon das bloße Eingeben einer Ziffernfolge aktiviert ihm zufolge die Bedeutung dahinter liegender Worte in unserem Geist - und zwar unbewusst.

Psychologie 17.02.2011

Der Psychologe Sascha Topolinski von der Universität Würzburg hat dazu eine Studie geschrieben.

Die Studie:

"I 5683 You. Dialing Phone Numbers on Cell Phones Activates Key-Concordant Concepts" von Sascha Topolinski ist in der Fachzeitschrift "Psychological Science" erschienen.

Milliarden SMS werden täglich geschrieben

Wie relevant die Forschung ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Alleine in Österreich wurden im Jahr 2009 mehr als 5,7 Milliarden SMS verschickt, dazu kamen laut Telekom-Regulierungsbehörde RTR auch noch 32,5 Millionen Multimedianachrichten (MMS). In den USA werden jeden Tag rund vier Milliarden SMS gesendet und empfangen.

Dass die "Kulturtechnik SMS" Auswirkungen für unsere Einschätzung von Zahlen und Buchstaben hat, bewies Topolinski nun in einer Reihe von Experimenten, bei denen er allerdings Auslaufmodelle von Handys verwendet hat: Jene Geräte, auf denen - gemäß dem Standard E.161 der Internationalen Fernmeldeunion ITU - Zahlen Buchstaben zugeordnet sind, mit deren Hilfe man Texte erstellen kann. Neuere Geräte, vor allem Smartphones bieten bereits vollständige Schreibmaschinen-Tastaturen, entweder virtuell oder physisch.

54323 steht für "Liebe"

Mit den älteren E.161-Handys ließ Topolinski Probanden verschiedene Zahlenfolgen eintippen, wobei sie glaubten an einer Ergonomie-Studie teilzunehmen. Die Buchstaben der Handys waren überklebt, sodass sie scheinbar neutrale Zahlenkombinationen eingaben.

Dahinter verbargen sich aber Worte, etwa 54323 für "Liebe", 373863 für "Freund" und 7245346 für "Schleim". Nach der Zahleneingabe sollten die Studienteilnehmer angeben, wie angenehm dies gerade gewesen sei.

Dabei zeigte sich, dass Zahlenkombinationen, in deren Hintergrund positiv konnotierte Wörter wie Liebe und Freund standen, viel angenehmer erschienen als negative. Offensichtlich war den Probanden die "zweite Bedeutung" der Zahlenkombination durch frühere Erfahrungen bereits in Fleisch und Blut übergegangen.

Sendungshinweis:

In Barcelona wurde am 15.2. der "Mobile World Congress" eröffnet, die größte Messe für "Alles rund ums Handy": Konkret-Beitrag in der ORF TVthek.

Embodiment - bedeutsam auch für Juweliere

In der Psychologie nennt sich die dahinterstehende Theorie "Embodiment": im Körper sind gewisse Bedeutungen verankert, die durch Übungen entstehen und auch wieder abgerufen werden können. "Diese Studie ist aber ein neues Kapitel in der Embodiment-Forschung", sagt Topolinski in einer Aussendung. "Das Hirn hat gelernt, dass der Druck auf eine Handytaste sowohl eine Zahl als auch einen Buchstaben produzieren kann."Daraus folge, dass es beim Wählen einer Nummer nicht nur die Zahlen antizipiert, sondern auch die dazugehörigen Buchstaben."

Deren Ergebnisse könnten neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung auch für Unternehmen von Interesse sein, glaubt der Psychologe. Immerhin legen sie nahe, dass ein Geschäftsmann sehr genau darauf achten sollte, unter welcher Telefonnummer er zu erreichen ist. Ein Juwelier mit der Nummer 7247688 ("Schrott") muss sich demnach nicht wundern, warum er so wenige Anrufe erhält.

science.ORF.at