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Künstlerische Rekonstruktion von Brontomerus mcintoshi - Kopfansicht

Der Dino mit den Donnerschenkeln

Paläontologen haben in Utah die Überreste einer neuen Dinosaurierart aus der Kreidezeit entdeckt. Der Pflanzenfresser war in etwa so schwer wie ein Elefant und besaß ausgesprochen muskulöse Beine: möglicherweise, um damit Fußtritte zu verteilen.

Paläontologie 23.02.2011

Bergsteigen und Treten

"Brontomerus mcintoshi" heißt die neue Spezies, die Forscher des Oklahoma Museum of Natural History im Osten von Utah ausgegraben haben. Das so genannte Epitheton "mcintoshi" hat nicht etwa mit einer Apfelsorte oder einem Computerhersteller zu tun. Es ist schlichtweg eine - in der Biologie nicht unübliche - Hommage an einen Kollegen, nämlich den mittlerweile emeritierten Physiker John McIntosh von der Wesleyan University in Conneticut.

Die Studie

"A new sauropod dinosaur from the Lower Cretaceous. Cedar Mountain Formation, Utah, USA" ist im Fachblatt "Acta Palaeontologica Polonica" (Bd. 56, S. 75) erschienen.

Der latinisierte Gattungsname "Brontomerus" bedeutet so viel wie "Donnerglied" und nimmt offensichtlich auf die besondere Anatomie des Pflanzenfressers Bezug. Das Tier hatte, wie Teamleiter Michael Taylor und seine Kollegen berichten, ein ausgesprochen voluminöses Darmbein. Form und Größe der Hüfte weisen darauf hin, dass Brontomerus selbst für einen Dinosaurier sehr muskulöse Schenkel besessen haben muss.

Die Frage ist nur: wozu? Möglicherweise lebte das 14 Meter lange und sechs Tonnen schwere Tier vor 110 Millionen Jahren in trocken-bergigem Gelände und musste seine Körpermasse täglich von Anhöhe zu Anhöhe schleppen. Für diesen Zweck sind kräftige Schenkel gewiss kein Nachteil, laut Taylor und Co. muss das aber nicht der einzige Grund für die überproportionale Muskelentwicklung gewesen sein.

Taylors Vermutung: Es handelt sich um eine Anpassung im Dienste der Selbstverteidigung. "Als wir die merkwürdige Form der Hüfte bemerkten, überlegten wir uns, welche Funktion sie gehabt haben mag", so Taylor in einer Aussendung. "Wir kamen zu dem Schluss, dass sie dem Austeilen von Tritten diente - möglicherweise bei Kämpfen zwischen Männchen. Angesichts dieses Körperbaus wäre es eigentlich bizarr, wenn Brontomerus seine Beine nicht auch zur Verteidigung gegen Feinde verwendet hätte."

Kick it like Brontomerus

Künstlerische Rekonstruktion von Brontomerus mcintoshi

Francisco Gascó

Die Mutter aller Fußtritte: Brontomerus entfernt einen Utahraptor aus der Gefahrenzone

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch die Sendung "Wissen aktuell", Mi., 23.2., 13:55 Uhr

Demnach soll Brontomerus lästige Raptoren und andere für den Nachwuchs gefährliche Fleischfresser per Fußtritt des Feldes verwiesen haben - mit wohl schmerzhaften Folgen für den Angreifer, wie obiges Bild nahelegt. Allein, dass "Donnerschenkel" den Fußtritt zur evolutionären Hochblüte geführt hat, ist keineswegs sicher. Die 24-seitige Originalstudie widmet der Lebensweise der Riesenechse nur einen kleinen, als "Spekulation" ausgewiesenen Abschnitt. Der Rest beschränkt sich auf das Greifbare, nämlich anatomischen Detailbeschreibungen und Einordnungen in den Echsenstammbaum.

Nachdem von dem Tier noch keine Oberschenkelknochen gefunden wurden, wäre es ebenso denkbar, dass die voluminöse Hüfte dazu diente, ungewöhnlich lange Beine zu bewegen, schreiben die Forscher. In diesem Fall hätte Brontomerus jedoch keine Stemmerfigur besessen, sondern eher einen giraffenhaften Körperbau.

So zeigt diese Studie wieder einmal, dass auch die Naturwissenschaften nicht nur mit Messungen und Fakten zu tun haben, und ebenso wie andere Fächer um Interpretationen, mitunter sogar um Spekulationen nicht herumkommen. Und wo fehlende Knochen kein eindeutiges Urteil zulassen, darf man auch der attraktiveren Hypothese den Vorzug geben. In diesem Fall: dem Donnerschenkel.

Robert Czepel, science.ORF.at

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