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Blick auf den Mount Kinley in Alaska

Eiszeit: Ein Kindergrab in der Küche

Archäologen haben die ältesten Menschenknochen im subarktischen Nordamerika entdeckt. Die 11.500 Jahre alte Fundstelle in Alaska zeigt, wie Menschen am Ende der Eiszeit mit dem Tod eines Kindes umgingen.

Archäologie 25.02.2011

Sommerresidenz am Fluss

Es ist eine aufschlussreiche, aber auch tragische Familiengeschichte, von der Ben Potter in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Science" berichtet. Der Archäologe von der University of Alaska Fairbanks hat in der Nähe des Upward Sun River in Zentralalaska Überreste einer menschlichen Behausung entdeckt: zwei durch einen Gang verbundene Gebäude, insgesamt rund 50 Quadratmeter groß, die vor rund 11.500 Jahren während des Sommers bewohnt wurden. In einem der beiden Räume befindet sich eine Grube, sie diente wohl als Kochstelle sowie als Sammelbehälter von Essensresten.

Die Studie

"A Terminal Pleistocene Child Cremation and Residential Structure from Eastern Beringia": "Science" (Bd. 331, S. 1058; doi: 10.1126/science.1201581).

Anhand der darin gefundenen Knochen hat Potter mit seinen Kollegen den Speiseplan der Ur-Amerikaner rekonstruiert: Die Bewohner des Hauses, zu denen auch Frauen und Kinder gehörten, ernährten sich von Sperlingen und Moorhühnern, von Murmeltieren und Erdhörnchen und nicht zuletzt auch von Lachs. Letzterer ist im Winter nicht verfügbar - dies, sowie die Tatsache, dass die Skelette der Erdhörnchen von zum Teil sehr jungen Tieren stammen, lässt den Schluss zu, dass es sich bei dem Haus um einen Sommersitz handelte.

"Sie haben das Kind sorgsam behandelt"

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 25.2., 13:55

Der Fund wäre nicht so spektakulär, wenn Potter nicht auch Teile eines menschlichen Skeletts ausgegraben hätte: die Überreste eines dreijährigen Kindes. Woran das Kind gestorben ist, wissen die Forscher nicht, seine Knochen geben keine Hinweise auf Krankheiten oder einen Unfall. Fest steht, dass das tote Kind in der Kochgrube zunächst verbrannt und dann beerdigt wurde. Kurz darauf müssen die Bewohner die Hütte verlassen haben, denn in höher liegenden Schichten der Fundstelle finden sich nur mehr Sedimente - Knochen oder Steinwerkzeuge indes liegen alle in tieferen, sprich: älteren Schichten.

Plan der subarktischen Region mit Fundstelle des Grabes

Ben A. Potter

Lage der Fundstelle in Zentralalaska

Inwieweit die Beerdigung rituell begleitet wurde, ist offen. Zwar finden sich in dem Grab Spuren von Ocker - ein Pigment, das in vielen Kulturen bei Beerdigungen verwendet wurde. Doch Grabbeigaben mit symbolischer Bedeutung fehlen. Letzteres sei typisch für umherziehende Jäger und Sammler, sagt Potter.

Man dürfe daraus jedoch nicht den Schluss ziehen, der Tod des Kindes sei nur beiläufig zur Kenntnis genommen worden: "Die Beerdigung fand im Haus statt. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass es als Zentrum des Lebens - des Kochens, Essens und Schlafens diente, und wenn man bedenkt, dass die Hütte kurz darauf verlassen wurde, dann ist das ein recht klarer Hinweis darauf, dass die Bewohner das Kind sorgsam behandelt haben."

Kulturelles Bindeglied zwischen Kontinenten

Die verlassene Hütte vom Upward Sun River wirft auch Licht auf die Besiedlung Nordamerikas und die Verbreitung kultureller Traditionen. Die ersten Menschen dürften laut aktuellem Kenntnisstand vor mindestens 13.000 Jahren über die Beringstraße in die Neue Welt eingewandert sein. Anderthalb Tausend Jahre später, zur Zeit, als sich die Bewohner der Hütte eine neue Bleibe suchten, dürfte die Landbrücke zwischen den Kontinenten Asien und Amerika immer noch bestanden haben.

Potter und sein Team haben an der Fundstelle neben Knochen auch 350 Artefakte ausgegraben. Die Steinwerkzeuge gehören zur sogenannten Mikroklingentechnologie - diese Form der Werkzeugherstellung wurde vor rund 30.000 Jahren in China entwickelt und unterscheidet sich von jener, die etwa die Vertreter der Clovis-Kultur im zentralen Nordamerika auszeichnet. Auch die Behausung und das Nahrungsspektrum weisen eher Ähnlichkeiten mit Fundstätten dieser Periode nahe dem Ushuki-See in Sibirien auf denn mit solchen aus Nordamerika. Für Potter ein Indiz, dass man hier Zeuge eines kulturellen Übergangs geworden sei: "Die Technologie ist ein Bindeglied zwischen Alaska und der Alten Welt", sagt der kanadische Archäologe.

Er und seine Kollegen wollen nun versuchen, aus den wenigen erhaltenen Knochenresten genug DNA gewinnen zu können, um die genetischen Informationen des Kindes mit denen heutiger Bewohners der Region zu vergleichen. Der Vergleich wird auch zur Klärung der Frage beitragen, wie sich Kulturen am Ende der Eiszeit über die Kontinente ausgebreitet haben. Das kann nämlich sowohl durch die Diffusion von Ideen als auch durch die Wanderung von Menschen passiert sein - das Gewicht dieser Faktoren könnte nun die Abgleichung von Genetik und Archäologie bestimmen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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