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Liebespaar am Meer

Partnerwahl: Vielfalt verwirrt

"Big or small, short or tall, I love 'em all" - dieser Satz ist eher Fiktion denn Wirklichkeit, sagen Forscher. Laut einer Studie kann die Fülle des Angebots die Partnerwahl sogar behindern. Der Grund: Zu große Vielfalt überfordert unsere Psyche.

Psychologie 02.03.2011

Liebeskarten für Visiten

In den USA gibt es einen neuen Trend, Online-Dating mit Offline-Starter. Das geht so: Man konsultiere Firmen wie "FlipMe" oder "Cheek'd", erstehe ebenda einen Partnersuch-Account und erhalte dafür ein Päckchen Vistitenkarten, auf denen nebst neckischen Sprüchen die Zugangsdaten zur persönlichen Kontaktsite im Web vermerkt sind. Diese Kärtchen stecke man den potenziellen Lieben/Affären/Partnern in Supermärkten, Bars, U-Bahnen oder wo auch immer zu - in der Hoffnung, an den kurzen Erstkontakt möge sich ein Online-Austausch anschließen, dessen Sinn und Zweck natürlich wieder offline gerichtet ist.

So weit ist die Unterstützung der Technologie fürs persönliche Lebensglück durchaus weit gediehen. Die Frage ist nur: Wem sollte man die Kärtchen zustecken? Findet man im Gewusel der Großstadt, so man in einer solchen lebt, überhaupt die Richtige bzw. den Richtigen? Fragen wie diese beatworten kostenpflichtige Kontaktbörsen naturgemäß nicht. Zum Glück gibt es ein paar Wissenschaftler, die sich mit derlei Fragen auseinandersetzen.

Das Paradox des Überangebots

Die Studie

"Too much of a good thing? Variety is confusing in mate choice" ist im Fachblatt "Biology Letters" erschienen (doi: 10.1098/rsbl.2011.0098).

Eine davon ist Alison Lenton. Die Psychologin von der University of Edinburgh ging kürzlich der Frage nach, wie Größe und Vielfalt des Angebots unsere Wahl bei der Partnersuche beeinflussen. Denn Untersuchungen zeigen: Je breiter das Angebot, desto eher lehnen Menschen Kontaktofferten ab. Biologen erklären das mit dem Hinweis, dass eine große Zahl an (Partner-)Optionen eben wählerischer mache.

Psychologen indes führen ins Treffen, dass uns Wahlmöglichkeiten schlichtweg überfordern können: Übersteigen sie einen kritische Größe, fällt die Rate der richtigen Entscheidungen ab. Manchmal verhindert die Fülle des Angebots sogar, dass überhaupt Entscheidungen fallen - im Grunde ein Paradox: Auch das Überangebot von Sozialkontakten kann Einsamkeit erzeugen, nicht nur deren Absenz.

Praxistest: Speed-Dating

Lentons jüngste Studie jedenfalls scheint die psychologische Erklärung dieses Sachverhaltes zu stützen. Sie und ihre Kollege Marco Francesconi analysierten 84 kommerzielle Speed-Datings, an denen mehr als 3.700 Frauen und Männern teilgenommen hatten.

Bei den Veranstaltungen hatten die Teilnehmer jeweils drei Minuten Zeit, sich mit potenziellen Partnern auszutauschen, 48 Stunden später mussten sie der Agentur ein schlichtes "Ja" oder "Nein" zukommen lassen, ersteres bedeutete: "Mit dieser Frau/diesem Mann möchte ich mich nochmals treffen." Die Auswertung der Daten zeigte: Männer sagen deutlich öfter "Ja" als Frauen, ein durchaus erwartbares Ergebnis.

Für beide Geschlechter galt überdies: Je diverser das Angebot (hinsichtlich Alter, Größe, Gewicht, Bildung, Beruf und Glauben), desto seltener endete das Speed-Dating mit einem beiderseitigen "Ja". Dieser hemmende Effekt stellt sich jedoch nur ein, wenn die Gruppe potenzieller Partner und Partnerinnen heterogen war. Große, aber homogene Gruppen indes schränkten die positiven Reaktionen nicht ein.

Naheliegender Einwand: "Speed kills" mag in diesem künstlichen Setting zutreffen. Aber außerhalb von Dating-Veranstaltungen gibt es keine Zeitlimits. Sagt die Studie auch etwas über das wirkliche Leben aus? "Gute Frage", sagt Alison Lenton gegenüber science.ORF.at. "Die kurze Antwort lautet: Wir wissen es nicht."

"Wir fällen Urteile innerhalb von Sekunden"

Und die lange Antwort? "Forschungen zeigen, dass es für uns auch im Alltag ganz normal ist, Urteile über anderen Menschen zu fällen, manchmal sogar innerhalb von Sekunden. Und wenn einmal derlei Entscheidungen gefallen sind, dann ist es schwierig, sie wieder rückgängig zu machen."

Es sei also keineswegs klar, ob zusätzliche zehn Minuten bei einem Treffen zu einem anderen Ergebnis führen würden, sagt die britische Psychologin - und verweist auf ähnlich gelagerte Ergebnisse aus der Konsumforschung:

"Wenn die Vielfalt angebotener Produkte sehr hoch ist, haben wir Schwierigkeiten, überhaupt eine Wahl zu treffen. Auch hier gibt es keine expliziten Zeitlimits. Wenngleich man sagen muss: In gewisser Hinsicht ist Zeit immer ein limitierter Faktor. Unendlich lange kann man nämlich nie mit einer Entscheidung warten."

Robert Czepel, science.ORF.at

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