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Mann mit roter Krawatte und weißen Hemd schreit ins Megaphon vor blauem Himmel

Metaphern als Meinungsmacher

Was man gegen steigende Verbrechensraten tun soll, ist häufig Bestandteil öffentlicher Debatten. Um ihren Standpunkt zu untermauern, greifen manche Politiker anstelle von Argumenten gern auf drastische Sprachbilder zurück. Aus ihrer Sicht zu Recht: Denn die Art der Metapher beeinflusst Forschern zufolge tatsächlich Meinungen.

Psychologie 25.02.2011

Wurden Verbrechen in ihrer Studie mit einer "Bestie" gleichgesetzt, riefen die Testpersonen eher nach mehr Polizei und härteren Strafen; bei der Bezeichnung "Virus" befürworteten sie häufiger Sozialreformen.

Sprache voller Bilder

Zur Studie in "PLoS ONE":

"Metaphors We Think With: The Role of Metaphor in Reasoning" von Paul H. Thibodeau und Lera Boroditsky

Unsere Sprache ist voll von Metaphern. Bildlich lässt sich manches eben deutlicher und drastischer ausdrücken. "Manche Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jedes 25 Wort, das wir verwenden, eine Metapher ist", so der Hauptautor Paul Thibodeau von der Stanford University.

Besonders über komplexe Dinge - wie Verbrechen - könne man schwer ohne Sprachbilder sprechen. Metaphern werden laut Koautorin Lera Boroditsky eben nicht nur für eine blumige Sprache verwendet, vielmehr sollen sie Dinge des Lebens möglichst anschaulich erklären. "Und sie beeinflussen, wie wir bestimmte Probleme lösen", so Boroditsky. Denn der gezielte Einsatz von Redewendungen könne Debatten und Meinungen formen.

Die "Bestie" braucht Härte

Wie stark dieser Einfluss ist, haben die Forscher nun konkret anhand der Verbrechensproblematik untersucht. In fünf Experimenten mussten die 485 Probanden einige Absätze über die steigenden Verbrechensraten in der fiktiven Stadt Addison lesen und dann kurze Fragen dazu beantworten. Die Texte waren mit unterschiedlichen Metaphern ausgestattet. So hieß es etwa in einer Version: "Crime is a ravaging beast in the city of Addison." In der anderen: "Crime is a ravaging virus in the city of Addison."

Zudem enthielten die Berichte Statistiken über die steigenden Zahlen, so war beispielsweise von einem Anstieg um 10.000 kriminelle Delikte in drei Jahren die Rede.

Je nach gewählter Metapher fielen die Antworten der Teilnehmer sehr unterschiedlich aus. Beim Bild des "Untiers" verlangten 71 Prozent härtere Maßnahmen, beim "Virus"-Bild lag der Anteil bei 54 Prozent.

Fakten sind nicht entscheidend

Zum Schluss sollten die Teilnehmer noch darüber Auskunft geben, welcher Teil der Berichte sie ihrer Ansicht nach am meisten beeinflusst hätte. Nur 15 nannten die sprachliche Metapher. Alle anderen waren überzeugt, dass es vor allem die Zahlen gewesen wären, die die Wahl der Maßnahmen geprägt haben.

"Menschen denken in der Regel, sie seien objektiv und ihre Entscheidungen basierten vor allem auf Zahlen und Fakten", so Boroditsky. Sie würden eben gern an die eigene Vernunft glauben; in Wahrheit werden sie von Metaphern beeinflusst.

Gezielte Manipulation durch Sprache

Um herauszufiltern, wie wichtig die Sprachbilder tatsächlich sind, haben die Forscher zusätzlich die politischen Überzeugungen der Testpersonen erhoben. Denn sie vermuteten, dass Republikaner eher dazu neigen, Kriminelle hart zu bestrafen und einzusperren, und Demokraten eher soziale Maßnahmen wünschen.

Tatsächlich bevorzugten die republikanischen Teilnehmer eher die harten Sanktionen, aber der Unterschied war deutlich geringer als jener, der durch die Verwendung der verschiedenen Metaphern hervorgerufen wurde.

Das zeige, dass man nicht von vornherein die gleiche Position in jedem Bereich hat - auch wenn man dieselbe Partei wählt. Entscheidungsträger können jedoch ihre Ansichten in einem bestimmten Licht darstellen - Menschen ziehen dann gewissermaßen automatisch die gewünschten Schlussfolgerungen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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