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Frauen, die in die Kamera schauen

"... dann wird Frauenförderung überflüssig"

Mit "Women in Technology" (WIT) möchte die Technische Universität Wien Frauen in der Wissenschaft unterstützen, was individuell auch erfolgreich ist. Eine frauen- und männerfreundliche Universität müsste aber anders aussehen, meint die Programmkoordinatorin Brigitte Ratzer.

Internationaler Frauentag 07.03.2011

Die bekennende "Kritikerin der Frauenförderung" skizziert gemeinsam mit der WIT-Dissertantin Kathrin Scharnhorst und der WIT-Schülerinnentrainerin Veronika Shivaldova, wie sich die Universität strukturell und inhaltlich verändern müsste, um nur auf Frauen abzielende Maßnahmen einmotten zu können.

science.ORF.at: Nun gibt es schon seit vielen Jahren Frauenförderungsprogramme an den meisten Unis - und dennoch hat man von außen den Eindruck, es ist wie mit dem internationalen Frauentag: Immer wieder werden dieselben Themen und Probleme angesprochen.

"Women in Technology"

Das Ziel des Programms "Women in Technology" (WIT) ist es, mehr Frauen in allen Ebenen des wissenschaftlichen Betriebs der Technischen Universität Wien zu verankern. Die Maßnahmen reichen von Workshops für Mädchen ab 10 Jahren, die praktische Erfahrungen mit Technik sammeln, über das Online-Mentoring für erstsemestrige Studentinnen und Schülerinnen, die bei der Studienwahl und bei Anfangshürden im Studium unterstützt werden, bis hin zu Schulungsangeboten für Studierende. Das Kernstück ist das Programm für acht Doktorandinnen, die nicht nur ihre Dissertation verfassen, sondern auch auf die Arbeit im Wissenschaftsbetrieb vorbereitet werden. Vier Fakultäten der TU Wien nehmen an WIT teil: Elektrotechnik, Chemie, Maschinenbau und Informatik.

Brigitte Ratzer: Ich bin ja mittlerweile eine Feindin von Frauenförderung ohne Struktureinbindung, weil sie einfach die Geschlechterstereotypen verstärkt - denn wie wir alle wissen, bei den Zahlen tut sich nicht viel. Warum ich das WIT-Programm dennoch für gut und sinnvoll halte, hat zwei Gründe: Erstens hat sich damit an den vier beteiligten Fakultäten ein tragfähiges Netzwerk an Menschen gebildet, die am Thema interessiert sind und zum Beispiel die Sommerkurse für Mädchen unterstützen. Und zweitens halte ich das PhD-Programm für zukunftsweisend und zwar für alle technischen Doktoratsstudien.

Kathrin Scharnhorst: Ich kann das aus meiner Erfahrung als Doktorandin bestätigen: Wir machen Seminare, die die wissenschaftliche Arbeit unterstützen wie beispielsweise zu Scientific Writing oder Präsentationstechniken, zum anderen aber auch Schulungen zum eigenen Auftreten etwa in Form eines Medientrainings.

Kathrin Scharnhorst, Brigitte Ratzer und Veronika Shivaldova

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Bild (von links): Kathrin Scharnhorst, WIT-Dissertantin in Chemie; Brigitte Ratzer, WIT-Koordinatorin und Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies an der TU Wien; Veronika Shivaldova, Dissertantin der Elektrotechnik und WIT-Schülerinnen-Trainerin

Das Programm "Women in Technology" umfasst sehr viele Bereiche. Kann man damit die Universität nachhaltig verändern oder macht man das Programm, weil es nicht mehr ohne geht?

Scharnhorst: Gerade in der Technik möchten die meisten Frauen gar nicht besonders behandelt werden, sie möchten ihr Studium oder ihre Arbeit machen und die gleichen Perspektiven haben wie ihre männlichen Kollegen. Insofern stimmt es natürlich, dass Frauenförderung problematisch sein kann, weil sie Frauen als anders, als besonders förderungsbedürftig hinstellt. Gleichzeitig verändert ein Programm wie WIT aber definitiv das Bewusstsein dafür, wo Frauen nicht die gleichen Chancen haben. Eine generelle Bewusstseinsänderung ist wahrscheinlich eine Generationenfrage.

Ö1 Sendungshinweis:

Über den Internationalen Frauentag berichten zahlreiche Sendungen in Ö1, zu finden unter: oe1.ORF.at/frauentag.

Ratzer: Die Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger sieht drei Aufgaben: "Fix the women" - schulen und stärken wir die Frauen. "Fix the institution" - verändern wir die Strukturen. "Fix the knowledge" - überprüfen wir, welches Wissen produziert wird und wie es sich auf alle Teile der Gesellschaft auswirkt. Wir an der TU beackern derzeit nur die erste Säule, wobei wir eigentlich an allen dreien arbeiten sollten. Diese Strategie kann und wird nicht zielführend sein. Aber was mit WIT gelungen ist: Es wird langsam klar, dass die Universität defizitär ist und nicht die Frauen. Und wir geben den Frauen, die hier strukturell schlechtere Chancen haben, ein Begleitprogramm.

Veronika Shivaldova: Mit Förderprogrammen sollte man immer aufpassen, weil ansonsten Frauen nur als Platzhalter gesehen werden. Sie sind da, weil es vorgeschrieben ist, dass sie da sein müssen und nicht aufgrund ihrer Qualifikation. Man muss viel mit Männern arbeiten, damit sie akzeptieren, dass Frauen eine Position genauso verdient haben wie sie selbst.

Also Frauenförderung als Männerschulung?

Shivaldova: Genau, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Alles konzentriert sich auf Mädchen und Frauen, Männer brauchen Schulungen in Sachen Bewusstsein vielleicht noch mehr.

Sie machen Trainings mit Mädchen. Wie reagieren Mädchen auf das Thema Technik?

Shivaldova: Jene, die kommen, sind sehr offen. Da sind auch immer einige dabei, die nicht aus eigenem Antrieb teilnehmen sondern wegen einer Freundin. Aber am Ende sind alle begeistert, und ich versuche, diese Begeisterung zu verstärken, indem ich die Leistung hervorhebe.

Merkt man derartige Maßnahmen bei den Zahlen, wie viele Frauen ein technisches Studium wählen?

Ratzer: Die Entwicklung geht extrem langsam. Momentan sieht es so aus: Elektrotechnik und Maschinenbau zehn Prozent Frauen, Physik 14 Prozent, Informatik 16 Prozent, Bauingenieure 20 Prozent, Mathematik 30 Prozent, Chemie 40 Prozent und Architektur 50 Prozent. Diese Maßnahmen können nicht sofort greifen und es gibt auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen: Studiengebühren etwa, Studieneingangsphasen - generell kann man sagen, dass jede Hürde zu einem deutlichen Rückgang der Frauenbeteiligung in technischen Fächern führt.

Welchen Unterschied hat das WIT-Programm in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn gemacht?

Shivaldova: Ich habe WIT entdeckt, als ich noch im Masterstudium war. Damals war ich fest entschlossen, die Forschung und die Technik zu verlassen, weil ich zu wenig Feedback bekommen habe. Als ich mit den Workshops für Mädchen begonnen habe, bekam ich plötzlich diese Rückmeldung von den Kindern und den WIT-Mitarbeiterinnen. Ohne WIT hätte ich meinem Fach, der Elektrotechnik, sicherlich den Rücken gekehrt.

Scharnhorst: Als ich WIT kennenlernte, war mein kleineres Kind gerade im Kindergartenalter und ich wollte wieder mit der Arbeit beginnen. Ich habe mich damals fast nicht mehr zu denken getraut, dass ich noch einmal in der Forschung arbeiten werde. Nun schreibe ich meine Dissertation über den Übertritt unerwünschter Stoffe aus Kunststoffverpackungen in Lebensmittel.

Werfen Sie einen Blick in die Zukunft: Wie soll eine technische Universität in 20 Jahren aussehen, damit Frauen und Männern die gleichen Chancen vorfinden?

Ratzer: Die Studienpläne schauen in 20 Jahren ganz anders aus. Sie sind interdisziplinärer, die Anwendungsbeispiele kommen nicht aus den Bereichen Roboterfußball und Racing Car, sondern aus der Umwelt- und Medizintechnik. Produkte und Anwendungen wären gesellschaftlich und sozial relevanter als das, was man heute macht. Auf der strukturellen Ebene haben wir in 20 Jahren transparente Verfahren. Anfänger wissen, wie man eine wissenschaftliche Karriere startet, wie die Aufstiegschancen aussehen. Jene Menschen, die für Stellenbesetzungen zuständig sind, treffen ihre Entscheidung nach bekannten und nachvollziehbaren Kriterien. Wir haben alle möglichen Formen von neuen Arbeitszeitmodellen. Es gibt Teilzeitphasen, keine Sitzungen nach 16.30 Uhr, keine Anwesenheitszeiten von acht Uhr früh bis Mitternacht, die auch noch positiv bewertet werden. Langsamere Phasen in einer Karriere sind für beide Geschlechter möglich und werden bei Bewerbungen nicht negativ bewertet. Und wenn wir all das umgesetzt haben, brauchen wir keine Frauenförderung mehr - und das muss unser Ziel sein.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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